Der Main-Kinzig-Kreis hat seine Corona-Regelungen verschärft.
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Der Main-Kinzig-Kreis hat seine Corona-Regelungen verschärft.

Pressekonferenz

„Gesellschaftliche Bewährungsprobe“: MKK-Kreisspitze appelliert in Corona-Krise an Eigenverantwortung

Die Uhr an der Wand zeigt zu Beginn der Pressekonferenz zur aktuellen Corona-Lage im Main-Kinzig-Kreis fünf nach zwölf. Kein gutes Omen, könnte man meinen, doch ganz so aussichtslos wollten Landrat Thorsten Stolz, Gesundheitsdezernentin Susanne Simmler, Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky und Stefan Erb als Vorsitzender der Bürgermeisterkreisversammlung (alle SPD) die Lage nicht bewerten.

Region - Allerdings dürfe es, so die einhellige Meinung der Verantwortlichen, keinerlei Zweifel daran geben, dass es gerade in den kommenden Wochen und Monaten erheblicher Anstrengungen bedürfen werde, die dynamische Entwicklung der Infektionszahlen zu stoppen und damit einen weiteren Lockdown zu verhindern. Zentrale Botschaft der Veranstaltung, zu der die Kreisspitze vor dem Hintergrund der seit gestern geltenden neuen Allgemeinverfügung geladen hatte, war ein eindringlicher Appell an die Eigenverantwortung jedes Einzelnen.

Die Zahlen sprechen für sich: Während am 8. Oktober die Sieben-Tage-Inzidenz für den Main-Kinzig-Kreis noch bei 20 lag, waren es am 19. Oktober bereits 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb der sieben Tage zuvor, die man zwischen Sinntal und Maintal verzeichnete. Von 75 nur drei Tage später kletterte der Wert bis gestern Mittag, 11 Uhr, auf 123. Insgesamt wurden gestern 93 neue Fälle gemeldet; damit gelten 936 als aktiv. Stationär versorgt werden 27 Menschen.

Corona-Krise: Die Spitze des Main-Kinzig-Kreis appelliert an die Verantwortung der Menschen

Die von den Neuinfektionen betroffenen 93 Personen wohnen in Hanau (34), Maintal (8), Wächtersbach (8), Linsengericht (6), Erlensee (4), Gelnhausen (4), Schlüchtern (4), Hasselroth (3), Langenselbold (3), Bruchköbel (2), Freigericht (2), Nidderau (2), Rodenbach (2), Großkrotzenburg (2), Sinntal (2), Bad Orb, Gründau, Bad Soden-Salmünster, Biebergemünd, Birstein, Hammersbach und Jossgrund.

Anders als noch im August, als vor allem Teile des Westkreises betroffen waren, treffe es diesmal den gesamten Kreis, so Stolz. Durch die vielfältigen Verflechtungen mit dem Rhein-Main-Gebiet, die sich allein durch täglich 100.000 Ein- und 80.000 Auspendler ergäben, sehe man sich einer ähnlichen Dynamik ausgesetzt wie in Frankfurt oder Offenbach.

„Es kommt deshalb auf jeden einzelnen der 420.000 Kreisbürger an, seinen Beitrag dazu zu leisten, jene Dynamik zu stoppen und somit die Wiederanfahrt der Wirtschaft ebenso wenig zu gefährden wie die ambulante und stationäre Versorgung in den Krankenhäusern“, sagte der Landrat. Dort verzeichne man bereits einen Anstieg im Bereich der stationären Aufnahmen von sechs Patienten am 8. Oktober auf 27 gestern, führte Stolz aus. Ein Mindestmaß an Solidarität im Alltag sei dringend notwendig, um das Gesundheitssystem nicht zum Erliegen zu bringen. „Längst ist die Bekämpfung der Pandemie nicht mehr nur eine medizinische Herausforderung, sondern eine gesellschaftliche Bewährungsprobe“, so der Landrat.

Hanaus Oberbürgermeister: Stehen als Gesellschaft vor dem vielleicht schwierigsten Winter seit 1946/47

Die neue Allgemeinverfügung des Kreises zielt vor allem auf den Bereich des privaten Miteinanders ab, weil, wie die Gesundheitsdezernentin ausführte, der überwiegende Teil der Neuinfektionen hier zu verorten sei. Simmler sprach von einem insgesamt „sehr diffusen Geschehen“, das zunehmend schwerer zu erfassen sei – auch wenn die Mitarbeiter des Kreisgesundheitsamts mittlerweile im Zwei-Schicht-System von 7 bis 22 Uhr mit der Nachverfolgung der Kontaktpersonen befasst seien. Wenn man davon ausgehe, dass jeder der 123 Neuinfizierten von gestern nur fünf Kontaktpersonen hatte, wären allein dies 615 Personen, die angerufen werden müssten.

„Wir stehen als Gesellschaft vor dem vielleicht schwierigsten Winter seit 1946/47“, lautete die Prognose von Hanaus OB, der von einem „kleinen Wunder“ sprach, das es brauche, um die aktuelle Entwicklung zu stoppen. In Hanau ist der Inzidenzwert der Entwicklung im Kreisgebiet noch voraus: Er lag gestern bei 159. Der Bevölkerung die Ernsthaftigkeit der Lage zu vermitteln, ohne Panik auszulösen, das beschrieb Kaminsky als die große Herausforderung dieser Tage. Ein Unterfangen, das zunehmend schwieriger wird, weil sich im nunmehr siebten Pandemie-Monat eine zunehmende Corona-Müdigkeit bemerkbar macht. Das Verständnis für Beschränkungen schwinde in Teilen der Bevölkerung sichtbar, sagte Kaminsky.

Sport zwar ohne Zuschauer - aber nicht in der Zwangspause

Auch bei Erlensees Bürgermeister Stefan Erb ist der Eindruck entstanden, dass mancher Bürger angesichts der Flut von Verordnungen resigniere. Die Beschränkungen zur Gesundheitsvorsorge weitestgehend nachvollziehbar zu halten, das sei deshalb das ebenso erklärte Ziel wie eine gewisse Einheitlichkeit. Damit erklärt die Kreisspitze den Umstand, dass bei Sportveranstaltungen zwar keine Zuschauer mehr erlaubt sind, der Sport aber nicht komplett in die Zwangspause geschickt wird. So habe es – anders als im September – unter den Spielern und beim Training kaum Infektionsfälle gegeben, wohl aber im Publikum, sagte Stolz.

Die Zahl der Infizierten geht im Vogelsbergkreis auch weiter nach oben. Das Gesundheitsamt meldet 15 Neuzugänge, ihnen stehen drei Genesungen gegenüber. Derzeit gibt es 78 „aktive Fälle“. Die Inzidenz liegt nach Angaben des Robert Koch-Instituts bei 54,9. Alle Neuinfizierten befinden sich in Quarantäne. (Von Nicole Schmidt)

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