Sarah Eiffert mit Bruder Tim und Kuh Gitta – das Corona-Virus hat bislang zum Glück einen großen Bogen um ihren Hof gemacht. Falls sich das ändern sollte, wissen sie, was zu tun ist.
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Sarah Eiffert mit Bruder Tim und Kuh Gitta – das Corona-Virus hat bislang zum Glück einen großen Bogen um ihren Hof gemacht. Falls sich das ändern sollte, wissen sie, was zu tun ist.

„Versorgung ist gesichert“

Wenn Landwirte in Corona-Quarantäne gehen - Familie Eiffert aus Breunings für den Ernstfall gerüstet

  • Lena Quandt
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Wer im Büro arbeitet, kann ins Homeoffice wechseln. Wer in Quarantäne muss, bleibt zuhause auf dem Sofa. Was so einfach klingt, funktioniert bei Landwirten nicht. Ihre Arbeit kennt keinen Sonn- oder Feiertag und auch kein Corona. Doch was passiert mit dem Betrieb, wenn sich der Landwirt mit dem Virus infiziert hat und in Quarantäne muss?

Main-Kinzig-Kreis/Breunings - Die schriftliche Antwort des Main-Kinzig-Kreises auf eine entsprechende Anfrage unserer Zeitung verweist auf die Internetseite des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Dort steht: Wer als Betriebsleiter an Corona erkrankt, könne sich an die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) wenden, um einen Betriebshelfer gestellt oder die Kosten für einen selbst organisierten Betriebshelfer übernommen zu bekommen. Ob dies möglich sei, „hängt vom konkreten Einzelfall und von der Abstimmung mit den Behörden vor Ort ab“, so die Information.

Wie das in der Praxis aussieht, erklärt Mark Trageser, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Main-Kinzig. Er schränkt ein: „Die Hilfe durch die SVLFG kommt, müsste aber längerfristig geplant sein. Bei Corona ist das nicht möglich. Wenn heute Mittag das Gesundheitsamt anruft und mich in Quarantäne schickt, dann bräuchte es mindestens zwei bis drei Tage, bis ein Betriebshelfer auf diesem Weg vor Ort sein könnte. In der Kürze der Zeit geht das nicht schneller.“ Für einen landwirtschaftlichen Betrieb dauere das aber zu lange. Landwirte organisierten sich daher bereits selbst, damit sie auf Familienangehörige, Nachbarn oder Kollegen zurückgreifen könnten, um Engpässe zu überbrücken.

Wenn Landwirte in Corona-Quarantäne gehen: Familie Eiffert aus Breunings für Ernstfall gerüstet

Das bestätigt auch Sarah Eiffert aus Breunings. Die 25-jährige Junglandwirtin betreibt mit ihren Eltern und ihrem Bruder eine Milchkuhhaltung, die mit der Nachzucht insgesamt 265 Tiere zählt, davon 150 Milchkühe. „Wenn einer von uns in Quarantäne muss, müssten wir das als Familie abfangen“, sagt sie. Einen Betriebshelfer zu beantragen, sei mit einem enormen bürokratischen Aufwand verbunden. Da könne sie die Zeit für Arbeiten auf dem Hof besser nutzen, findet die Sinntalerin. Zwei Wochen überbrücken, das ginge auch, wenn einer aus der Familie ausfallen würde. Angst vor Corona hat die junge Frau nicht, aber aus beruflicher Sicht hat die Krise ihren Alltag erschwert. Ein Beispiel: „Unser Futterberater vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen kommt normalerweise einmal im Monat. Jetzt darf er nur noch aus zwingenden Gründen vorbeischauen.“ Der Futterberater sei aber wichtig für den Betrieb, gebe Tipps und Anregungen, mache hilfreiche Verbesserungsvorschläge. Besuche vom Tierarzt seien auch nur mit Mindestabstand möglich.

Video: Deutlicher Rückgang bei den Corona-Neuinfektionen

Laut Bundesregierung gehört die Land- und Ernährungswirtschaft inklusive der Fischerei zur „systemrelevanten Infrastruktur“. Wie das BMEL mitteilt, sollte daher mit dem Gesundheitsamt geklärt werden, ob ein Landwirt in Quarantäne – unter Berücksichtigung des notwendigen Gesundheitsschutzes – die Betreuung der Tiere und gegebenenfalls auch die Bestellung der Felder weiter ausführen darf, wenn der Kontakt zu Dritten ausgeschlossen ist.

Strenge Vorgaben von den Molkereien: Wer mit Corona infiziert ist, darf nicht in der Milchkammer arbeiten

Familie Eiffert hat bereits beschlossen, wenn einer an Corona erkrankt, symptomfrei ist oder nur leichte Symptome hat, dann arbeitet er – getrennt von den anderen – weiter. Das ist nach den Angaben des Ministeriums möglich. Aber: Sollte dieser Fall eintreten, gibt es strenge Vorgaben von den Molkereien. „Wer nachweislich mit Corona infiziert ist, darf zum Beispiel nicht in der Milchkammer oder im Melkstand arbeiten“, erläutert Eiffert. Oberflächen, mit denen die Molkerei-Fahrer in Berührung kommen, müssten dann desinfiziert und der Mindestabstand zwischen den Personen penibel eingehalten werden. „Wir hoffen einfach, dass es so weit nicht kommt“, sagt die Junglandwirtin.

„Was resultiert daraus, wenn der Landwirt nicht arbeiten kann?“, fragt indes Trageser. Seine Antwort: „Wenn mein Nachbar meinen Hof mitversorgt, weil ich in Quarantäne bin, dann muss klar sein, dass dieser nicht überall sein kann. Dann werden die Tiere aus Zeitgründen nicht so sorgfältig eingestreut oder sie blöken, weil sie später gemolken werden. Ruckzuck steht dann das Veterinäramt auf dem Hof. Die Versorgung der Tiere muss zu jeder Zeit gewährleistet sein.“ Selbst wer seine Tiere im Freien halte, müsse regelmäßig nach dem Rechten sehen, so Trageser.

Mark Trageser: „Die Regale in den Supermärkten sind nur voll, weil immer irgendwo etwas geerntet wird“

Unternehmen, die eine mit der Produktion, der Verarbeitung oder dem Vertrieb von Lebensmitteln zusammenhängende Tätigkeit ausüben, zählen zur kritischen Infrastruktur“, heißt es weiter beim BMEL. Dies seien Organisationen und Einrichtungen, bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung zum Beispiel Versorgungsengpässe eintreten würden. Einen Grund zur Sorge gebe es in Deutschland aktuell nicht. Das Ministerium bekräftigt: „Es gibt keine Engpässe bei der Lebensmittelversorgung in Deutschland.“

Im Frühjahr hatte Trageser noch das Gefühl, dass die Einstufung der Landwirtschaft als systemrelevant der Branche einen Schub gegeben habe. Die Hoffnung sei groß gewesen. „Als die H-Milch in den Regalen weniger wurde, da haben viele Leute gemerkt, dass wir Landwirte gebraucht werden, da war die Akzeptanz groß. Inzwischen ist das leider wieder verpufft.“ Wie wichtig das Säen und Ernten ist, erklärt er an einem Beispiel: „Die weltweiten Getreidevorräte reichen für 100 Tage. Die Regale in unseren Supermärkten sind nur voll, weil immer irgendwo auf der Welt gerade etwas geerntet wird.“ Er rät jedoch davon ab, sich davon abhängig zu machen. „Deutschland und der Westen werden immer genug Geld haben, um Lebensmittel zu importieren. Aber wir müssen auch an die denken, denen wir sie dann wegnehmen.“ Trageser ärgert, dass viele Verbraucher nicht bereit seien, mehr für die Endprodukte zu zahlen.

Situation der Landwirte so angespannt wie noch nie

Die Situation der Landwirte sei so angespannt wie noch nie, berichtet er. Der Schweine-Stau in den Ställen, die Düngeverordnung und das Agrarpakt sorgten unter anderem für Unmut. „Es ist klar, dass während Corona gerade andere Themen dringender sind. Aber wir wollen nicht vergessen werden. Die Betriebe im Main-Kinzig-Kreis laufen trotz aller Einschränkungen weiter. Es gibt keine Ausfälle, die Landwirte bekommen das organisiert. Und sie haben im Gegensatz zu Gaststätten, dem Einzelhandel oder Friseuren die Chance dazu. Sie können die laufenden Kosten der Betriebe bezahlen. Rücklagen bilden ist jedoch aktuell schwierig.“

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