Joachim (links), Pascal und Marianne Truss wollen ins Stadtparlament einziehen – für die SPD und die CDU.
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Joachim (links), Pascal und Marianne Truss wollen ins Stadtparlament einziehen – für die SPD und die CDU.

Familie Truss

Kommunalwahl: Mutter, Vater und Sohn treten in Schlüchtern für unterschiedliche Parteien an

  • Tim Bachmann
    vonTim Bachmann
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Ein Pfarrer a.D. in der SPD, seine Frau und sein Sohn bei den Christdemokraten. Im Hause Truss ist man sich in der Wahl der „richtigen“ Partei zwar nicht einig, im Grundsatz allerdings schon. Alle wollen sich in der Kommunalpolitik engagieren. Für ihre Heimat. Für Schlüchtern.

Schlüchtern - Für Pfarrer a. D. Joachim Truss (68) aus Schlüchtern im Main-Kinzig-Kreis stand keine ethisch-religiöse Entscheidung zwischen „sozial“ (SPD) und „christlich“ (CDU) an, als er sich entschloss, in die Kommunalpolitik zu gehen. „Die Entscheidung für die SPD fiel schon viel früher. Ich komme aus Kassel“, erklärt der amtierende Stadtverordnetenvorsteher. Und in Kassel war die SPD, wie in ganz Nordhessen, die prägende Kraft in der damaligen Zeit.

Vier Kasseler SPD-Politiker hätten die Stadt-, Landes- und auch Bundespolitik entscheidend mitgeprägt, berichtet Truss und zählt auf: „Georg August Zinn, Holger Börner, Hans Krollmann und Hans Eichel.“ Auf der Herderschule sei er durch den Direktor, ein Freund des damaligen Justizministers Karl Hemfler (SPD), ebenfalls sehr geprägt worden. Dennoch sei er erst als Pfarrer a. D. der Partei beigetreten.

Main-Kinzig-Kreis: Familie Truss aus Schlüchtern kandidiert bei Kommunalwahl für SPD und CDU

Die Entscheidung pro SPD habe für ihn aber auch eine gewisse „Familientradition“. Eine angeheiratete zumindest, schließlich sind seine beiden Schwäger, ebenfalls Theologen, auch Sozialdemokraten und in der Kommunalpolitik aktiv. Der eine war Bürgermeister von Melsungen, der andere ist auch im Bergwinkel kein Unbekannter: Dekan Fritz-Eckhard Schmidt, der schon seit vielen Jahren bei den Sozialdemokraten in Steinau mitmischt.

„Mein christliches Menschenbild ist besonders durch die Gleichheit aller Menschen geformt, welche sich vor allem im sozialen Bereich zeigt. Die SPD ist mit Abstand die älteste Partei in unserem Land, und sie hat sich schon im Kaiserreich der sozialen Frage gestellt“, unterstreicht der 68-jährige Truss, der selbst erst im Jahr 2017 der Partei beigetreten ist.

Schlüchtern: Joachim Truss in der SPD, Marianne und Pascal Truss in der CDU

Damals war er schon im Ruhestand und zuvor als Parteiloser über die SPD-Liste mit den insgesamt meisten Stimmen ins Stadtparlament in Schlüchtern gewählt worden. „Als Pfarrer war mir die soziale Frage wichtig, natürlich ohne parteipolitische Attitüde. Ich sehe mich zwar auch als Stadtverordnetenvorsteher in gewisser Weise als parteiunabhängig an, fand es aber nicht richtig, auf der Partei-Welle zu surfen, ohne der SPD anzugehören“, erklärt Joachim Truss.

Der Pfarrer a. D. aus Schlüchtern gibt es als eines seiner Ziele aus, verschiedene Meinungen zusammenzubringen. Als Beispiel nennt er die gelebte Ökumene in seiner Zeit als Pfarrer, den Dialog mit dem türkisch-islamischen Verein und den Ahmadiyya in Schlüchtern. Und mit dem früheren katholischen Pfarrer Dr. Lech Kowalewski „verbindet mich eine tiefe Freundschaft“.

Die SPD bezeichnet der Stadtverordnetenvorsteher als seine „politische und soziale Heimat. In meinem Ruhestand kann ich etwas an unser Land und unsere Stadt zurückgeben und zum Verständnis unterschiedlicher Meinungen beitragen. Spalter und Hasser gibt es bei uns genug. Warum sich nicht für mehr gegenseitiges Verständnis einsetzen?“, fragt der 68-jährige Truss.

Pascal Truss zur CDU: Christliche Prägung als Pfarrerskind in Schlüchtern

Seine Frau Marianne (65) und sein Sohn Pascal (35) haben sich vor gut fünf Jahren für ein andersfarbiges Parteibuch entschieden. Bei ihnen hat das „christliche“ in der CDU tatsächlich den Ausschlag gegeben. Die gelernte Bankkauffrau wurde seit frühester Kindheit durch die Eltern sehr christlich geprägt.

„Durch die Eheschließung mit einem evangelischen Pfarrer tat sich ein weites Feld an ehrenamtlicher, kirchlicher Gemeindearbeit auf. So betätigte ich mich insbesondere in der Kinder- und Jugendarbeit“, erklärt die 65-jährige Marianne Truss. „Später erkannte ich mein Interesse an der Ökumene und Frauenarbeit. So habe ich lange im ökumenischen Arbeitskreis und in der Frauenarbeit auf Ebene der Landeskirche in Kassel und vor Ort mitgearbeitet.“

Marianne Truss weiter: „Dabei war der jährliche Weltgebetstag der Frauen und der interreligiöse Dialog besonders mit Muslimas und Christinnen ein Schwerpunkt.“ Sie möchte durch ihre Erfahrungen nun auch politisch Menschen – besonders Frauen – miteinander ins Gespräch bringen, „um ihre Anliegen zur Gleichstellung der Geschlechter nach biblischer Sicht voranzubringen. Dies hat mich bewogen, der CDU beizutreten und dort besonders die Stimme der Frauen zu Gehör zu bringen.“

In Familie und Parlament: Demokraten müssen zusammenarbeiten können

Pascal Truss sieht „den Grundstein zu meiner Parteiliebe zur CDU in der Berufung meines Vaters“. Als „Pfarrerskind bekommt man doch schnell eine ausführlich christliche Prägung durch die ‚Nabelschnur‘ “, erklärt der 35-jährige Lagerarbeiter und hängt scherzend den vielgenutzten Spruch an: „Pfarrers Kinder, Müllers Vieh, geraten selten – oder nie.“

Der Bezug zum klerikalen Sektor sei für ihn schon in Kindertagen spürbar gewesen, „jedoch nicht zwanghaft erwünscht“, was er mit der „sozial weltlichen Prägung“ seines Vaters erklärt .„Ich habe mich nach meiner Jugend gewollt zum ‚C‘ in einer Partei bekannt, um bei meiner zukünftigen Parteiarbeit einen geprägt-gewollten Anschluss an klerikale beziehungsweise sogar kirchliche Strukturen und Weltanschauungen zu haben“, erklärt das junge CDU-Mitglied aus dem Main-Kinzig-Kreis.

Eine „demokratische Union“ empfinde er für eine Parteistruktur als das sozialste Gefüge, das „ich öffentlich vertreten möchte, um unsere ‚soziale Frage‘ auch zukunftsweisend auszufüllen. Basisdemokratie benötigt einfache Mitglieder, die aber auch überregional gebildet und eine Zugehörigkeit haben müssen. Deshalb finde ich auch bei Kommunalwahlen eine Parteizugehörigkeit sinnvoll“, erklärt CDU-Kandidat Pascal Truss.

„Ich freue mich und finde es gut, dass sich meine Frau und mein Sohn kommunalpolitisch engagieren wollen. Obwohl sie das natürlich auch in der richtigen Partei tun könnten“, scherzt Joachim Truss. Familiär sei das unterschiedliche Parteibuch allerdings gar kein Problem. In diesem Zusammenhang erinnert der Pfarrer a. D. an Hildegard Hamm-Brücher (1921 – 2016), die „Grande Dame“ der FDP, die immerhin gut 50 Jahre lang mit Erwin Hamm verheiratet war, „einem Kommunalpolitiker der CSU“.

Oder aber, um im Lokalen zu bleiben, an die Familie Müller-Marschhausen in Schlüchtern. Er: brennender Sozialdemokrat. Sie: seit mehr als 40 Jahren FDP-Mitglied. Joachim Truss: „Ich bin der Meinung, dass in der Kommunalpolitik die Zusammenarbeit aller demokratischer Parteien möglich sein muss.“ Gleiches gilt natürlich für das Familienleben.

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