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17-Jähriger flüchtet aus der Ukraine nach Schlüchtern - „Im Zug haben wir die Explosionen gehört“

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Von: Marah Naumann

Der 17-jährige Anton Kyselyov flüchtete aus seinem Wohnort Kiew. In Schlüchtern fühlt er sich nun sicher, doch er sorgt sich um seine Mutter, seinen Großvater und seine Freunde, die noch immer in der Hauptstadt der Ukraine sind.
Der 17-jährige Anton Kyselyov flüchtete aus seinem Wohnort Kiew. In Schlüchtern fühlt er sich nun sicher, doch er sorgt sich um seine Mutter, seinen Großvater und seine Freunde, die noch immer in der Hauptstadt der Ukraine sind. © Marah Naumann

Es ist eine Tragödie, die sich derzeit in Europa abspielt: Seitdem Soldaten aus Russland unter dem Befehl von Präsident Wladimir Putin die Ukraine angreifen, sind Hunderttausende Menschen auf der Flucht. Unter ihnen war auch der Sohn eines Oberarztes aus Schlüchtern im Main-Kinzig-Kreis.

Kiew/Schlüchtern - Anton Kyselyov wirkt gefasst und ruhig. Nichts deutet darauf hin, was der 17-Jährige in den vergangenen Tagen durchmachen musste. Der Abiturient hat eine knapp 40-stündige Flucht aus Kiew hinter sich. Nun ist er bei seinem Vater Andriy in Sicherheit, im Main-Kinzig-Kreis (lesen Sie auch hier: Main-Kinzig-Kreis bereitet sich auf Ukraine-Flüchtlinge vor).

Der in den Main-Kinzig-Kliniken in Schlüchtern tätige Oberarzt lebt seit 2009 in der Bergwinkelstadt und ist froh, dass sein Sohn unbeschadet angekommen ist. Für Anton ist es bereits der zweite Krieg. 2014 erlebt er hautnah die Bombenangriffe in seiner ostukrainischen Heimatstadt Mariupol und damit den Beginn des bewaffneten Konflikts um die Unabhängigkeit der „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk.

Ukraine-Krieg: 17-Jähriger flüchtet aus Kiew in den Main-Kinzig-Kreis

Daraufhin zieht er mit seiner Mutter und seinem Großvater nach Kiew. Bis zuletzt fühlt sich die Familie in der ukrainischen Hauptstadt sicher. Doch das ändert sich vergangene Woche, als russische Streitkräfte einen bewaffneten Angriff auf das Land starten. Schließlich trifft die Familie eine Entscheidung: Anton muss fliehen.

„Ich habe versucht, Möglichkeiten, Wege aus der Stadt für ihn zu finden“, berichtet Andriy Kyselyov, sichtlich betroffen von den Ereignissen der vergangenen Tage. Eine Flucht mit dem Auto ist nicht mehr möglich, also fällt die Wahl auf die Bahn. „Die Züge nehmen so viele Leute wie möglich mit, auch ohne Fahrkarten“, weiß Anton.

Doch bevor der 17-Jährige im Zug Richtung Westen sitzt, muss er um sein Leben fürchten. Er verbringt eine Nacht in einem Bunker, schläft so gut wie nicht. Nachdem er anschließend kurz nach Hause kann, muss er erneut im Untergrund Schutz suchen, bevor er mittags schließlich von dort zu Fuß Richtung U-Bahn-Station flieht (Lesen Sie hier: Angriff auf die Ukraine schockt Osthessen - Verfolgen Sie die Ereignisse im News-Ticker).

Als er die Frage, ob er Angst hatte, verneint, unterbricht ihn sein Vater: „Doch, er hatte Angst. Wir haben telefoniert und ich habe ihn psychologisch betreut, damit er stabil ist, um zur U-Bahn zu kommen.“ Am Bahnhof in Kiew angekommen, findet Antons Mutter eine Zugbegleiterin, die sich ihres Sohnes annimmt (Lesen Sie hier: Ukraine-Krieg: So stehen Russen und Ukrainer in Fulda zu Putin).

Unzählige Menschen versuchen derzeit, aus der Ukraine zu flüchten. Viele nehmen den Zug, so wie hier am Bahnhof in Kiew. Auch der Sohn eines Oberarztes aus Schlüchtern flüchtete mit der Bahn.
Unzählige Menschen versuchen derzeit, aus der Ukraine zu flüchten. Viele nehmen den Zug, so wie hier am Bahnhof in Kiew. Auch der Sohn eines Oberarztes aus Schlüchtern flüchtete mit der Bahn. © Vadim Ghirda/dpa

Für eine richtige Verabschiedung ist keine Zeit. 16 Stunden ist Anton mit dem völlig überfüllten Zug Richtung Westen unterwegs. Die Bahn fährt bei Dunkelheit und ohne Licht, die Fenster sind abgedunkelt, damit die Flüchtenden nicht von russischen Soldaten entdeckt werden. Unter den Fahrgästen sind viele Frauen mit Kindern.

Während die Kleinen weinen, sind die Erwachsenen gefasst. „Die Ukrainer sind sehr ruhig, sehr gut organisiert und nicht panisch“, erinnert sich Anton. Viele hätten erkannt, dass sie mittlerweile weiter weg sind vom Krieg. Doch nicht weit genug, wie Anton schildert: „Im Zug haben wir die Explosionen der Bomben gehört, manchmal sogar die Vibrationen gespürt.“

40 Stunden Flucht aus Kiew in Main-Kinzig-Kreis - Freunde stellen Molotow-Cocktails her

Während der Zugfahrt hat der 17-Jährige ständig Kontakt zu seinen Klassenkameraden. Sie fragen, ob alles in Ordnung ist. Viele von ihnen sind mit ihren Familien in Kiew geblieben und wollen kämpfen. Seine Freunde versuchen zu helfen, indem sie Molotow-Cocktails herstellen. Einige Jugendliche haben bereits selbst welche in Richtung der russischen Streitkräfte geworfen.

Schließlich erreicht Anton die slowakische Grenze. Dort isst er zum ersten Mal seit 24 Stunden wieder etwas. Schlafen wird er während seiner zweitägigen Flucht nur etwa sechs Stunden. Am Grenzübergang wartet Anton stundenlang in der Schlange der Flüchtlinge, um einreisen zu dürfen.

Die wichtigsten Gegenstände für Anton: Sein Pass, sein Handy, mit dem er Kontakt zu Freunden und Familie in der Heimat hält, und die täglich genutzte FFP2-Maske.
Die wichtigsten Gegenstände für Anton: Sein Pass, sein Handy, mit dem er Kontakt zu Freunden und Familie in der Heimat hält, und die täglich genutzte FFP2-Maske. © Marah Naumann

Auf der anderen Seite wartet Vater Andriy, der mit dem Auto von Schlüchtern über 1200 Kilometer in die Slowakei gefahren ist und seinen Sohn abholt. „Ich bin sehr froh, hier zu sein. Ich wäre aber froher, wenn alle Ukrainer in einer solchen Sicherheit wären, wie ich es jetzt bin“, betont Anton.

Nun hat er in Schlüchtern Zuflucht gefunden. Dabei denkt er vor allem an seine Mutter, eine Apothekenleiterin, und seinen 82-jährigen Großvater. Sie sind noch immer in Kiew. Die Mutter will weiterarbeiten. Und er denkt an seine Klassenkameraden, die er noch einmal sehen, umarmen, mit ihnen spazieren gehen möchte.

Video: „Wir wollen nur am Leben bleiben“ - Massenflucht aus der Ukraine

In Schlüchtern angekommen, versuchen Vater und Sohn, sich etwas abzulenken, etwa mit Einkaufen, meint Anton und lächelt ein wenig. Denn mitgebracht hat er nur das, was er am Leibe trug – und einen Rucksack mit Laptop, Handy, Ausweis, Medikamenten, einem Buch und etwas Bargeld. Wie es jetzt weitergeht, weiß Anton nicht.

In der Ukraine wollte er in diesem Jahr sein Abitur machen. Er hat einen Notenschnitt von 1,0 und möchte in Deutschland Medizin studieren. Dafür hat er sich bereits vorbereitet: Er spricht nahezu perfekt Deutsch, eine bestätigende Prüfung am Goethe-Institut in Kiew wurde aber bereits vor zwei Wochen wegen der Unruhen abgesagt. (Lesen Sie hier: Verein der Köche Fulda startet großen Hilfsgüter-Transport und will an Ukraine-Grenze kochen).

Antons aktuell größter Wunsch ist jedoch klar: „Ich wünsche mir, den Krieg zu überleben und dass der Krieg endet. Das wünsche ich auch allen anderen Menschen in der Welt.“

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