Zerstörung, Schutt, Schlamm überall. Auch nach sieben Stunden Knochenjob hatte Jennifer Brasch nicht das Gefühl, viel bewegt zu haben.
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Zerstörung, Schutt, Schlamm überall. Auch nach sieben Stunden Knochenjob hatte Jennifer Brasch nicht das Gefühl, viel bewegt zu haben. Die Arbeit ist schier unendlich.

Helfer für einen Tag

Flutkatastrophe in Westdeutschland: Mutter und Tochter aus dem Main-Kinzig-Kreis helfen

  • Alexander Gies
    VonAlexander Gies
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Jennifer Brasch und ihre Tochter Celina aus Bad Soden-Salmünster (Main-Kinzig-Kreis) sind ins schwer getroffene Dernau an der Ahr gereist, um den Menschen nach der Flutkatastrophe zu helfen. Es war ein bedrückender und zugleich Mut machender Einsatz.

Bad Soden-Salmünster/Dernau - Der Weinort Dernau liegt im Landkreis Ahrweiler im Norden von Rheinland-Pfalz. Seine Einwohner haben Furchtbares erlebt. Wie der SWR berichtet, mussten sich viele Menschen auf Dächer oder Bäume flüchten und konnten erst nach Stunden von Einsatzkräften per Hubschrauber gerettet werden.

Als sie ihr Leben wieder gerettet hatten und sich das Wasser zurückgezogen hatte, standen sie vielfach vor dem Nichts. Ihre Häuser sind überflutet von Schlamm oder teilweise weggerissen. Celina (15) sah die dramatischen Bilder im Fernsehen und sagte zu ihrer Mutter: „Am liebsten würde ich dorthin fahren und helfen.“

Main-Kinzig-Kreis: Nach Flutkatastrophe helfen Mutter und Tochter

Das war der finale Anschub für Jennifer Brasch aus dem Main-Kinzig-Kreis, ins Katastrophengebiet zu reisen, auch sie spürte den Wunsch, unmittelbar zu helfen. Aber die beiden fuhren an diesem Mittwoch um 6 Uhr nicht aufs Geratewohl los, sondern schlossen sich über private Kontakte einer Initiative von Bundeswehr-Angehörigen an, die ebenfalls in ihrer Freizeit vor Ort helfen.

„Auf eigene Faust dorthin zu fahren, das macht keinen Sinn“, sagt Jennifer Brasch. Ein Feldjäger bereitete sie ziemlich schonungslos auf das vor, was sie erwarten würde: Es gäbe keine Straßen mehr, jeder sei im Grunde auf sich selbst gestellt und solle daher immer mindestens zu zweit vorgehen. Auch bestehe die Möglichkeit, auf Leichen zu stoßen. Wer damit nicht klar komme, der solle lieber gleich umkehren, mahnte der Feldjäger.

Seine Anweisung war klar: Jeder schnappt sich Schippe, Schneeschieber und Werkzeug – was sich so findet – und bietet den Menschen vor Ort seine Arbeitskraft an. Nachdem sich Celina und ihre Mutter einige hundert Meter vorgearbeitet hatten, schlossen sie sich einer Gruppe von etwa 20 Freiwilligen an, die einen vollgelaufenen Keller einer Vinothek säuberten.

Stundenlang standen die beiden in einer Menschenkette und reichten einen Eimer voller Schlamm oder Möbel oder Weinkisten nach draußen, wo der Unrat grob sortiert und abgefahren wurde. „Das ist sehr kräftezehrend. Schlamm ist schwer. Manchmal hatten sogar gestandene Männer kaum mehr die Kraft, die Eimer weiter zu reichen“, schildert Jennifer Brasch die Mühen.

Schlamm und Staub klebten irgendwann an der gesamten Kleidung, in den Haaren, in den Ohren. Es gibt kein Haus in dem Ort mit 1500 Einwohnern, das intakt ist. Manche Gebäude waren wie durchgeschnitten. Und im zweiten Stock stand noch der Wohnzimmertisch, als wäre nichts gewesen.

Video: Verwüstet! Vorher-Nachher-Bilder zeigen Ausmaß der Flutkatastrophe

Nach dem Einsatz im Keller halfen Celina und Jennifer, einen Hof zu säubern, denn dort sollte eine Essensversorgungsstelle für die Anwohner eingerichtet werden. „Die Situation vor Ort ist kriegsähnlich. Notfallseelsorger laufen umher. Die Atmosphäre ist bedrückend und beklemmend. Ich sah einen Mann, der eine Kaffeetasse in den Händen hielt. Es war offenbar alles, was ihm geblieben war“, sagt die 34-Jährige, die von Menschen berichtet, die auch Tage nach dem Ereignis traumatisiert sind und unter Schock stehen.

Über allem schwebt ein unerträglicher Gestank, denn der Inhalt der Kanalisation ist vielerorts nach oben gedrückt worden und hat sich mit den Fluten und dem Schlamm vermischt. In dieser Trostlosigkeit der dunklen Existenznot war die Hilfsbereitschaft ein helles Licht.

„Überall fuhren Caterer, Hilfsorganisationen oder Leute vom Partyservice umher und verteilten kostenlos Essen. Neben mir arbeitete eine Frau aus Dresden voller Eifer und wahnsinnig engagiert. Sie war den weiten Weg gekommen, einfach, um zu helfen“, sagt Brasch, die Ehefrau des Bürgermeisters von Bad Soden-Salmünster.

Nach sieben Stunden Knochenarbeit war das Tagwerk für Celina und ihre Mutter beendet. Um 1 Uhr am Donnerstag trafen sie wieder Zuhause ein. Trotz der Strapazen sagt Jennifer Brasch: „Ich würde es noch einmal machen. Ich mache das gerne, Menschen helfen.“ 

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