Dietrich Hunsmann, Leiter des Hofguts Marjoß, mit den ersten Eiern der Zweinutzungshühner. Sobald die Menge der Eier ausreicht, werden sie in den Läden des Behinderten-Werks Main-Kinzig verkauft.
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Dietrich Hunsmann, Leiter des Hofguts Marjoß, mit den ersten Eiern der Zweinutzungshühner. Sobald die Menge der Eier ausreicht, werden sie in den Läden des Behinderten-Werks Main-Kinzig verkauft.

Ökologische Züchtung

Wider das Kükentöten - Hofgut startet Pilotprojekt mit Zweinutzungshühnern

  • VonMarah Naumann
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Das Behinderten-Werk Main-Kinzig (BWMK) geht auf dem Hofgut Marjoß in vielerlei Hinsicht neue Wege. Seit Juli unterstützt der Betrieb nun mit der Haltung von Zweinutzungshühnern auch die ökologische Züchtung von Hennen und Hähnen.

Marjoß - Ab 1. Januar 2022 ist in Deutschland das Töten männlicher Küken gesetzlich verboten. Daher müssen alternative Lösungen für die Nutzung der jungen Hähne her. Denn aufgrund ihres Verhaltens können die männlichen Tiere nicht in der Gruppe aufgezogen werden. Zudem legen sie weder Eier, noch setzen sie genug Fleisch für einen rentablen Verkauf an.

Deshalb hat sich Dietrich Hunsmann, Leiter des Hofguts im Main-Kinzig-Kreis, dazu entschieden, bei Legehennen und Hähnchenmast auf sogenannte Zweinutzungshühner zu setzen. Das heißt, dass sowohl Eier als auch das Fleisch der Tiere sinnvoll genutzt werden. Seit Ende Juli leben nun etwa 220 Hühner der Rasse mit dem klangvollen Namen „Coffee und Cream“ auf dem Gelände des Bioland-Betriebs.

Main-Kinzig-Kreis: Hofgut schafft Alternative zum Kükentöten

„Das Problem ist, dass auch Biobetriebe gezwungen sind, Hybride zu nutzen, also Kreuzungen aus Rassen, bei denen vor allem die Legeleistung oder der Fleischansatz besonders hoch sind“, berichtet Dietrich Hunsmann. Und auch das Kükentöten bei Zuchtbetrieben mussten die Biobetriebe bisher oft in Kauf nehmen, da Alternativen fehlten. Damit soll nun Schluss sein.

2015 gründeten Bioland und Demeter gemeinsam die Initiative „Ökologische Tierzucht“. Bei Hühnern setzt das Projekt auf die Rückzüchtung alter Rassen. Die weiblichen Tiere legen zwar weniger Eier als die „Hybride“, dafür setzen sie jedoch auch mehr Fleisch an und können daher später rentabel geschlachtet und etwa als Suppenhühner verwertet werden.

Pro 100 Hühner wird ein Hahn gehalten, der mit lautem Krähen die Hühner um sich schart.

Die Bruderhähne setzen ebenfalls mehr Fleisch an als die Hybrid-Hähne. „Der Bruder der Hybridlegehenne bringt etwa 850 Gramm auf die Waage, der Bruderhahn der Rasse Coffee und Cream etwa 1,6 Kilo“, weiß Hunsmann.

Vor gut zwei Wochen zogen die neuen Junghennen nun auf das Hofgut und leben sich allmählich ein. „Aktuell reicht die Menge an Eiern noch nicht, um sie zu verkaufen“, sagt der Hofgut-Leiter. Derzeit legen die Hühner etwa 50 Eier am Tag, in Spitzenzeiten sollen es dann bis zu 170 sein. Wenn die Menge reicht, werden die Eier dann in den Läden des Behinderten-Werks Main-Kinzig verkauft. (Lesen Sie auch hier: Hühner bekommen maßgeschneiderte Pullover - Hennen aus Legebatterie gerettet)

110 Hähne hat das Hofgut Marjoß großgezogen - und geschlachtet

110 Hähne, also die Hälfte der vorgegebenen Brudertiere, hat das Hofgut im Frühsommer übernommen und großgezogen. Für die andere Hälfte hat der Betrieb eine Gebühr von rund 5 Euro pro Tier bezahlt, mit der die Tiere an einem anderen Ort bis zur Schlachtung gehalten werden.

Von den Hähnen fehlt auf dem Hofgut jedoch jede Spur. Der Grund: Die Tiere wurden bereits vor dem Einzug ihrer Schwestern auf dem Hof gehalten und im Alter von 16 bis 17 Wochen geschlachtet. Das aggressive Verhalten untereinander beginnt unter den sprichwörtlichen Streithähnen erst mit etwa 18 Wochen, weshalb die Tiere gut in der Gruppe gehalten werden konnten. „Ich habe das Fleisch selbst probiert. Es hat hervorragend geschmeckt, hatte ein gutes Aroma und war etwas bissfester als klassisches Masthähnchen“, berichtet Hunsmann.

„Wenn sich die Zweinutzung bewährt, werden wir komplett darauf umsteigen“

Aufgrund der zusätzlichen Haltung der Hähne und die dadurch entstehenden Mehrkosten sind die Eier der Zweinutzungshühner auch etwas teurer: Ein Ei kostet 65 Cent (Größe M) beziehungsweise 68 Cent (Größe L). Hunsmann rechnet damit, dass aufgrund des Kükentöten-Verbots ab nächstem Jahr auch herkömmliche Eier teurer werden.

Behutsam sammelt eine Mitarbeiterin die Eier der neuen Hennen ein. Auf dem Hofgut arbeiten fast ausschließlich Menschen mit Behinderung.

Obwohl die Haltung der Coffee und Cream-Hühner aufwendiger und weniger ertragreich ist, hält Hunsmann die Haltung für sinnvoll: „Wenn sich die Zweinutzung bewährt, werden wir nach und nach komplett darauf umsteigen.“

Seit 2009 werden auf dem Hofgut Marjoß Legehennen gehalten. In sechs mobilen Hühnerställen und auf den angrenzenden Wiesen leben insgesamt rund 1450 Hühner.

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