Historische Mauern in der Stadtkirche in Schlüchtern.
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Bei Arbeiten im Altarraum der Stadtkirche kamen die historischen Mauern ans Licht.

Historische Mauern

Bauarbeiter machen erstaunliche Entdeckung in Schlüchterns Stadtkirche

  • VonMarah Naumann
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Bei den umfangreichen Renovierungsarbeiten im Innenraum der evangelischen Stadtkirche Schlüchtern haben Handwerker historische Grundmauern entdeckt. Die Zeugen längst vergangener Zeit stammen vermutlich vom hochmittelalterlichen Vorgängerbau der Kirche.

Schlüchtern - Im Mai hat die evangelische Kirchengemeinde Schlüchtern (Main-Kinzig-Kreis) den letzten Gottesdienst vor der rund zweijährigen Schließung des Gotteshauses gefeiert. Seitdem werden die Andachten im benachbarten Gemeindehaus oder bei schönem Wetter draußen abgehalten.

Im Zuge der umfangreichen Renovierung des Kirchenraums stießen die Handwerker nun auf einen mittelalterlichen Schatz: Im Bereich des Altars traten bei Arbeiten im Fußboden die mittelalterlichen Grundmauern des Vorgängerbaus der Kirche zutage. „Die Bauarbeiten wurden nach der Entdeckung sofort gestoppt. Anschließend haben Archäologen vier Tage lang Ausgrabungen vorgenommen“, berichtet Pfarrer Wilfried Battefeld.

Main-Kinzig-Kreis: Bauarbeiter machen in Kirche außergewöhnliche Entdeckung

Das Alter der Grundmauern wurde von den Archäologen noch nicht abschließend datiert. Vermutlich stammen die ältesten Teile aber aus dem Hochmittelalter, also dem 13. oder 14. Jahrhundert. „Freigelegt wurde ein typisch romanischer Grundriss mit Apsis“, heißt es in einer kurzen Notiz des Archäologen. Damit ist der historische Chorbereich gemeint. „Leider können wir den Rest der Grundmauern nicht freilegen, weil sich hinter der Kanzel die Heizung befindet. Der Aufwand wäre einfach zu groß“, stellt Battefeld fest.

Die viertägige Ausgrabung samt anschließender schriftlicher Dokumentation der Ergebnisse kostete rund 5000 Euro. Das kam nicht bei allen Gemeindemitgliedern gut an, wie der Pfarrer berichtet: „Einige haben hinterfragt, ob die Ausgrabung wirklich nötig ist. Aber das sind wir der Stadtgesellschaft schuldig. Es ist eine Verpflichtung der Kirche.“

Nachdem die Grabungen nun abgeschlossen sind, werden die Grundmauern wieder verfüllt und mit einer Schutzschicht versiegelt. „So sind sie auch für spätere Generationen gesichert“, betont Pfarrer Battefeld. Bevor die Grundmauern dann wieder unter dem Sandsteinboden verschwinden, haben die Bürger am Sonntag die Möglichkeit, diese in Augenschein zu nehmen (siehe Kasten).

Stadtkirche Schlüchtern: Viertägige Ausgrabung kostet 5000 Euro

In den kommenden Wochen soll die Renovierung des Kirchenraums fortgesetzt werden. Dafür wird der Innenraum komplett eingerüstet. „Die Wände werden allesamt abgelaugt und komplett neu aufbereitet. Ein Überstreichen allein würde nicht reichen“, berichtet der Pfarrer.

Die Farbgebung des Innnenraums wurde mit Kunstsachverständigen besprochen. Der Kirchenvorstand entschied sich schließlich für den ursprünglich klassizistischen Stil mit weißen Wänden und Decken. Empore, Bänke und Säulen sollen in Grau mit einem Grundton in Beige gehalten sein, wodurch sich ein besonderer Farbeffekt ergibt.

Termin

Bevor die Grundmauern wieder unter dem Sandsteinfußboden verschwinden, haben interessierte Bürger am kommenden Sonntag, 18. Juli, die Möglichkeit, diese selbst in Augenschein zu nehmen und Fotos zu machen. Pfarrer Wilfried Battefeld wird dafür nach dem Gottesdienst (Beginn um 10.45 Uhr) von circa 11.45 Uhr bis 13 Uhr in der Stadtkirche sein.

Für die Gestaltung des Innenraums wurde neben Firmen für die Erstellung von Licht- und Ton-Konzepten eine Künstlerfirma beauftragt, die historische und moderne Elemente vereint. Das Konzept ist im Internet unter der am Textende angegebenen Adresse einsehbar.

Die Gesamtkosten für die Renovierung belaufen sich auf rund 1,6 Millionen Euro. „Die Gemeinde nutzt dafür Rücklagen aus den vergangenen Jahren. Außerdem sind wir Teil des Kirchenerhaltungsfonds, der eingegangene Spenden für die Renovierung verdoppelt“, sagt Battefeld. Zuschüsse kommen auch vom Kirchenkreis Kinzigtal. Zudem habe die Gemeinde im vergangenen Jahr schon zwei Spendenaktionen durchgeführt. Eine dritte Aktion ist für nächstes Jahr geplant. „Die Gemeinde muss trotzdem noch einen Kredit aufnehmen, sonst reicht es nicht.“

Bis Ostern 2023 soll die Sanierung abgeschlossen sein. „Ich will meinen Abschiedsgottesdienst in der renovierten Kirche feiern“, äußert sich Pfarrer Battefeld zuversichtlich, der sich 2023 in den Ruhestand verabschieden will.

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