Kinzigtal: Fertige oder teilweise fertige Wohnwagen bei Tabbert in Mottgers. Wo Fenster fehlen, da wird erst einmal eine Kunststoffabdeckung angebracht.
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Fertige oder teilweise fertige Wohnwagen bei Tabbert in Mottgers. Wo Fenster fehlen, da wird erst einmal eine Kunststoffabdeckung angebracht.

Umfrage im Kinzigtal

Materialknappheit belastet Wirtschaft - So ist die Situation bei den Unternehmen

  • Alexander Gies
    VonAlexander Gies
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Die Ad-hoc-Meldung des börsennotierten Unternehmens Knaus-Tabbert warf diese Woche noch mal ein Schlaglicht auf das Problem: Auch die produzierenden Unternehmen in unserer Region leiden unter Folgen der Materialknappheit, wie eine Umfrage unserer Zeitung ergibt.

Kinzigtal - Am Donnerstag teilte Knaus Tabbert mit, dass die Jahresprognose „wegen zunehmender Materialknappheit entlang der Lieferkette“ nicht mehr gehalten werden könne. Das Unternehmen war von einer Umsatzsteigerung von 20 bis 22 Prozent sowie einer bereinigten EBITDA-Marge von rund acht Prozent ausgegangen. Diese Marge bezeichnet das Verhältnis von Betriebsgewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen zum Nettoumsatz.

„Anhaltende Verzögerungen bei der Belieferung von Fahrgestellen, die primär mit der weltweiten Halbleiterknappheit verbunden sind, führen dazu, dass die Produktionslinien für Wohnmobile an den Standorten in Jandelsbrunn und Nagyoroszi (Ungarn) im vierten Quartal – für voraussichtlich zumindest zwei Wochen – gestoppt werden müssen und darüber hinaus die Arbeitszeit an diesen Standorten deutlich reduziert wird“, schreibt Knaus Tabbert an die Aktionäre. Daraufhin brach die Aktie von 67,30 auf zwischenzeitlich 60,50 Euro ein, konnte sich später aber erholen. Ein Analyst rechnete damit, dass die Markterwartungen angesichts der Produktionsausfälle im Schlussquartal um etwa zehn Prozent sinken dürften. Schon jetzt ist die Aktie weit von ihrem Höchststand im April mit 73,70 Euro entfernt.

Main-Kinzig-Kreis: Materialknappheit belastet Unternehmen

Von der Materialknappheit ist auch die Wohnwagen-Produktion in Mottgers (Main-Kinzig-Kreis) betroffen, sagt Pressesprecher Stefan V. Diehl. Von einem Produktionsstopp sei hier aber keine Rede. „In Mottgers brummt es noch.“ Die Probleme beträfen zahlreiche Güter: Das reicht von Kunststoffgranulat, das von den Lieferanten für die Produktion von Fenstern benötigt werde, über Scharniere bis hin zu Klappen. „Das Ärgerliche ist: Alles, was wir produzieren, ist längst verkauft“, sagt Diehl. Die Lieferengpässe führten indes dazu, dass Fahrzeuge so weit fertig gestellt und dann zwischengelagert würden, bis die fehlenden Teile einträfen.

Dennoch will Diehl die Probleme nicht überbewerten: „Die Jobs sind sicher, die Standorte sind sicher.“ Die Wohnmobil-Branche und insbesondere Knaus Tabbert seien Pandemie-Gewinner, die Nachfrage habe enorm zugelegt. „Jede zweite Anfrage auf unserem Buchungsportal kommt von einem Neueinsteiger und unter 40-Jährigen“, sagt Diehl. Dabei handele es sich um einen „nachhaltigen Trend“.

Die Produktion bei Möbel Rudolf in Schlüchtern musste aktuell noch nicht eingeschränkt werden.

„Es gibt Verwerfungen und Preissprünge und die mehrfach“, bestätigt Möbelproduzent Karl Friedrich Rudolf von der gleichnamigen Schlüchterner Firma. Sein Vorteil: Er setze auf „Made in Germany“ mit langjährigen Geschäftsbeziehungen zu seinen Zulieferern, ohne auf Fernost angewiesen zu sein. „Wo es sich nicht vermeiden lässt, etwa bei LEDs für Einbauleuchten, die fast nur noch in China produziert werden, spüren wir die Lieferprobleme dann doch“, schränkt er ein. Dies betreffe auch Güter wie Holz und Beschläge, wo sich die Lieferzeit von einem auf drei Monate ausgedehnt habe. „So etwas habe ich noch nie erlebt, seit ich im Geschäft bin“, sagt Rudolf. Erst im Februar hatte ihm ein Produzent Schrauben angeboten und dann erklärt, liefern könne er sie erst in zwölf Monaten. „Und das bei Schrauben, ich glaube es nicht!“, wundert sich Rudolf.

Zu Unterbrechungen in der Produktion sei es bei ihm nicht gekommen, nur tageweise habe man die Produktion ausgesetzt, weil der Handel seine Pforten geschlossen hatte. Was ihm große Sorgen bereitet, das ist die Inflation bis hin zu einer Stagflation, wenn die Preise stark steigen und die Wirtschaft stagniert. „Das kann eine ganz brutale Kiste werden“, ist Rudolf überzeugt. Schon jetzt müsse er für manche Güter das zweieinhalbfache bezahlen, ohne diese Preissprünge so einfach weitergeben zu können.

Lieferzeit für elektrische Bauteile habe sich enorm verlängert

Markus Eckart, Geschäftsführer der gleichnamigen Maschinenbaufirma aus Wallroth, rechnet für dieses Jahr höchstens noch mit einer Seitwärtsbewegung bei der Lieferproblematik. „Frühestens im Frühjahr werden die ersten Knoten platzen“, wagt der Spezialist für Schwenkmotoren einen vorsichtigen Ausblick. „Mehr und mehr Aufträge“ verzögerten sich bei der Auslieferung, weil Teile fehlten. „Teilweise stehen Motoren still, weil Dichtungen nicht zu bekommen sind“, verdeutlicht Eckart. Seine Mitarbeiter versuchten dann, Ersatzmaterial herzustellen. Das sei aber zeitaufwändig und teuer. „Eine zu lange Schraube kann man vielleicht kürzen, aber eine andere Dichtung finden sie nicht so einfach“, erläutert er.

Die Lieferzeit, und besonders die für elektrische Bauteile, habe sich enorm verlängert, „teilweise von 4 auf 20 Wochen“. Die Nachfrage, die er bis vor Kurzem noch mit „sehr gut“ bewertet hatte, sei mittlerweile noch „gut“ zu nennen. Und ein Problem lässt ihn auch in der Nach-Corona-Zeit nicht los: der Fachkräftemangel. Sowohl Zerspanungsmechaniker als auch Produktionshelfer seien gerne gesehen.

Bauunternehmen Jökel Bau musste Baustelle verschieben

Der Automobilzulieferer Woco mit Hauptsitz in Bad Soden-Salmünster und Standort unter anderem in Steinau ist von der Halbleiter-Problematik indirekt betroffen, wie Reinhart Martin, Leiter der Unternehmenskommunikation, erklärt. Denn wenn die Automobilfirmen ihre Produktion drosseln, weil Chips fehlten, dann wirke sich das auf die Nachfrage nach anderen Komponenten eines Fahrzeugs aus – wie die von Woco, die Teile für die verschiedensten Zwecke in einem Fahrzeug entwickelt und produziert.

Zahlen möchte Martin nicht nennen, aber die Effekte seien schon „deutlich spürbar“. „Das stagniert alles, wir merken es an den Umsätzen“, sagt Martin. Das Unternehmen verfolge in seinen internen Abläufen „eine verstärkte Kostendisziplin“. Wie Markus Eckart geht er davon aus, „dass uns das Thema Engpässe länger begleitet als erhofft“, da die Chip-Problematik sich nicht schnell lösen werde.

„Es ist nicht schön, wie es ist, aber auch kein Grund zum Jammern“, sagt Stefan Jökel. Denn das von ihm und Bruder Peter Jökel geführte Bauunternehmen Jökel Bau ist von der Rohstoffknappheit zwar betroffen, „allerdings gibt es Firmen, die wesentlich stärker zu leiden haben“, berichtet er. Zwar habe auch bei ihnen „mal eine Baustelle verschoben werden müssen, allerdings in Absprache und Kooperation mit den Bauherren, wofür wir sehr dankbar sind“, sagt Jökel. Zwei Gründe seien für den bislang relativ unbelasteten Verlauf zu nennen: „Zum einen haben wir vorgebaut, alles früh organisiert. Zum anderen haben wir unsere Lagerhaltung wieder erhöht, was in den vergangenen Jahren nicht der Fall war.“

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