Sander Leitschuh, Lukas Adametz, Louis Walter und Valentino Heumüller (von links) stehen mit Mofas vor dem Brandenburger Tor.
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Endlich am Ziel: Sander Leitschuh, Lukas Adametz, Louis Walter und Valentino Heumüller (von links) fuhren mit ihren Mofas, die deutlich älter sind als sie selbst, bis nach Berlin.

Vier junge Männer

Mit dem Mofa vom Bergwinkel nach Berlin: Diverse Pannen und Nonstop-Tour über 24 Stunden

Vier Männer aus dem Main-Kinzig-Kreis haben einen Trip nach Berlin mit Mofas unternommen. Diese Hürden mussten sie bei ihrer großen Fahrt überwinden.

Schlüchtern - Die Idee war in geselliger Runde entstanden: Mit dem motorisierten Zweirad („Fahrrad mit Hilfsmotor“) in die Bundeshauptstadt touren. Letztes Jahr tuckerte ein Teil der Gruppe noch zum Edersee. Jetzt sollte das Ziel natürlich weiter entfernt liegen.

Geplant wurde nicht viel: Ein paar grobe Absprachen und dann ging es an einem Sonntagmorgen Punkt 10 Uhr los. Lukas Adametz (22), Valentino Heumüller (18) und Louis Walter (17), alle aus Schlüchtern (Main-Kinzig-Kreis), sowie Sander Leitschuh (18) aus Flieden schwingen sich auf ihre Sättel. Zurück bleiben überwiegend skeptische und wenig euphorische Eltern. Immerhin hatte ein Vater versprochen: „Wenn ihr noch in Hessen liegen bleibt, hole ich Euch zurück. Darüber hinaus nicht.“

Main-Kinzig-Kreis: Vier Männer fahren mit dem Mofa nach Berlin

Doch davon lässt sich das unternehmungslustige Quartett nicht entmutigen. Rund elf Stunden sitzen die Jungs – drei Auszubildende und ein Angestellter – auf ihren Maschinen, ehe sie abends gegen 21 Uhr entkräftet auf einer Wiese bei Erfurt die beiden mitgeführten Zelte aufschlagen. Am nächsten Tag schaffen sie es bis in die Nähe der Lutherstadt Wittenberg. Und erneut sieht es mit einem Liegeplatz auf einem Campingfeld schlecht aus: Alles überfüllt.

Durch Zufall finden die Jungs aber Betten in einer kleinen Pension – inklusive der lang ersehnten Dusche. Am dritten Tag ist es dann soweit: Nach erneut zehnstündiger Fahrt erreichen sie Berlin. Am Abend drehen sie ihre Ehrenrunde auf der „Straße des 17. Juni“ von der Siegessäule zum Brandenburger Tor. (Lesen Sie hier: Hans-Georg Schiesser war 200 Mal in Icelab-Kältekammern)

„Das war ein super erleichterndes Gefühl“, erinnert sich Lukas Adametz. „Wir haben vor Freude alle nur noch gelacht.“ Vier Bekannte, die parallel mit dem Auto nach Berlin gefahren waren, hatten ihnen bereits ein Hotelzimmer in der Nähe des Alexanderplatzes organisiert. Doch zuvor muss die stolze Leistung ausgiebig gefeiert werden. Tags darauf, am Mittwoch, werden die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und eine Freundin aus Schlüchtern besucht – selbstverständlich mit Mofas, in bewährter Kolonnenfahrt. Und überall sorgt die Vierer-Runde positiv für Aufsehen.

Doch irgendwann holt die muntere Truppe die Realität wieder ein: Am Samstagabend steht eine Party im heimischen Bergwinkel an. Und die wollen sie auf keinen Fall verpassen. Also starten sie noch am Mittwochabend zu einer Nachtfahrt in Richtung Heimat. Gegen halb vier Uhr morgens geht dann aber nichts mehr: Völlig übermüdet finden sie ein interessantes Schlafquartier: Unter dem Vordach einer Grundschule in Wittenberg breiten sie ihre Schlafsäcke aus und ruhen für eine Weile. Zum „Ausgleich“ gibt es in der Folgenacht eine Hotelübernachtung in Halle.

Auf dem Weg nach Berlin: Diverse Pannen und eine Nonstop-Tour über 24 Stunden

Am Freitag um 11 Uhr starten die Biker dann zu einer Extrem-Route: Rund 300 Kilometer fahren sie 24 Stunden am Stück, bis sie am Samstagmorgen gegen 11 Uhr wieder im Bergwinkel ankommen.

Auf der Hinfahrt verläuft alles relativ reibungslos, doch auf der Heimfahrt spielt die Technik nicht mehr so recht mit. Immer wieder zwingen Pannen zu Pausen: verbrauchte Kolben, defekte Zündung, verdreckter Vergaser, abfallende Auspuffrohre – die Mofas aus den 1970er und 1980er Jahren zeigen Verschleiß-Erscheinungen. Ein Grundsortiment an Ersatzteilen und Werkzeugen haben die Vier im Gepäck, anderes Equipment haben die Freunde im Auto nach Berlin gebracht. Sonst wird improvisiert oder mal ein Lötkolben ausgeliehen. Mit ihrem technischen Verständnis wissen sie sich aber stets zu helfen und reparieren alle Defekte selbst. Weil alles „Herkules“-Mofas sind, passen die Ersatzteile überall.

Insgesamt legt das Quartett knapp 1000 Kilometer mit jeweils nur 20 Liter Sprit zurück. Das Durchschnittstempo beträgt 30 Stundenkilometer. Zwar hat einer an seinem Mofa auch eine Handyhalterung befestigt, in der ein Navigationsgerät Platz findet. Doch der Akku-Leistung vertrauen sie nicht. Deswegen haben sie die wichtigsten Ortsnamen der Route notiert – auf Toilettenpapier, das einer der Jungs in der Hosentasche mitführt. (Lesen Sie auch: Kinzigtal Total fällt auch 2021 aus - Kein Fahrrad-Event wegen Corona)

„Wir haben vor Freude alle nur noch gelacht“ - Lukas Adametz über das Ankommen in Berlin

Die Mofas haben die jungen Herren schon in jugendlichem Alter angeschafft. Früher war es ein reines Fortbewegungsmittel, heute zählt der Spaßfaktor mit den Mopeds, betont Valentino Heumüller. Begeistert sind alle Vier von den positiven Reaktionen der Menschen unterwegs. Viele nach oben gereckte Daumen und reichlich aufmunternde Worte von fremden Menschen gibt es; und ein spontanes Geldgeschenk über 20 Euro – von einem Schwaben.

Auch die Eltern der Vier sind mächtig stolz auf deren Leistung: „Supercool. Das macht ihnen so schnell keiner nach“, ist Olli Adametz überzeugt. „Ein Leben lang werden sie sich an diese stolze Leistung erinnern.“ In einem sind sich die jungen Männer mit Blick auf die recht anstrengende Tour einig: Vorerst gibt es keine längere Mofa-Tour. (von Ulrich Schwind)

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