1. Fuldaer Zeitung
  2. Kinzigtal

Containerdorf auf dem Festplatz: Neue Wohnunterkunft in Altenmittlau bietet 80 Geflüchteten Platz

Erstellt:

Von: Marah Naumann

Unterkunft Altenmittlau
In die neue Unterkunft für dauerhaftes Wohnen auf dem Festplatz des Freigerichter Ortsteils Altenmittlau sollen Anfang Februar die ersten Geflüchteten einziehen. Am Dienstag hatten Freigerichter Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, die Unterkunft zu besichtigen. © Marah Naumann

Aufgrund des nicht enden wollenden Ukraine-Kriegs reißt auch der Strom an Flüchtlingen in Richtung Main-Kinzig-Kreis nicht ab. Nun eröffnet in Freigericht eine weitere Unterkunft für bis zu 80 Personen. Trotz neuer Betten und funktionierender Heizungen ist klar: Von Komfort kann in der Containeranlage keine Rede sein.

Main-Kinzig-Kreis - Die elfte Gemeinschaftseinrichtung für geflüchtete Menschen im Kreisgebiet erinnert aus der Ferne an ein Raumschiff, das mitten auf dem Festplatz in Freigericht-Altenmittlau (Main-Kinzig-Kreis) gelandet ist. „Hier werden 80 Menschen leben. Das sind keine Außerirdischen und auch keine Straftäter, sondern das sind Menschen, die hier Obdach suchen“, macht Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler (SPD) in einer Pressekonferenz am Dienstag (17. Januar) in der neuen Flüchtlingsunterkunft deutlich.

Main-Kinzig-Kreis: Neue Wohnunterkunft in Altenmittlau für 80 Geflüchtete

Die Containeranlage wird vom Main-Kinzig-Kreis betrieben und ist auf dauerhaftes Wohnen ausgerichtet. Die Notunterkünfte in Sporthallen sollen daher nach und nach aufgelöst und die Flüchtlinge in den neuen Einrichtungen untergebracht werden. Ende Januar schließt zunächst die Unterkunft in der Turnhalle Birstein, verspricht Landrat Thorsten Stolz (SPD).

Mit der Errichtung der Unterkünfte will die Kreisverwaltung einen Puffer in Sachen Aufnahmekapazität schaffen. „Die Eins-zu-eins-Zuweisung für Städte und Gemeinden wird dadurch abgemildert“, berichtet der Landrat. Damit soll künftig vermieden werden, dass Notunterkünfte in Sporthallen und Dorfgemeinschaftshäusern errichtet werden müssen. (Lesen Sie hier: „Ein weiterer Puffer in der Not“: Main-Kinzig-Kreis eröffnet Unterkunft in Gelnhausen)

Kurz nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs habe sich der Kreisausschuss bereits auf die Suche nach Standorten für Flüchtlingsunterkünfte gemacht, betont Simmler. Und das war nötig, wie die Zahlen verdeutlichen: Von Februar bis Dezember hat der Kreis 9202 Menschen aufgenommen – während der Flüchtlingswelle 2015/16 seien es 6800 Personen gewesen.

„Das bedeutet nicht nur eine Kraftanstrengung für die Verwaltung, sondern auch für die Bevölkerung“, räumt Simmler ein. Sie betont jedoch, dass der Platz in den Unterkünften nicht ausreichen werde. „Aber wir lassen nicht nach“, macht Simmler hinsichtlich der Kritik deutlich, die der Main-Kinzig-Kreis gegenüber dem Land Hessen äußert (siehe Kasten).

Kritik am Land Hessen

Bei derPressekonferenz äußerte die Kreisspitze aus Landrat Thorsten Stolz, Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler (beide SPD) und Kreisbeigeordnetem Winfried Ottmann (CDU) massive Kritik an der Vorgehensweise des Landes Hessen.

„Was uns rasend macht, ist die Kommunikation mit dem Land Hessen“, machte der Landrat deutlich. Demnach sei etwa der Verteilschlüssel für Flüchtlinge kurz vor Weihnachten „einfach so“ geändert worden, ohne sich vorher nach der Machbarkeit zu erkundigen. Der Main-Kinzig-Kreis habe im vierten Quartal 2022 dreimal so viele Flüchtlinge aufgenommen wie alle kreisfreien Städte Hessens zusammen. Es könne nicht sein, dass der Kreis „in der gleichen Größenklasse behandelt wird wie die Stadt Frankfurt“.

Diesbezüglich hatte die Kreisspitze bereits um einen Gesprächstermin bei Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) gebeten. „Wir haben eine Eingangsbestätigung bekommen, aber keine Reaktion. Das ist kein Umgang“, mahnte Landrat Stolz. „Diesen Verteilschlüssel und das Nicht-Reagieren lassen wir uns nicht gefallen.“ Das Vorgehen des Landes soll laut der Kreisspitze einer rechtlichen Prüfung unterzogen worden.

„Zynisch gesagt ist es so: Wir spielen Menschen-Tetris“, macht auch der Freigerichter Bürgermeister Dr. Albrecht Eitz (SPD) auf die prekäre Situation aufmerksam. Er zeigt sich jedoch zufrieden mit dem Standort der Unterkunft in Altenmittlau: In direkter Nähe befinden sich Supermarkt, Spielplatz, Bushaltestelle und ein Sportplatz, auf dem mehrmals pro Woche ein Fußballverein trainiert. So könne eine Integration der ankommenden Menschen erleichtert werden, erhofft sich der Rathauschef.

Die ersten Geflüchteten beziehen die Unterkunft Anfang Februar. Darunter befinden sich hauptsächlich Menschen aus der Ukraine, aber auch aus anderen krisengebeutelten Staaten wie Afghanistan, der Türkei und Syrien. „Es wird keine Unterkunft für alleinreisende Männer, sondern wir werden mischen und auch Familien unterbringen“, versichert Silvio Franke-Kißner, Leiter des Amts für Sicherheit, Ordnung, Migration und Integration des Main-Kinzig-Kreises.

Die Geflüchteten kommen in Wohncontainern mit Betten, Schrank, Stühlen, Tisch und kleiner Kochzeile unter. Die Container sind jedoch alles andere als gemütlich, sondern vor allem zweckmäßig eingerichtet. Sie dienen in erster Linie dazu, den Menschen, die vor Krieg und Leid geflohen sind, ein Dach über dem Kopf zu bieten. Für ihre Versorgung, das Kochen sowie das Putzen der Unterkunft sind die Menschen hingegen selbst zuständig, räumt Franke-Kißner mit einem vielerorts herrschenden Irrglauben auf.

Dass nicht alle Menschen die Geflüchteten willkommen heißen, zeigte sich zu Beginn des Aufbaus der Unterkunft in Freigericht vor einigen Wochen, als Unbekannte die Container mit verfassungsfeindlichen Symbolen und Parolen besprühten. Seitdem wird das Gelände auch nachts ausgeleuchtet. „Das war eine klare Anordnung des Staatsschutzes“, betont Bürgermeister Eitz den Vorgang, der aufgrund der Energiekrise auch für Kritik vonseiten der Bevölkerung gesorgt hat. Das Gelände wird nach Inbetriebnahme weiterhin von einem Sicherheitsdienst bewacht.

Auch interessant