Am ehemaligen Amtsgericht in Schlüchtern im Main-Kinzig-Kreis ist am 19. Mai 2021 ein 57-jähriger Opfer eines rassistischen Überfalls geworden.
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Am ehemaligen Amtsgericht in Schlüchtern im Main-Kinzig-Kreis ist am 19. Mai 2021 ein 57-Jähriger Opfer eines rassistischen Überfalls geworden.

Rassismus-Erfahrungen

„Ein rassistisch motivierter Mordversuch“ - Tochter meldet sich nach Überfall in Brief zu Wort

  • Alexander Gies
    VonAlexander Gies
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Nach dem rassistischen Überfall auf einen 57-Jährigen in Schlüchtern im Main-Kinzig-Kreis Mitte Mai 2021 wendet sich die Tochter des Opfers nun in einem anonymisierten Brief an die Öffentlichkeit.

Schlüchtern - In eindringlichen Worten schildert die Tochter des Opfers des rassistischen Überfalls in Schlüchtern im Main-Kinzig-Kreis, wie sehr die Familie seit ihrer Ankunft in Deutschland mit offenem oder verstecktem Rassismus konfrontiert war und ist. Am 19. Mai 2021 war ein 57 Jahre alter Mann in Schlüchtern im Main-Kinzig-Kreis Opfer eines rassistisches Überfalls geworden. Er soll mit dem Tod bedroht worden sein.

In ihrem Brief schreibt die Tochter, wie ihre Eltern vor 32 Jahren als Flüchtlinge auf der Suche nach Sicherheit nach Schlüchtern kamen, wie fleißig ihr Vater seitdem fast jeden Tag von frühmorgens bis spätabends gearbeitet hat, wie er stets zu sagen pflegte: „Wir müssen dankbar sein, dass wir in Sicherheit leben können.“ Wie ihr Vater auch aus dieser Dankbarkeit heraus bereitwillig unter anderem anderen Familie half, die ebenfalls als Flüchtlinge nach Schlüchtern gekommen waren.

Main-Kinzig-Kreis: Opfer-Tochter meldet sich zu Wort - „ein rassistisch motivierter Mordversuch“ 

Die Tochter berichtet aber in dem Brief auch davon, dass sie immer wieder mit Rassismus konfrontiert worden sei - ob gehänselt in der Schule wegen ihres Aussehens, von Lehrern benachteiligt, beim Vereinssport, bei der Wohnungssuche oder beim Hauskauf. „Jeder Job wurde mir beim persönlichen Bewerbungsgespräch ganz klar wegen des Aussehen abgesagt. Am Telefon lief alles bestens, da die Konversation akzentfrei und freundlich war; beim ersten Treffen folgte dann die direkte Ablehnung, die man ja ,nicht persönlich nehmen soll‘.“

Besonders eindringlich werden die Schilderungen der Tochter, wenn sie an ihre Kindheit denkt. Schon als Kindergartenkind habe sie gemerkt, dass wir ,anders‘ waren als deutsche Familien. „Wir wurden anders angeschaut. In den Geschäften hat meine Mutter beim Einkaufen stets darauf geachtet, dass wir kein Babyspielzeug oder Taschen unter dem Kinderwagen dabei hatten, da wir allzu häufig des Diebstahls verdächtigt wurden.“ Ihr sei deshalb früh beigebracht worden, die Hände sichtbar am Körper zu tragen, um nicht verdächtigt zu werden.

Hintergrund: Der komplette Brief im Wortlaut

An dieser Stelle lesen Sie online auf fuldaerzeitung.de einen Bericht, der Auszüge aus dem Brief enthält, den die Tochter des Opfers des rassistischen Überfalls geschrieben hat. Den kompletten Brief im Wortlaut können Sie in der gedruckten Freitagsausgabe (18. Juni 2021) der Kinzigtal-Nachrichten sowie im E-Paper lesen. Eine E-Paper-Ausgabe können Sie über unsere App kaufen; für Android-Geräte im Google-Play-Store oder für iOS-Geräte im App-Store. Weitere Fragen dazu beantwortet unser Kundenservice unter der Telefonnummer (0661) 280310.

Dann schreibt die Frau aus Schlüchtern von einem Erlebnis, als sie an einem schönen, sonnigen Frühlingstag mit dem ersten Kind an der Hand und ihrem zweiten Kind als Baby im Kinderwagen spazieren ging. „An diesem Tag hielt ein schwarzer Mercedes-Geländewagen neben mit an. Ein deutscher Mann in einem weißen Hemd sagte mir mit starrem Blick: ,Es tut meinen Augen weh, Leute wie euch hier auf der Straße zu sehen. Das kann doch nicht so weiter gehen!‘ 

Sie sei schnell weitergelaufen, da sie nicht zeigen wollte, dass sie Tränen in den Augen hatte. Ihrem Kind erklärte sie, dass der Mann sie wahrscheinlich verwechselt hatte. „Die Wut und den Schmerz, mein Kind dieser Situation ungewollt ausgesetzt zu haben, haben mich dennoch innerlich zerfressen und zu Depressionen und Traumata geführt, die mich zeitweise noch heute plagen.“

Nach einem Verweis darauf, dass einem spätestens doch die Corona-Pandemie gelehrt haben müsste, dass alle Menschen gleich sind, nimmt die Tochter dann in dem Brief Bezug auf den Überfall am 19. Mai 2021: „Mitten in der Schlüchterner Innenstadt wird mein Vater zum Opfer. Opfer von Hass, Intoleranz, purem Rassismus und skrupelloser, rauer Gewalt. Wir nennen diese Tat keinen ,Rassistischen Überfall‘, wie er portraitiert wird. Es war ein rassistisch motivierter Mordversuch.“

Main-Kinzig-Kreis: „Unsere Würde ist antastbar geworden“, schreibt die Tochter

Die Täter hätten „wiederholt, die Worte ,Ich bring dich um‘ in Zusammenhang mit rassistischen Beschimpfungen ausgesprochen“. Ihr Vater habe „hilflos und alleine im Auto um seinen Atem“ gekämpft. „Ohne das Einschreiten einer Passantin wäre mein Vater heute tot.“ Anschließend formuliert die Tochter in dem Brief, dass der Aufschrei in der Gesellschaft fast gänzlich ausgeblieben sei und sich auch der Bürgermeister nicht zu Wort gemeldet habe, um sich „vehement gegen diesen tödlichen Hass in der Stadt Schlüchtern“ auszusprechen.

Mit dieser Kritik konfrontiert, erklärte Bürgermeister Matthias Möller gegenüber unser Zeitung: „Unser Stadtverordnetenvorsteher Joachim Truss hat quasi als erster Bürger unserer Stadt und stellvertretend für alle städtischen Gremien – also den Bürgermeister, den Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung – die Tat während der jüngsten Stadtverordnetensitzung klar verurteilt. Diese Vorgehen haben wir so vereinbart, um deutlich zu machen, dass wir mit einer Stimme sprechen. “

Joachim Truss hatte unter anderem erklärt, die Tat zeige, „dass etwas nicht in Ordnung ist in unserem Land“. Bürgerinnen und Bürger forderte er auf, „diesem Ungeist unmissverständlich entgegenzutreten“. Die Tochter des rassistischen Überfalls schloss ihren Brief wie folgt: „Wir erwarten kein Mitleid. Unsere Eltern haben sich als Kinder nach Sicherheit gesehnt, wir sind hier nicht mehr sicher. Unsere Würde ist in Deutschland, in Schlüchtern antastbar geworden.“

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