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Emotionale Diskussionen zwischen Entwicklern und Windkraftgegnern - Spessart „Hotspot der Windindustrie“?

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Von: Hanns-Georg Szczepanek

Während der Fragerunde beim Bürgerforum zur Windenergie in Bad Soden-Salmünster wallten mitunter die Emotionen auf.
Während der Fragerunde, an der sich Bürger aus der Kurstadt und ihren Stadtteilen ebenso wie Vertreter von Vereinen oder Verbänden – wie hier am Mikrofon Jürgen Staab von der Energiegenossenschaft Main-Kinzigtal – zu Wort melden konnten, wallten mitunter Emotionen auf. Doch Moderatorin Carla Schönfelder (vorn) führte die Akteure schnell und zielsicher zur Sachlichkeit zurück. Rechts BI-Chef Heinz Josef Prehler. © Hanns Szczepanek

Auf ein erwartet großes Interesse ist das Bürgerforum zur Windenergie gestoßen, das die Stadt Bad Soden-Salmünster im Main-Kinzigkreis veranstaltet hat. Weil neben Projektentwickler und Energiegenossenschaft auch Windkraftkritiker eingeladen waren, trafen kontroverse Positionen aufeinander.

Bad Soden-Salmünster - Zusammen mit jenen, welche die Veranstaltung als Livestream im Internet verfolgten, bezogen am Mittwochabend im Spessart-Forum in Bad Soden-Salmünster im Main-Kinzigkreis rund 200 Menschen Informationen aus erster Hand. Im Fokus stand der geplante Bau von bis zu acht Windkraftanlagen im Spessartwald.

Diese stehen in zwei Vorranggebieten zwischen den Ortschaften Alsberg, Ahl und Steinau-Seidenroth. Nach einem Ausbietungsverfahren des Landesbetriebs Hessen-Forst im Sommer 2021 hatte die Firma RES Deutschland den Zuschlag als Projektierer erhalten (lesen Sie auch hier: Einstimmiges Votum - Windpark in Hintersteinau soll erweitert werden).

Main-Kinzig-Kreis: Spessart „Hotspot der Windindustrie“? Entwickler und Gegner streiten

In deren Namen präsentierte Ulrich Fischer den Planungsstand, der sich allerdings noch stark verändern könne. Denn die Pläne befänden sich in einem sehr frühen Stadium. Trotzdem habe sich die RES-Geschäftsleitung zu einer frühen Öffentlichkeitsbeteiligung entschlossen (lesen Sie auch hier: Windräder im Gieseler Forst? Hessen-Forst sucht Investoren für Flächen am Finkenberg).

Zurzeit geht es laut Fischer um vier Standorte im Vorranggebiet 3-309 (Gemarkung Steinau) und drei Standorte im Areal 3-73 (bei Alsberg). Die Nabenhöhe jedes Windrades liege bei 170 Meter Nabenhöhe, die Gesamthöhe bei 250 Metern. Der jeweilige Mindestabstand zu den drei Ortschaften liegt bei 1000 bis 1100 Metern. 

Die Errichtung der ersten Windkraftanlagen stehe 2026 auf dem Zeitplan.  Die Firma RES rechnet pro Windrad mit einem mittleren Ertrag von jährlich 15.700 Megawattstunden. Dies entspreche dem Verbrauch von gut 5000 Haushalten. Hierdurch ließen sich knapp 10.500 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen.

Wenn das Genehmigungsverfahren beim Regierungspräsidium Darmstadt mit dem entsprechenden Antrag gemäß Bundesimmissionschutzgesetz 2023 beginne, sei wohl 2025 mit dessen Abschluss zu rechnen. Bis zur Antragstellung würden Untersuchungen zum Natur- und Artenschutz angestellt sowie die Auswirkungen auf Wald und Schutzgebieten geprüft, um auftretende Probleme zu lösen.

Kritisieren und zuschauen oder selbst einsteigen?

Fischer versuchte mithilfe von Fotomontagen von verschiedenen Standorten in der Stadt aufzuzeigen, wie sich das Landschaftsbild durch die Windräder voraussichtlich ändere. Allerdings ließen sich die Darstellungen aufgrund niedriger technischer Qualität nur schwer nachvollziehen.

Schon zum Auftakt des Abends hatte Bürgermeister Dominik Brasch (parteilos) deutlich gemacht, dass die Windkraftanlagen so oder so geplant würden und, sofern es zu keinen größeren Überraschungen bei der Flächenprüfung komme, auch genehmigt würden.

„Wir kommen also gar nicht darum herum, uns zügig mit der Frage zu beschäftigen, ob wir dabei nur zuschauen möchten oder selbst einsteigen, um an der Wertschöpfung zu partizipieren“, sagte Brasch.  Als Vorsitzender der Bürgerinitiative (BI) Gegenwind Bad Orb stellte Heinz Josef Prehler einige Gründe heraus, die gegen den Bau von Windenergieanlagen im Spessartwald sprächen:

Kontroverse Positionen beim Bürgerforum der Kurstadt 

Die Zerstörung der „Schönheit unserer Heimat“ infolge eines verunstalteten Landschaftsbildes, der Schutz der Pflanzen- und Tierwelt, negative Auswirkungen auf die Kurstadt als Tourismus- und Gesundheitsstandort sowie der „flatterhafte Strom“, den Windräder lieferten. Dieser sei unzuverlässig.

Deshalb könnten die durch die summierte Leistung eines Windrads theoretisch zu versorgenden Haushalte „froh sein, dass sie den Strom nicht allein durch Windkraft erhalten“. Außerdem würden Windräder bei starkem Wind und zu viel Windstrom im Netz komplett abgeschaltet, sagte Prehler.

Er kritisierte darüber hinaus, dass von derzeit 219 in Hessen betriebenen Windenergieanlagen allein 104 im Main-Kinzig-Kreis stünden, vor allem in den Altkreisen Schlüchtern und Gelnhausen. Hessenweit lägen weitere 58 Anträge vor, davon 17 im Kinzigtal (lesen Sie auch hier: Robin ist „kein Einzelfall“ - Naturschützer sprechen von zahlreichen toten Rotmilanen durch Windräder).

Der BI-Chef führte weiter aus, dass der knapp 9000 Hektar umfassende Gutsbezirk Spessart, der dem Land gehört, Platz für 90 Windräder biete. Gemäß Regionalplan seien bis zu 230 im hessischen Spessart denkbar, was diesen zu einem „Hotspot der Windindustrie“ mache.

Bei einem angenommenen Verlust von 15 Prozent der Gäste durch die Präsenz von Windrädern, wofür Prehler eine Studie aus Bielefeld von 2011 als Beleg heranzog, kämen auf Bad Soden-Salmünster binnen Jahresfrist ein Minus von 60.000 Übernachtungen und 75.000 Tagesgästen, etwa neun Millionen Euro weniger Bruttoumsatz und ein Verlust von gut 200 Arbeitsplätzen zu, malte er ein fraglos düsteres Bild.

Video: Habeck unzufrieden über Ausbau der Windkraft

In der Fragerunde wollte Jürgen Staab von der Energiegenossenschaft Main-Kinzigtal zehn Fragen an Prehler adressieren, von denen schon die ersten drei sehr polemisch und persönlich waren (lesen Sie auch hier: SPD und CDU einigen sich auf Resolution gegen neue Windräder auf dem Lochberg).

In der vierten prangerte er die Verbreitung von Lügen und Halbwahrheiten an, was die souverän agierende Moderatorin Carla Schönfelder vom Landesprogramm Energieland Hessen dann aber schnell beendete. Der Rest der Publikumsrunde sowie eine nachfolgende Podiumsdebatte verliefen weitgehend sachlich.

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