Blick von der Staumauer auf den Kinzigstausee mit Blick nach Nordosten in Richtung Schlüchtern.
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Blick von der Staumauer auf den Kinzigstausee mit Blick nach Nordosten in Richtung Schlüchtern.

Neues Wasserwerk 2025

Trinkwasser trotz Klimawandel: Pilotprojekt des Wasserverbands Kinzig „um Lichtjahre voraus“

Der Wasserverband Kinzig (WVK) geht bei der Trinkwasserversorgung neue Wege, um in Zeiten fortschreitenden Klimawandels die Versorgung der Region und der Metropole Rhein-Main umweltverträglich mit bestem Trinkwasser zu garantieren. Das Trinkwasser wird künftig auch aus Oberflächenwasser gewonnen, das in großer Menge vorhanden ist.

Bad Soden-Salmünster - Dank mehrstufiger Filtration können höchste Wasserqualitäten erreicht werden, teilt das Landratsamt Main-Kinzig in einer Pressenotiz mit. Die Zukunft der Trinkwasserförderung soll ein Hybridmodell aus Grund- und Oberflächenwasser sein. Davon hat sich Landrat Thorsten Stolz (SPD) bei einem Besuch in der Pilotanlage in Bad Soden-Salmünster überzeugt. Die Kosten für die hochmoderne Anlage belaufen sich auf zirka 500.000 Euro, rund die Hälfte stammt vom Land Hessen.

Die Erwärmung der Erde schreitet rasant voran, die Polkappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt und in der Atmosphäre ist deutlich mehr Wasser vorhanden.

Der Main-Kinzig-Kreis will seine Trinkwassergewinnung klimafest machen

Das hat auch Auswirkungen auf das Klima in der Region: Die Niederschlagsverteilung verschiebt sich im Jahresverlauf. Schneereiche Winter, die durch das langsame Versickern bei der Schneeschmelze perfekt für die Grundwasserneubildung sind, gibt es kaum mehr. In der Folge fließt das Regenwasser über ausgetrocknete Böden immer mehr oberflächlich ab, vor allem in den Sommermonaten.

Die Sommer werden heißer und trockener, unterbrochen von schweren Gewittern und Starkregen-Ereignissen. Die bringen zwar Wasser zuhauf, doch die ausgetrockneten Böden und die Vegetation verhindern, dass das Regenwasser in den Untergrund eindringt und zur Neubildung von Grundwasser beitragen kann.

Funktionsweise

Das Wasser wird nach Angaben der Techniker aus der fließenden Welle der Kinzig in die Wassergewinnungsanlage gepumpt, dabei hält ein Gitter den gröbsten Schmutz zurück. Dann strömt das Wasser durch einen Vorfilter und wird mit einer In-Line-Flockung behandelt. Danach folgt eine Ultrafiltration, welche partikuläre Stoffe, Viren und Keime entfernt, mit Ozon werden Spurenstoffe durch Oxidation eliminiert, biologisch gereinigt und eine Adsorptionsfiltration mit granulierter Aktivkohle sorgt als letzte Reinigungsstufe für absolute Sicherheit. Selbst die Reste von Medikamenten blieben im Verfahren unter der Nachweisgrenze. Das Ergebnis: reinstes Trinkwasser von höchster Güte. Die Anlage funktioniert sogar dann tadellos, wenn die Kinzig Hochwasser mit entsprechend hohem Schwebstoffanteil führt. 

Ziel ist es, mit einer entsprechend dimensionierten Anlage den Kinzigstausee zu einem großen Trinkwasserspeicher zu machen. Der WVK will dort mit der Anlage circa 5,5 Millionen Kubikmeter Trinkwasser für den Main-Kinzig-Kreis und den Ballungsraum Rhein-Main gewinnen. Eine Hybridlösung aus Oberflächenwasser und Grundwasser bedeutet eine klimafeste Wasserbeschaffung. Sie schont zugleich die wertvolle Ressource Grundwasser und erlaubt eine Mengenerhöhung bei gleichzeitig angestrebter Wasserpreissenkung. (sh)

Da sich der Mensch durch den Klimawandel neuen Gegebenheiten anpassen muss, ist mit längeren Trockenphasen zu rechnen. Trotzdem ist die Trinkwasserversorgung sicherzustellen. Andererseits müssen Gefahren durch Hochwasser abgewehrt werden. Daher liegt es nahe, auch das Oberflächenwasser zur Trinkwassergewinnung zu nutzen und auf diese Weise die Ressourcen im Untergrund zu schonen. 

Landrat Stolz: Bahnbrechendes und zukunftsweisendes Projekt

Dass dies keine weit entfernte Zukunftsmusik ist, davon hat sich der Chef der Kreisverwaltung bei einem Besuch der Pilotanlage in Bad Soden-Salmünster überzeugt. Dort testet der Wasserverband Kinzig die Trinkwassergewinnung aus dem fließenden Wasser der Kinzig.

Landrat Stolz begrüßt den erfolgreichen Abschluss des Probebetriebs in der Kurstadt und spricht von einem „bahnbrechenden und zukunftsweisenden Projekt mit Vorbildcharakter für andere Regionen in Deutschland“.

Mit der wachsenden Zahl an Menschen, die im Main-Kinzig-Kreis lebten und arbeiteten, „haben wir auch einen wachsenden Bedarf an Trinkwasser. Mit dem Projekt der klimafesten Wassergewinnung sichert der Wasserverband Kinzig die Trinkwasserversorgung für seine Mitglieder auf lange Sicht mit dem positiven Effekt, dass sich die Grundwasserspiegel in der Region erholen können“, erklärt der Landrat.

Denn in den vergangenen Jahren sei der Klimawandel auch im Main-Kinzig-Kreis immer mehr spürbar geworden: sehr heiße Sommer, über Monate hinweg wenig oder gar keine Niederschläge. 

Anil Gaba (links) und WVK-Verbandsvorsteher Thomas Wissgott (Mitte) erläutern Landrat Thorsten Stolz die Funktionsweise der Pilotanlage.

„Das ist High-End der Trinkwasseraufbereitung“

Möglich wird dies durch das geballte Wissen renommierter Wasserexperten. Beteiligt sind die Ingenieure von Baurconsult, BCE Björnsen, Inge (BASF/Du Pont) Wasseraufbereitungstechnik und IWW, dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wasser, sowie der Ökologe Dr. Hans-Otto Wack vom Umweltbüro Schotten.

Das Pilotprojekt mit dem Wasser der Kinzig gilt als Härtetest für die Technik. WVK-Geschäftsführer Holger Scheffler ist überzeugt, dass das Projekt Zukunft hat: „Wir haben gewusst, dass es funktioniert. Aber wir haben gestaunt, dass das Wasser der Kinzig eine solche Qualität hat.“ WVK-Verbandsvorsteher Thomas Wissgott freut sich über die angestrebte Ressourcenschonung, obgleich der Verband schon heute seinen Versorgungsauftrag umweltgerecht erfülle.

Ökologe Wack vom Umweltbüro Schotten und Anil Gaba von der IWW erläuterten zu der Pilotanlage, was im Kleinen funktioniere, könne bald in einer großen Anlage Wasser liefern. „Das ist High-End der Trinkwasseraufbereitung“, so Gaba. Und Wack sieht den WVK im internationalen Vergleich „um Lichtjahre voraus“. 

Das neue Wasserwerk soll 2025 in Betrieb gehen

Die Laufzeit des Probebetriebs enthielt Extremereignisse wie ein Jahrhundert-Hochwasser, eine vierteljährige Dürre und eine Niedrigwasser-Periode und liefert somit über ein ganzes Jahr hinweg ausreichend belastbare Daten, um nun die Umsetzung des Projekts zur klimafesten Wassergewinnung an der Kinzigtalsperre voranzutreiben. Das neue Wasserwerk soll 2025 in Betrieb gehen.

„Die Investitionssumme ist sehr gut angelegtes Geld für die Zukunft und wird dazu beitragen, dass die Menschen im Main-Kinzig-Kreis auch in Zukunft bei der kostbaren Ressource Trinkwasser gut versorgt sind. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass die Versorgung mit Trinkwasser auch in unseren Breitengeraden eine immer größer werdende Herausforderung darstellt.

Mit der Aufbereitung von Oberflächenwasser gehen wir in Sachen Versorgungssicherheit ganz neue Wege“, sagte Stolz bei dem Vororttermin. Er würdigte dabei alle an Beteiligten für deren Bereitschaft, sich „über das normale Maß hinaus“ für den Testbetrieb-Erfolg einzusetzen. Das sei nicht selbstverständlich. (hgs)

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