Dort, wo die Bahn eine Brücke plant, hat die DB Netz die Landschaftsbildeinheit als „schutzunwürdige Landschaft mit Defiziten“ eingestuft. Das ist ein Fehler, ist sich Wulf Hahn, Regio-Consult, sicher. (Grafikanimation)
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Dort, wo die Bahn eine Brücke plant, hat die DB Netz die Landschaftsbildeinheit als „schutzunwürdige Landschaft mit Defiziten“ eingestuft. Das ist ein Fehler, ist sich Wulf Hahn, Regio-Consult, sicher. (Grafikanimation)

Fristende für Einwände

Neubaustrecke durch den Bergwinkel: Experte von Regio-Consult spricht über „fachliche Fehler“ der Bahn

  • Tim Bachmann
    vonTim Bachmann
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  • Hanns-Georg Szczepanek
    Hanns-Georg Szczepanek
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Externe Referenten dürfen während einer Stadtverordnetenversammlung eher selten ans Rednerpult treten. Wenn doch, handelt es sich zumeist um ein größeres Projekt. Über das Raumordnungsverfahren zur Bahn-Neubaustrecke durch den Bergwinkel referierte am Montagabend Wulf Hahn kurz nacheinander in gleich zwei Stadtverordnetensitzungen.

Schlüchtern/Bad Soden - Der Diplom-Geograph und Hauptgesellschafter der Firma Regio-Consult, eine Fachagentur für Stadt-, Verkehrs-, Umwelt- und Landschaftsplanung aus Marburg, erläuterte die fachliche Stellungnahme im Raumordnungsverfahren zum Variantenvergleich samt Auswirkungsprognose auf der Neubaustrecke zwischen Gelnhausen und Kalbach zunächst vor den Mandatsträgern in Schlüchterns Stadthalle und danach vor deren Kollegen aus Bad Soden-Salmünster im Spessart-Forum.

In erster Linie beleuchtete Wulf Hahn den Trassenvergleich der Varianten IV und VII, ging aber auch auf Mischmodelle und eine Verquickung der Varianten V und VII sowie auf Nachfrage auch auf andere Möglichkeiten ein, etwa der „Gorissen“-Variante entlang der Bestandsstrecke und der A 66, die er aber als nicht ausführbar einstufte.

Hahn begleitet das Verkehrsprojekt seit 2014, anfangs im Auftrag der Initiative Pro Spessart, die sich gegen die „Spessartvariante“ I wandte – und damit auch Erfolg hatte. Inzwischen ist Hahn für Schlüchtern und die Kurstadt an Salz und Kinzig, die Stadt Steinau und die Gemeinde Kalbach unterwegs. Die Abgabefrist für Einwände beim Regierungspräsidium in Darmstadt ist am heutigen 30. September.

Experte Wulf Hahn kritisiert Kartenmaterial der DB Netz: 13 verschiedene Maßstäbe

In seiner Stellungnahme beschreibt Hahn einige „fachliche Fehler“. So seien für Bad Soden-Salmünster und Schlüchtern Siedlungsstrukturen und deren Entwicklung nicht korrekt berücksichtigt. Daher seien auch die „Lärmkarten“ mangelhaft. Mit Blick auf das „Schutzgut Mensch“ seien in beiden Städten bei der Siedlungsplanung die Daten zum nächtlichen Schall sowie mit und ohne aktiven Lärmschutz „nicht korrekt übernommen“ oder überschritten worden. Auch die Überprüfung der Vorranggebiete (VRG) habe Fehler aufgezeigt. So beschreibe die DB Netz eine oberirdische Durchquerung der „Regionalen Grünzüge“ von 11,6 Kilometern, Hahn hingegen habe 10,4 Kilometer gemessen. Dies sei ein methodisches Defizit: Das VRG „Regionaler Grünzug“ sei nicht als Leitkriterium, sondern lediglich als nachrangiges Kriterium berücksichtigt worden. Und dies, obwohl die Regionalen Grünzüge „Ziel der Raumordnung sind“, kritisierte Hahn.

Daraus ergebe sich als weiteres Manko: Im Vorranggebiet „Natur und Landschaft“ würden nicht 5,45 Kilometer (Zahlen der DB Netz), sondern 8,56 Kilometer durchfahren. Und auch die Überprüfung der oberirdischen Abschnitte in den Vorbehaltsgebieten für Landwirtschaft brachte andere Zahlen ans Licht: 9,5 statt 8,2 Kilometer (Variante IV).

Wulf Hahns Fazit: „Zahlreiche Angaben stimmen nicht, daher können die Betroffenheiten gar nicht korrekt ermittelt werden.“ Hahn bemängelte auch, dass das Kartenmaterial der DB Netz in den Unterlagen des Raumordnungsverfahren „sehr kreativ gewählt“ sei und damit Berechnungen und genaues Ausmessen erschwere. „Ich habe mir mal den Spaß erlaubt und eine Mitarbeiterin gebeten, zu prüfen, wie viele verschiedenen Maßstäbe die Karten haben. Sie kam auf 13.“

Neubaustrecke Gelnhausen-Kalbach: Siedlungsflächen seien nicht berücksichtigt worden

Neue Siedlungsflächen westlich und östlich des Riedbachs in Schlüchtern seien gar nicht berücksichtigt worden, weshalb die Abstandszonen von 250 Metern unterschritten würden. „Der geringste Abstand beträgt circa 50 Meter im Bereich eines Hofes nördlich des Bahnhauses zur Talbrücke“, berichtete Hahn. Dies hätte „natürlich in allen Punkten Auswirkungen auf das Schutzgut Mensch“. In Salmünster/Hausen zeige sich teils ein ähnliches Bild. Die Erweiterung von Siedlungsfläche käme durch die gegenwärtige Planung vollständig zum Erliegen.

Auch das Schutzgut Wasser sei nicht ausreichend berücksichtigt, verliefen die Trassen doch zum Teil über oder im direkten Umfeld mehrerer Quellen, was Hahn anhand einer Karte von Schlüchtern und Niederzell aufzeigte. Zu Niederzell meint Wulf Hahn: „Warum DB Netz die Landschaftsbildeinheit als schutzunwürdige Landschaft mit Defiziten einstuft, ist nicht nachvollziehbar. Das ist aus unserer Sicht eine Fehleinstufung.“ Es gebe dort auch eine Rad- und Wanderroute. Aufgrund der zu erwartenden erheblichen Beeinträchtigungen durch das geplante Brückenbauwerk und die beidseitigen Dämme, sei eine weitergehende Landschaftsbildanalyse mit Visualisierung erforderlich.

Ein weiterer Mangel: „Die DB Netz hat ein Vorranggebiet Trinkwasser angesetzt, das es im Regionalplan gar nicht gibt. Da haben sie Kreativität bewiesen“, sagte Hahn und schmunzelte. Und: Eine bestehende Umspannanlage sei einfach aus der Planung gestrichen worden, diese ist jedoch Teil des Regionalplans. „Wie gesagt: kreativ“, so Hahn. Offenbar habe das Werk keine Bedeutung für den Bahnbetrieb, weshalb es außen vor gelassen werde.

Experte von Regio-Consult: Variante VII ist günstiger als Variante IV

Auch die Analyse des Trassenvergleichs (IV und VII) habe ergeben, dass die Bewertung korrigiert werden müsse. Diese seien in fünf Kategorien gleich zu bewerten, in einer habe Variante IV die Nase vorn, in zwei Punkten allerdings sei Variante VII vorteilhaft. Sie sei sowohl hinsichtlich der Raumordnung als auch der Umweltverträglichkeit etwas günstiger zu bewerten als Variante IV, fasste Hahn zusammen – und provozierte zumindest bei den Kurstadt-Mandatsträgern aus dem Huttengrund Stirnrunzeln.

Der Experte von Regio-Consult brachte als Alternative eine weitere Kombi-Variante ins Spiel, die aus seiner Sicht von Vorteil wäre: Eine Mischung aus Variante V und VII, denn er glaube derzeit nicht daran, dass sich die Variante IV halten lassen könne. So könnte die Neubaustrecke Gelnhausen–Fulda im Mischverkehr betrieben werden, die Windvorranggebiete von Neuhof würden verschont und der Opperzer Berg (zwischen Neuhof und Niederkalbach) bleibe als Freiraum erhalten, womit auch zwei Talbrücken über die Fliede (ein Kilometer Länge) und die Querung des Kalbachtals (1,6 Kilometer lang) hinfällig wären.

In seinem Resümee kritisierte Hahn erneut unvollständige Unterlagen. So gebe es Lage- und Höhenpläne nur für die Variante IV, ebenso fehlten Auswirkungskarten (außer zu „Lärm“), und die Bauphase bleibe unberücksichtigt. Bei der Variante VII im Raum Katholisch-Willenroth und dem Huttengrund werde während der voraussichtlich achtjährigen Bauphase von 140.000 Lkw-Ladungen zur A 66 und einer Baueinrichtungsfläche (BE) von gut 13 Hektar ausgegangen. Bei der Variante IV in Salmünster/Hausen fallen im gleichen Zeitraum etwa 190.000 Lkw-Ladungen und eine BE von fast 35 Hektar an. Baubeginn werde wohl erst im Jahr 2030 sein.

Wulf Hahns höflich formuliertes Fazit: „Das Regierungspräsidium wird sich damit sehr schwer tun.“

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