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Neue Bonpflicht lässt Händler und Kunden im Kinzigtal ratlos zurück

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Kinzigtal - Egal, ob Bäckerei, Imbiss oder Kiosk: Seit Neujahr gilt eine Bonpflicht für alle Händler mit Registrierkasse, und sei der Betrag auch noch so gering. Müssen auch hiesige Unternehmen ihre Kassen nachrüsten?

Von unserem Redaktionsmitglied Sabine Simon

„Darf ich Ihnen den Beleg mitgeben?“, fragt Lea Beck einen Kunden, der an diesem Morgen in der Filiale der Bäckerei Happ am Untertor den Inhalt seiner Brötchentüte zahlt. Die Bäckereifachverkäuferin muss das fragen, denn seit dem Jahreswechsel gilt die neue Kassensicherungsverordung und damit eine Kassenbonpflicht.

Wenn ein Händler über ein elektronisches Kassensystem verfügt, dann muss er seinen Kunden unaufgefordert einen Beleg aushändigen – oder ihm das zumindest anbieten. Das Ziel: Der Gesetzgeber will manipulierte Kassen entlarven, der Steuerhinterziehung entgegenwirken.

Kasse wurde nachgerüstet

Die Pflicht gilt für den großen Einzelhändler ebenso wie für die Imbissbude um die Ecke. Oder eben den Bäcker. Das ärgert Conny Heil und Norma Auth. Die beiden Damen stehen in der Filiale der Bäckerei Fink in der Obertorstraße hinter dem Tresen – und müssen neuerdings Bons ausgeben. Die Kasse wurde nachgerüstet. „Dass die Bons dann meist direkt in den Papierkorb wandern, ist Geldverschwendung und schlecht für die Umwelt“, finden die beiden. Denn die Verbraucher müssen den Beleg, anders als in anderen europäischen Ländern, nicht mitnehmen.

Größere Mülleimer?

Auch Lea Becks Kunde am Untertor verneint. „Ich habe mich schon gefragt, ob ihr jetzt einen größeren Mülleimer habt“, sagt er schmunzelnd und tritt hinaus auf die Straße. „Für uns ändert sich eigentlich nicht viel“, erläutert Beck. „Wir haben neue Kassensysteme mit großen Displays. So können die Kunden den Bezahlvorgang transparent nachverfolgen. Neu ist für uns, dass wir ganz gezielt danach fragen, ob wir einen Kassenbon mitgeben sollen. Wenn der Kunde keinen möchte, drucken wir auch keinen aus.“

Man gehe mit dem neuen Gesetz kundenorientiert um, erklärt Inhaber Michael Happ auf Nachfrage unserer Zeitung. „Ich finde es unfreundlich, wenn ich dem Kunden einen Zettel aufzwinge“, sagt er. Er könne aus steuerrechtlicher Sicht durchaus nachvollziehen, warum dieses Gesetz auf den Weg gebracht worden sei. Dennoch müsse es individuelle Lösungen geben.

Beleg auch auf das Handy

Diese räumt der Gesetzgeber ein: Laut Bundesfinanzministerium ist die Belegausgabepflicht „bewusst technologie-neutral gestaltet“. Wer seine offene Ladenkasse bislang ordnungsgemäß geführt hat, kann das auch weiterhin tun - und zwar ohne Bon. Händler mit Registrierkassen können Belege auch per Mail oder auf das Handy des Kunden ausgeben, sofern sie über die nötigen technischen Möglichkeiten verfügen.

Das bringt Gunther Quidde, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern, auf ein ganz anderes Thema. „Kennt Ihr Bäcker Ihre Mail-Adresse? Meiner nicht. Aber wer weiß: Vielleicht gibt es schon bald die Möglichkeit, dass sich unser Handy beim Bäcker den Bon irgendwie selbst abholt“, sagt er. Quidde findet, dass mit dem Kassengesetz „eine Chance verpasst wurde“, vor allem auch, um Bürokratie vermeiden. Man hätte schätzen sollen, wie viel Steuern dadurch mehr als bisher eingenommen werden und welche Kosten diesem Ertrag gegenüberstehen. Dann hätte man das Gesetz befristet und nach zwei oder drei Jahren geprüft, ob die Erwartungen erfüllt wurden. „Und falls dann der Nutzen zu gering sein würde, schafft man das Gesetz wieder ab“, sagt er im Gespräch.

In eine ähnliche Richtung argumentiert Metzgerei-Inhaber Dirk Ludwig, der seit jeher zu jedem Verkaufsvorgang Belege ausdrucken lässt. „Ich frage mich, warum in diesem Zusammenhang nicht über die Möglichkeiten der Digitalisierung gesprochen wird. Es gibt Fördergelder und Workshops. Und da reden wir tatsächlich ernsthaft noch über die Pflicht, ausgedruckte Bons ausgeben zu müssen.“ Das sei für ihn völlig unverständlich.

Hier stimmt Sevgin Hasan zu, die im Elite Döner Unter der Linden gerade Getränke ausschenkt. „Der Gesetzgeber macht sich oft keine Gedanken, was das für uns Geschäftsleute bedeutet“, sagt sie. Ihr Kassensystem sei bereits auf dem neuesten Stand, nachrüsten müsse man nicht.

MIT beklagt weitere Belastung

„Der Käufer muss einen Zettel als Nachweis behalten, damit er beweisen kann, dass er beim Bäcker Brötchen für 20 Cent nicht schwarz erworben hat. Für Handwerk und Einzelhandel bedeutet dies eine weitere Belastung“, sagt der Kreisvorsitzende der Mittelstandsvereinigung Main-Kinzig (MIT), Volker Rode. Mit dem Gesetz komme eine nicht zu unterschätzende Kosten- und Papierflut auf Unternehmen und Verbraucher zu – und das in einer Zeit, in der so viel wie möglich digitalisiert wird.

„In einer Bäckerei wurde unlängst untersucht, wie viele Kassenbons innerhalb von zwei Tagen von den Kunden nicht mitgenommen wurden. Es waren 500 Stück“, so Volker Rode und ergänzt: „Es handelt sich hier außerdem um Thermopapier, das Bisphenol A enthält. Dieser Stoff steht im Verdacht, krebserregend zu sein .“

Stichproben ab Herbst

Wer noch recht unsicher aufgrund der neuen Gesetzeslage ist, der muss sich jetzt noch nicht vor Konfikten mit der Finanzaufsicht fürchten. Erst ab Herbst soll es im Zusammenhang mit der neuen Kassenverordnung Stichproben geben.

Wie diese aussehen werden, ist allerdings unklar. Spannend ist hierbei auch: Mit den neuen, sicheren Kassensystemen müssen künftig auch Pfandrückgaben und sogar Trinkgelder verbucht werden.

Das Gesetz:

Die neue Kassensicherungsverordnung seit Neujahr, zu der auch die Kassenbonpflicht gehört, soll deutschlandweit den Steuerbetrug eindämmen. Noch bis Ende September haben Händler Zeit, ihre Kassen mit der technischen Sicherheitseinrichtung (TSE) nachzurüsten und somit fälschungssicher zu machen. Das neue Gesetz verpflichtet sie dazu, räumt ihnen aber eine Übergangszeit ein.

Mit der Neuerung soll laut Bundesfinanzministerium verhindert werden, dass digitale Daten manipuliert werden. Lücken im Kassenbuch sollen leichter auffindbar sein. Durch das System wird jede Transaktion in der Kasse unwiderruflich aufgezeichnet und automatisch ein Kaufbeleg ausgedruckt. Um später nachprüfen zu können, ob ein Kassenbetrug vorliegt, müsste ein Steuerprüfer im Zweifelsfall auch den Bon des Kunden gegenprüfen, der sich ein Brötchen im Kiosk um die Ecke gekauft hat - und das noch Jahre später.

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