Fotos: Alexander Gies

Neujahrsempfang des Behinderten-Werks Main-Kinzig: Beteiligung und Mitbestimmung in Wirtschaft

  • VonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Main-Kinzig-Kreis - Die Gesellschaft wandelt sich – sie erfährt die Digitalisierung der Arbeitswelt, Fachkräftemangel und Migration. Bei gleichzeitigem Anstieg der Zahl der Menschen mit Assistenzbedarf. Vor welchen Herausforderungen die Gesellschaft steht, darum ging es beim Neujahrsempfang des BWMK (Behinderten-Werk Main-Kinzig e.V.) am Mittwoch im Brockenhaus Hanau.

Sie lesen eine Pressemitteilung des BWMK im Wortlaut: Wirtschaftsredakteur Sebastian Balzter von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wagte einen Blick auf künftige wirtschaftliche Entwicklungen und ihre Konsequenzen. Welche Konzepte und Lösungen gibt es angesichts der sich rapide verändernden Wirtschaft? Und wie können sich Sozialunternehmen wie das BWMK einbringen, damit Menschen mit Unterstützungs- und Assistenzbedarf im gesamtgesellschaftlichen Änderungsprozess nicht ausgegrenzt werden?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Abends, zu dem rund 250 Akteure aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft im großen Saal des Brockenhauses Hanau erschienen waren, darunter die Landtagsmitglieder Heiko Kasseckert (CDU), Michael Reul (CDU) und Christoph Degen (SPD), Landrat Thorsten Stolz (SPD), die Kreisbeigeordneten Susanne Simmler (SPD) und Matthias Zach (Die Grünen), Hanaus Stadtverordnetenvorsteherin Beate Funck (SPD) und Bürgermeister Axel Weiss-Thiel (SPD), zahlreiche Stadtoberhäupter aus der Region sowie weitere Mandatsträger.

Begrüßt wurden die Gäste von den Werkstatt-Rätinnen Ingrid Krebs und Ivonne Dolgener. Sie vertreten die Beschäftigten in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) und verdeutlichten die Wichtigkeit von Beteiligung und Mitbestimmung. „Wir sind Experten in eigener Sache“, hieß es. Durch Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen vor Ort sowie der regionalen und überregionalen Politik könne es gelingen, eine Arbeitswelt zu schaffen, in der sich jeder mit seinen individuellen Fähigkeiten einbringen könne. Durch das Bundes-Teilhabegesetz sei das Recht auf Mitwirkung gestärkt worden. „Inklusion bedeutet: Alle gehören dazu“, so Dolgener.

„Es sind spannende Zeiten, und das liegt am technischen Fortschritt“, stellte Sebastian Balzter fest. Der Wirtschaftsjournalist stammt aus Eichenzell und arbeitet bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Sein Volontariat hatte Balzter bei der Fuldaer Zeitung absolviert. Die Vernetzung der Welt, so Balzter, sorge dafür, dass Unternehmen wie Amazon in rasantem Tempo die Wirtschaft umkrempeln könnten, ohne dass sie dafür riesige Maschinen einsetzen müssten.

„Der Zugewinn an Rechenleistung und die Ausstattung der Welt mit Sensoren machen zudem Roboterisierung und Automatisierung in ungekanntem Ausmaß möglich.“ Beides wirke auf viele Menschen beunruhigend. Gleichwohl machte Balzter Hoffnung: Es gebe keine Zwangsläufigkeiten. „Die Roboter werden uns nicht arbeitslos machen, Amazon wird nicht unser Leben dominieren. Damit die Zukunft für alle gut wird, brauchen wir aber kluge wirtschaftspolitische Regeln und eine Bildung, die auf den vernünftigen Umgang mit Chancen und Risiken viel stärker als bisher Wert legt.“

Wie mehr Teilhabe-Möglichkeiten für Menschen mit Beeinträchtigungen realisiert werden können, darauf ging Doris Peter ein, die Verwaltungsratsvorsitzende des BWMK. Neubau-Projekte wie das Johannes-Steubner-Haus in der Kopernikusstraße und die Erweiterung des betreuten Wohnens in Hanau dienten auch dazu neue Netzwerke zu schaffen und zu beleben — immer mit dem Ziel, Menschen mit Unterstützungsbedarf in das öffentliche Leben vor Ort einzubinden und dadurch ein gutes soziales Miteinander zu schaffen. Ähnliches gelte auch für andere Bereiche im BWMK. Durch den Bau des Bildungszentrums Blauhaus in der Feuerbachstraße in Hanau entstünden neue Optionen der Bildung und Qualifizierung für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen.

Das im Bau befindliche Schwanennest zur Kurzzeitbetreuung von Kindern und Jugendlichen mit Handicaps an der ehemaligen Pumpstation in Hanau sei ebenfalls ein hilfreiches Angebot für verschiedene Zielgruppen. Es entlaste Familien und biete jungen Gästen mit Handicaps Aufenthaltsqualität und eine schöne Zeit. Die in der historischen Pumpstation entstehende Multifunktionshalle könne auch für gemeinsame Projekte im Quartier dienen. „Mittendrin“ und Teil des Geschäftslebens vor Ort seien die Menschen auch in der Gläsernen Manufaktur in Gelnhausen. Das Beschäftigungsprojekt eröffne Menschen mit psychischen Erkrankungen berufliche Perspektiven, bereichere die Innenstadt und biete den Kunden attraktive Geschenkartikel, Feinkost und Papeterie.

Dass die Entwicklung hin zu einer inklusiven Gesellschaft Haltung braucht, betonte Martin Berg, der Vorstandsvorsitzende des BWMK, in seinem Schlusswort. Durch die UN-Konvention und das Bundes-Teilhabegesetz gebe es die Verpflichtung, alle Bereiche der Gesellschaft für alle gleichermaßen zugänglich zu machen. Allerdings werde die Verantwortung dafür bislang von zu wenigen Akteuren des öffentlichen Lebens wahrgenommen. Es brauche Sozialunternehmen wie das BWMK, damit Menschen mit Beeinträchtigungen am Alltagsleben und an der Arbeitswelt teilhaben könnten. „Wir tragen dazu bei, dass sich auch die öffentliche Wahrnehmung verändert. Denn wir schaffen die Voraussetzungen, dass Menschen mit Beeinträchtigungen ihre Kompetenzen einbringen können.“

Durch die Mitarbeit in Bereichen, die das BWMK eröffne, würden Menschen nicht aufgrund ihrer Behinderung wahrgenommen, sondern als Mitglieder eines Teams, die einen wichtigen Beitrag leisten. Beispiele für diese Arbeitsbereiche, die das BWMK organisiere, seien öffentliche Messen und Veranstaltungen, Gastronomie, Einzelhandel oder Schulverpflegung. Gleiches gelte auch für das soziale Leben im Wohnumfeld und damit für die Beteiligung an den Aktivitäten in Vereinen, Nachbarschaften und Gemeinden. Berg appellierte an die Anwesenden in ihrem Umfeld und Wirkungsbereich Verantwortung dafür zu übernehmen, dass Menschen mit Unterstützungsbedarf Chancen auf ein möglichst selbst bestimmtes Leben in der Gesellschaft haben.

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