Foto: Walter Kreuzer

„Nicht einer hat gratuliert“: Ein Brieftauberzüchter über seine Neider

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
    schließen

Fulda/Schlüchtern - Wolfgang Wirthmann hat das aus seiner Sicht „schönste Hobby der Welt“: die Brieftaubenzucht. Dieses nimmt er so ernst, dass er große Erfolge feiert. Den Neid mancher Kollegen nimmt er dafür gerne in Kauf.

Von unserem Redaktionsmitglied Walter Kreuzer

Der 67-Jährige aus dem Schlüchterner Stadtteil Wallroth vergleicht seine Brieftauben – davon hat er etwa 200 – gerne mit einem Spitzensportler. Der muss auch auf den Tag genau seine Höchstleistung bringen. Entsprechend richtet er Leben und Ernährung aus. Jenseits von Flugfutter und ausreichend Wasser, um den bei einem Flug über Hunderte Kilometer normalen Verlust an Salzen und Elektrolyten auszugleichen, setzt Wirthmann auf kleine Leckereien.

„Die Taube muss sich wohlfühlen und darf keine Angst vorm Züchter haben. Manche fliegen auf mich, weil ich mit ihnen spiele. Wenn die Heimkommen, kriegen sie Erdnüsse. Da sind sie so verrückt, dass sie keinen Vogel mehr brauchen“, erläutert er einen seiner Kniffe und schmunzelt.

„Es kommt auf jede Sekunde an“

Ein Hintergrund ist, dass die Züchter bei den Wettkampfflügen auf den Trieb der Tauben setzen. Diese werden in den Tagen vorher nach Geschlechtern getrennt gehalten und dürfen vor der Abfahrt zur Einsatzstelle den Partner nur kurz sehen. So soll die Sehnsucht – und damit der Wunsch, schnell nach Hause zu kommen – gesteigert werden.

Ob der „Heimkehrwille“, wie er es nennt, groß genug ist, entscheidet mit über Erfolg und Misserfolg. Wirthmann, der mit dem Schlüchterner Stephan Lang eine Zuchtgemeinschaft bildet, hat 2019 einen Großteil der 13 Wettflüge gewonnen.

„Es kommt auf jede Sekunde an. Es kann sein, wenn die Taube fünf oder zehn Sekunden auf dem Dach sitzt, dass sie keinen ersten Preis fliegt. Wenn zehn Tauben zusammen kommen und zwei bleiben auf dem Dach, habe ich nur die ersten Acht statt die ersten Zehn. Das war schon extrem.“

Fünf Stunden täglich im Schlag

Der anhaltende Erfolg rufe die Neider auf den Plan. „Die machen sich keine Gedanken, warum sie schlechter fliegen als die anderen. Mir hat diesmal in der Einsatzstelle nicht einer gratuliert zu dem fünften Platz bei der Deutschen Meisterschaft“, sagt der Mann, der seit mehr als einem halben Jahrhundert Brieftauben züchtet. Ein Kollege habe sich darüber gewundert, dass er regelmäßig die Wände des Taubenschlags abwäscht, und ihn deshalb für „verrückt“ erklärt.

Es sei aber gerade dieser Eifer, die bis zu fünf Stunden täglich, die der Rentner im Schlag verbringt, der den Erfolg ausmache: „Ein anderer kümmert sich nur eine Stunde am Tag. Dass ich da besser bin als der, ist klar. Das hängt mit dem Kontakt zu den Tauben zusammen. Die fliegen im Schlag überall hin, nur nicht zum Züchter. Die haben Angst vor dem. Das darf gar nicht sein.“

30.000 Euro für „Rocky“

Angst nicht, aber eine gewisse Sorge, macht sich bei dem gelernten Maler und Lackierer breit, wenn er an seine besten Tauben denkt. 2017 belegte sein „Rocky“ – nur die besten seiner Tiere haben einen Namen, die übrigen lediglich eine Nummer – in Deutschland den zweiten Platz mit 494,17 von 500 möglichen As-Punkten.

Später bot ihm ein Interessent aus China 30.000 Euro für die Taube, was Wirthmann ablehnte. Damit war das Schicksal von „Rocky“ besiegelt. Er bleibt seither in seinem Zuchtschlag mit Freivolière. Dafür nennt der Züchter zwei Gründe. Der eine sind Raubvögel wie Wanderfalke, Habichte oder Sperber, denen er „einen teuren Vogel, der auch noch gut vererbt“ nicht aussetzen möchte.

Die zehn besten Zuchtpaare versteckt

Wirthmann befürchtet aber auch einen Diebstahl: „Ich habe schon Tauben gestohlen bekommen. Der oder die Täter wollten mich dadurch schwächen. Meine zehn besten Zuchtpaare habe ich daher nicht hier in der Scheune, sondern irgendwo im Umkreis von 30 Kilometer in einem Schlag.“

Die Liebe zu den Tauben bekam der 67-Jährige praktisch in die Wiege gelegt, da sein Vater Georg auch Züchter war. Wolfgang war noch Jungzüchter in Vollmerz, wo er aufwuchs, als ihm die Taube eines Züchters aus Westfalen zuflog. Er durfte sie behalten und feierte Erfolge mit ihr – und mit einer Nachzucht, die von einem Distanzflug aus der Gegend von Budapest nicht zurückfand.

Zumindest nicht sofort. Wirthmann: „Nach sieben Jahren kam sie zurück. Sicher wurde irgendwo mit ihr gezüchtet und sie wurde freigelassen als sie weniger Eier legte. Sie hat ihr Gnadenbrot bekommen und ist 20 Jahre alt geworden.“

Das könnte Sie auch interessieren