Abdul Kerim Simsek (Zweiter von links), seine Mutter Adile Simsek (Zweite von rechts) sowie Anwältin Seda Basay-Yildiz (Mitte) während eines Verhandlungstags im Jahr 2018 im NSU-Prozess am Landgericht München.
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Abdul Kerim Simsek (Zweiter von links), seine Mutter Adile Simsek (Zweite von rechts) sowie Anwältin Seda Basay-Yildiz (Mitte) während eines Verhandlungstags im Jahr 2018 im NSU-Prozess am Landgericht München.

Regelrecht hingerichtet

Heute vor 20 Jahren ermordete der NSU sein erstes Opfer – Blumenhändler Enver Simsek aus Schlüchtern galt lange als Täter

Enver Simsek war ein fleißiger Blumengroßhändler. Vor 20 Jahren vertrat er einen Mitarbeiter in Nürnberg, wo ihn Rechtsterroristen als zufälliges Opfer auswählten und mit acht Schüssen regelrecht hinrichteten. Für Simseks Familie war dies der Anfang einer Odyssee.

  • Die Familie von Abdul Kerim Simsek hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich
  • Lange wurde Vater Enver Simsek, das erste Opfer der NSU-Mordserie von den Ermittlern als Täter gesehen
  • Noch heute sind viele Fragen in der NSU-Mordserie für Ermittler und Angehörige offen.

Schlüchtern/Nürnberg - Abdul Kerim Simsek erhält einen USB-Stick geschickt mit einer PDF-Datei darauf, die in 3025 Seiten das Urteil eines Jahrhundertprozesses begründet. Keine der Seiten wird er lesen. Stattdessen wird er den USB-Stick in den Schrank schmeißen. Dorthin, wo die Dutzenden Aktenordner stehen. Sein Arbeitszimmer quillt über von Unterlagen zum NSU-Komplex. „Der Prozess war für die Katz’ “, sagt er.

Zu offen die Fragen, zu milde die Strafen. Bei der Urteilsverkündung nach 438 Verhandlungstagen hätten Neonazis auf der Zuschauertribüne geklatscht. Mit dem Thema NSU wolle er am liebsten abschließen; ein Leben beginnen, in dem die Wunden, die die Ermordung seines Vaters hinterließ, nicht immer wieder von Gerichtsterminen und Medienanfragen aufgerissen werden.

Das erste NSU-Opfer: Enver Simsek war erfolgreicher Geschäftsmann

Doch „damit abschließen“, den Schlüssel ins Schloss stecken, umdrehen, abziehen, vergessen – das gehe einfach nicht, sagt Abdul Kerim, den die Deutschen Abdul und die Türken Kerim nennen. Wie soll man bloß weitermachen, wenn die Kindheit mit 13 Jahren, am 9. September 2000, mit neun Schüssen endet? Und man in ein Loch fällt, aus dem man erst 20 Jahre später ganz allmählich wieder rauskommt?

Enver Simsek, Abdul Kerims Vater, war ein erfolgreicher Geschäftsmann. 15 Jahre vor seiner Ermordung war er nach Deutschland gekommen, arbeitete unter der Woche am Fließband und am Wochenende in Putzkolonnen. Er hatte sich hochgearbeitet und besaß wenige Jahre später einen Blumengroßhandel, einen Blumenladen und mobile Verkaufsstände.

Jeden Montag fuhr er in die Niederlande, um neue Ware zu ersteigern. Meist arbeitete er von 5 bis 21 Uhr. Weil er deshalb kaum Zeit für die Familie hatte, beschloss er wenige Monate vor seinem Tod, den Großhandel zu verkaufen. Dann hätte er nicht nur in den Sommerferien etwas mit seinen Kindern Semiya und Abdul Kerim unternehmen können.

Simsek wird durch acht Schüsse verletzt und stirbt zwei Tage später

Am Samstag, 9. September 2000, vertrat Enver Simsek einen Angestellten, der den Spätsommer in der Türkei verbrachte. Der Blumenstand war an dem Tag an einer viel befahrenen Ausfallstraße von Nürnberg aufgebaut. Als er im Innern seines Wagens Blumen band, tauchten plötzlich zwei Männer in Radlerkleidung auf und zogen ihre Waffen. Mit acht Schüssen richteten sie Enver Simsek hin. Als die Männer flohen, lebte er noch. Zwei Tage später erlag er seinen Verletzungen.

Abdul Kerim Simsek nach der Enthüllung einer Gedenktafel für seinen ermordeten Vater Enver Simsek am 11. September 2013 in Schlüchtern.

Heute steht in der Parkbucht an der Stelle des Tatorts ein kleines Schild. Es erinnert an Enver Simsek, das erste Mordopfer der TerrorgruppeNationalsozialistischer Untergrund“. Dass die Tafel schon mindestens 100-mal mit Hakenkreuzen beschmiert oder beschädigt wurde, sagte Abdul Kerim, nehme er mittlerweile nicht mehr persönlich.

Er sitzt im Wohnzimmer seines kleinen Hauses im hessischen Friedberg und schaut in die Webcam seines Laptops. In manchen Wochen, wenn er viel zu tun hat, denke er kaum an das, was erst seinem Vater und dann seiner Familie angetan wurde. Nur wenn seine Tochter nach ihrem Opa fragt, komme alles wieder hoch. Dann denkt er daran, wie die Ermittler seine Mutter, seine Schwester und ihn viele Male auf die Wache bestellten.

Auf der Spur der Täter: Ermittler schließen Ausländerfeindlichkeit zunächst aus

Noch während sein Vater im Sterben lag, musste seine Mutter mit den Polizisten aufs Revier, um auszusagen. Sie fragten, ob ihr Mann in kriminelle Machenschaften verwickelt sei, eine Affäre oder Feinde gehabt habe. Bei 70 Prozent der Mordfälle kennen sich Täter und Opfer. Daher ermittelt die Kriminalpolizei meist im Umfeld des Opfers und bewegt sich dabei auf schmalem Grat:

Die Beamten müssen die Angehörigen trauern lassen und ihnen gleichzeitig unangenehme Fragen stellen. Hört man Abdul Kerim jedoch zu, bekommt man das Gefühl, die Ermittler wandelten nicht auf einem Grat, sondern schossen eine steile Abfahrt in ein Tal aus Verdächtigungen hinunter. Elf Jahre lang.

Der damalige bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) kannte Simseks Blumenstand, weil er in der Nachbarschaft wohnte. Als die Nachricht über den Mord auf seinem Schreibtisch lag, notierte er: „Ist ausländerfeindlicher Hintergrund denkbar?“ Doch die Ermittler nahmen an, dass man die Mörder in der Drogen- oder Mafiaszene finden würde, Rechte hätten ihrer Auffassung nach ein Bekennerschreiben hinterlassen.

Als die Morde sich häuften: Erst Drogenkriminalität dann verfeindete türkische Gruppen

Abdul Kerim erinnert sich, wie die Wohnung seiner Familie mit Drogenhunden durchsucht und er auf der Wache ausgefragt wurde. Die Polizei verwanzte ihre Telefone und den Blumentransporter, um endlich eine heiße Spur zu bekommen, die die Ermittlungshypothese beweisen würde. Doch die Ermittler tappten im Dunkeln und machten somit die Opfer zu Tätern.

„Keine Sekunde habe ich an meinem Vater gezweifelt“, sagt Abdul Kerim. Als im darauffolgenden Sommer 2001 mit derselben Pistole der Schneider Abdurrahim Özüdogru in Nürnberg, dann die Gemüsehändler Süleyman Tasköprü in Hamburg und Habil Kilic in München ermordet werden, hofft Familie Simsek, dass organisierte Kriminalität als Motiv endlich ausgeschlossen wird.

Der Blumenhändler Enver Simsek aus Schlüchtern war das erste Mordopfer des NSU.

Doch das Gegenteil tritt ein: Die Ermittler gehen erst von Drogenkriminalität, dann von einem Konflikt zwischen verfeindeten türkischen Gruppen aus. Alle Angehörigen erleben nun in ähnlicher Weise das, was die Simseks seit ein paar Monaten durchmachen. Nach jedem Mord fragt die Sonderkommission Bosporus“ die Familien nach kriminellen Machenschaften, Drogen, heimlichen Affären.

Nach Mord in Kassel: Trauermarsch findet kaum Beachtung

Einige Angehörige weisen darauf hin, dass es vielleicht „Türkenhasser“ oder Nazis waren. Doch in diese Richtung wird kaum oder gar nicht ermittelt. Abdul Kerim gewöhnt sich daran, zu verschweigen, dass sein Vater ermordet wurde. Die Leute hätten immer nach demselben Schema reagiert: „Irgendwas muss dein Vater doch angestellt haben“.

In der Schule rufen ihm Mitschüler hinterher: „Mafiajunge! Das ist der Sohn des Drogendealers.“ Als zwei Morde in Döner-Imbissen geschehen, erfindet ein Redakteur der „Nürnberger Nachrichten“ das Wort „Döner-Morde“. Es macht eine traurige Karriere und wird von allen großen Medien aufgegriffen. „Das ist menschenverachtend: Mein Vater war kein Döner, er war ein Mensch“, sagte Abdul Kerim.

Lesen Sie hier: So haben die Ermittler den Mordfall Lübcke aufgeklärt.

Spätestens nachdem im April 2006 erst Mehmed Kubasik in seinem Kiosk in Dortmund und zwei Tage später Halit Yozgat in seinem Kasseler Internetcafé ermordet werden, ist für viele Menschen mit Migrationshintergrund klar, dass es sich um eine rassistische Mordserie handeln muss. Tausende Menschen ziehen durch Kassel. „Wir haben gefordert: Kein zehntes Opfer!“, erinnert sich Abdul Kerim. Die Menschen am Straßenrand hätten den Trauermarsch kaum beachtet. „Da hat uns immer noch keiner geglaubt, dass es Rechtsextreme waren.“

„Von einem auf den anderen Tag konnten wir Opfer sein“

Am 4. November 2011 fliegt der NSU auf, am 11. hört Abdul Kerim im Radio, dass die Waffe gefunden wurde, und er fährt sofort zu seiner Schwester. Gemeinsam schauen sie Nachrichten. „Endlich konnte ich sagen: Nazis haben ihn umgebracht.“ Elf Jahre musste er auf diese Gewissheit warten. „Von einem auf den anderen Tag konnten wir Opfer sein.“

Die Journalisten stehen Tag und Nacht vor seiner Haustür. Die meisten wollen Interviews, manche sich für ihre Berichte entschuldigen. Im Februar 2012 lädt die Bundeskanzlerin alle Angehörigen zu einer Trauerfeier ein und sagt: „Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken!“

  • Die Opfer der NSU-Mordserie:
  • Enver Simsek (9. September 2000 in Nürnberg)
  • Abdurrahim Özüdoğru (13. Juni 2001 in Nürnberg)
  • Süleyman Taşköprü (27. Juni 2001 in Hamburg)
  • Habil Kılıç (29. August 2001 in München)
  • Mehmet Turgut (25. Februar 2004 in Rostock)
  • İsmail Yaşar (9. Juni 2005 in Nürnberg)
  • Theodoros Boulgarides (15. Juni 2005 in München)
  • Mehmet Kubaşık (4. April 2006 in Dortmund)
  • Halit Yozgat (6. April 2006 in Kassel)
  • Michèle Kiesewetter (25. April 2007)

„Vollständig aufgeklärt wurde nicht“, sagt Abdul Kerim, auf eine offizielle Entschuldigung der Ermittlungsbehörde warte er immer noch. Mehrere parlamentarische Untersuchungsausschüsse und einer der größten Prozesse der Bundesrepublik hätten die Mordserie nicht aufklären können. Dass die Täter so lange morden konnten, nannte Bayerns ehemaliger Innenminister Beckstein „die größte Niederlage des Rechtsstaats der letzten Jahrzehnte“.

NSU-Prozess: Viele Fragen bleiben weiter ungeklärt

Der NSU habe nicht nur aus dem Kerntrio bestanden, sagt Abdul Kerim. Es gebe Hinweise, dass Helfer vor Ort mögliche Ziele ausgekundschaftet hätten. Er würde gerne wissen, wie die Opfer ausgewählt worden seien. Warum versagten die Sicherheitsbehörden – vom Verfassungsschutz bis zum militärischen Abschirmdienst –, die mehr als 40 V-Leute im Umfeld des Trios platziert hatten?

Wenn Abdul Kerim darüber spricht, klingt es so, als habe er keinen Bachelor in Medizintechnik, sondern eine Doktorarbeit über den NSU-Komplex abgeschlossen. „Man konnte sich damals einfach nicht vorstellen, dass Neonazis mordend durchs Land ziehen“, sagte Abdul Kerim. Heute sieht das anders aus; die Ermordung des Regierungspräsidenten Walter Lübcke, die Attentate in Halle und Hanau.

Nachdem in der hessischen Stadt ein Rechtsterrorist zehn Menschen erschossen hatte, fuhr Abdul Kerim täglich nach Hanau und traf sich mit Angehörigen. Dann erzählt er von seiner Anwältin Seda Basay-Yildiz, die Todesdrohungen erhalten habe, unterschrieben mit „NSU 2.0“. (Niklas Prenzel)

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