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Von Osteuropa in den Bergwinkel: Sind EU-Bürger aus Bulgarien und Rumänien im Pflegebereich eine Hilfe?

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Von: Redaktion Fuldaer Zeitung

region - Die Freizügigkeit für EU-Bürger aus Bulgarien und Rumänien wird in der öffentlichen Debatte meist von Warnungen vor Armutsflüchtlingen begleitet. Ob sich daraus für manche Betriebe wie zum Beispiel im Pflegebereich auch Chancen ergeben, fragte unsere Zeitung Vertreter von Einrichtungen in der Region.

Kreishandwerksmeister Ottmar Hutzenlaub (Bad Soden-Salmünster) hat "überhaupt nichts gegen die Zuwanderung von Leuten, die was können und arbeiten wollen". Dabei seien jedoch mit kritischem Auge "Scheinselbstständige" in jenen Berufen zu verfolgen, für die kein Befähigungsnachweis mehr erbracht werden muss. So hätten binnen zwei Jahren allein im hiesigen Kammerbezirk Wiesbaden gut 1000 Fliesenleger ein Gewerbe angemeldet. Zwar kann Hutzenlaub Menschen verstehen, die in manchen Balkanländern unter teils menschenunwürdigen Bedingungen leben und diesen entfliehen möchten, doch diese Probleme müssten in jenen Ländern und nicht über die Sozialsysteme in Deutschland gelöst werden. Hier müsse das geltende EU-Recht angewendet werden. Wer nach einigen Monaten Arbeitssuche keinen Job vorweisen könne, müsse in seine Heimat zurückkehren.

Mit Pflegekräften aus dem Ausland haben die Alten- und Pflegezentren des Main-Kinzig-Kreises schon einige Erfahrung gesammelt, wie Lennart Meyer, Pressesprecher des Main-Kinzig-Kreises, erklärt. Und die seien durchaus positiv. "Neben der fachlichen Qualifikation liegt der Fokus auf der Beherrschung der deutschen Sprache", macht Meyer deutlich. Deshalb sei es gerade im Hinblick auf die Kampagne "Pflege in Not" durchaus denkbar, auch Kräfte aus Bulgarien und Rumänien einzustellen, sofern sie auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stünden. Voraussetzung sei aber, dass die Mitarbeiter Deutsch lernen. Hierfür würden entsprechende Kurse angeboten. "Und sie werden nach Tarif bezahlt", so Meyer. "Bislang haben wir aber keine Schritte unternommen."

Uwe Gall, Leiter des Gama-Altenpflegezentrums in Schlüchtern, erklärt, dass "bis 2025 mit weiteren 1,3 Millionen Pflegebedürftigen gerechnet wird." Dafür würden mindestens 25 000 weitere Fachkräfte benötigt. Und gerade da liege das Problem, denn Bewerber für Jobs im Bereich der Pflege gebe es jede Menge, nur nicht das benötigte Fachpersonal: "Das liegt auch an unserer Branche. Die Gesetzgebung schreibt vor, dass die Hälfte der Angestellten im Bereich der Pflege als Fachkraft ausgebildet sein muss. Das hat sich in den 30 Jahren, in denen ich in der Pflegebranche tätig bin, nicht geändert. Da sollte man auch ansetzen. Wir stehen nunmal mit dem Rücken zur Wand und brauchen mehr helfende Hände", meint Gall.

Ähnlich sieht es Sylvia Brandt, Heim- und Pflegedienstleiterin des Schlüchterner Haus im Bergwinkel: "Wir haben schon länger Fachpersonal aus Rumänien und Polen. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass es Grundvorraussetzungen gibt, um in Deutschland im Bereich der Pflege zu arbeiten. Neben dem nötigen Know-how sind Wertevorstellungen und die innere Haltung zu dem Beruf von entscheidender Wichtigkeit. Darüber hinaus natürlich auch die Sprache", weiß Brandt. "Ich könnte ohne die nötigen Kenntnisse auch nicht in einem fremden Land arbeiten. Die Sprache ist entscheidend in unserem Job. Gerade wenn man bedenkt, dass wir mit hochbetagten und zu großen Teilen dementen Menschen arbeiten."

Die Main-Kinzig-Kliniken in Gelnhausen und Schlüchtern setzen schon seit einigen Jahren auf Pflegekräfte und Ärzte aus Bulgarien und Rumänien. "Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht", erklärt Daniel Bös, Mitarbeiter der Unternehmenskommunikation. Er geht davon aus, dass die bürokratischen Hürden, die es bislang zu bewältigen gab, mit der neuen Freizügigkeit um einiges niedriger werden. Bei Bedarf würden aber auch hier Sprachkurse und andere Hilfestellungen für das Leben in Deutschland angeboten.

Nach den Worten von IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Gunther Quidde hat sich "bisher niemand darüber beschwert, dass seit Jahren gut ausgebildete Ingenieure und Ärzte aus Osteuropa nach Deutschland gekommen sind". Zumal diese auch bereit seien, in vermeintlich ländlichen Gebieten zu arbeiten und zu leben. Allerdings "fehlen diese Akademiker ja in ihren Heimatländern, die sie ausgebildet haben. Selbst wenn sie irgendwann mal dorthin zurückgehen". Sollte es zu spürbarer Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien kommen, dürfte sich die Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt vor allem bei Geringqualifizierten verschärfen. Allerdings bezeichnet Quidde die Jobaussichten in der Region für Bewerber, denen es neben einer Berufsausbildung auch an Sprachkenntnissen fehlt, als eher gering. Für diese blieben meist nur Saisonarbeitsplätze übrig. / hgs, sab, tim

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