Symbolfoto: Peter Steffen/dpa

Prozess um brutale Vergewaltigung: Hat das Opfer die Erlebnisse verknüpft?

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Hanau - Es sind einige Ungereimtheiten, Widersprüche und offene Fragen, die im Verlauf der Hauptverhandlung gegen Carsten B. (alle Namen geändert) am Landgericht Hanau bisher zutage traten. Daher steht die fünfte große Strafkammer unter dem Vorsitz von Dr. Mirko Schulte vor einer schwierigen Urteilsfindung.

Bis es soweit ist, werden zwar womöglich doch noch weitere Zeugen vernommen, dem in dieser Woche vorgestellten Gutachten dürfte bei der Entscheidung dennoch große Bedeutung zukommen, geht es darin doch um die Einschätzung der Glaubwürdigkeit der Opferzeugin.

Am 18. Dezember 2017 soll der Angeklagte Carsten B. seine Bekannte Simone F. in deren Hanauer Wohnung vergewaltigt haben, was dieser bestreitet. Die heute 53-Jährige hatte ausgesagt, dass der Mann brutal über sie hergefallen und ihrer mehrfachen Aufforderung, von ihr abzulassen, nicht nachgekommen sei. Die Verletzungen Simone F.s hatten eine stationäre Behandlung notwendig gemacht.

Fünfter Prozesstag

Am mittlerweile fünften Prozesstag fand nun das sogenannte aussagepsychologische Gutachten Eingang in die Verhandlung. Die Frage, die Gutachterin Sonja Parr darin zu klären hatte, war eine entscheidende: Wie glaubwürdig sind die Aussagen der Opferzeugin einzuschätzen?

Diese Frage ist insbesondere deshalb ungleich schwieriger zu beantworten, weil bei Simone F. eine Intelligenzminderung vorliegt und nach Widersprüchen im Verlauf des Prozesses die Frage im Raum steht, ob sie möglicherweise Personen und ihre Handlungen miteinander verwechselt beziehungsweise vermischt.

Aussagen verfälscht worden?

Die Gutachterin bescheinigt Simone F. zunächst grundsätzlich die Fähigkeit, verwertbare Angaben zu machen, gleichwohl ihre deutlich ausgeprägten kognitiven Defizite, eine verlangsamte Auffassungsgabe, ein eingeschränktes Sprachverständnis ebenso, wie ein mangelhaftes sprachliches Ausdrucksvermögen sowie eine reduzierte Gedächtniskapazität dies erkennbar erschwerten.

Für Parr stand weiterhin die Frage im Raum, ob möglicherweise suggestive Einflüsse die Aussage der Opferzeugin verfälscht haben könnten. Die Hypothese, dass die Gespräche mit ihrem Bruder und dem Klinikpersonal nachgelagert Einfluss auf ihre eigene Wahrnehmung des Geschehens als Vergewaltigung genommen haben, hält Parr jedenfalls für durchaus denkbar.

Erinnerung lediglich konstruiert?

Wenn sie von ihrem Bruder im Krankenhaus gefragt worden sei, ob sie denn geschrien oder sich gewehrt habe, könne es außerdem durchaus sein, dass Simone F. dies bejaht, sich in der Realität aber nicht getraut habe, das zu tun. „Es ist also nicht auszuschließen, dass sie ihre Unwillensbekundung nicht oder nicht ausreichend zum Ausdruck gebracht hat“, so das Fazit der Gutachterin.

Dass sich Simone F. das Geschehen wiederum ausgedacht und eine Erinnerung lediglich konstruiert habe, hält Parr für sehr unwahrscheinlich. „Das würde hohe kognitive Fähigkeiten und eine ausgeprägte Fantasiebegabung erfordern, die ich bei ihr nicht sehe.“ Denkbar ist jedoch ihrer Einschätzung nach, dass es in der Wahrnehmung der Opferzeugin zu einer absichtlichen oder unabsichtlichen Personenübertragung gekommen sein könnte.

Nächster Prozesstag ist am 17. März

Denkbar wäre zum Beispiel, dass Simone F. eine gewaltsame sexuelle Erfahrung mit einem anderen Mann auf den Angeklagten überträgt oder zeitlich unabhängige Erlebnisse miteinander verknüpft. DNA-Spuren in ihrer Wohnung hatten ergeben, dass sie mutmaßlich in zeitlicher Nähe zu der Beziehung mit Carsten B. noch mit mindestens einem weiteren Mann sexuellen Kontakt hatte.

Nächster Prozesstag ist am Dienstag, 17. März. Obgleich der Anwalt der Verteidigung zunächst keine Beweisanträge mehr angekündigt hatte, bekundete er nach nochmaligem Lesen des Gutachtens, nun doch noch zwei Zeugen aus dem Umfeld von Simone F. vernehmen zu wollen.

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