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Prozess um mutmaßliche Vergewaltigung: Verletzungen wie nach einer Geburt

  • vonRedaktion Fuldaer Zeitung
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Hanau - Am Telefon hört Volker F. (alle Namen geändert) nur ein wirres Gestammel. Die Worte „Mann“ und „geschlafen“ fallen und dann teilt ihm seine Schwester mit, dass sie im Krankenhaus sei.

Mit einem unguten Gefühl macht sich Volker F. auf den Weg dorthin und spätestens beim Anblick des großen Blutflecks auf dem weiten OP-Hemdchen, das Simone K. trägt, ist ihm klar, dass etwas Schlimmes vorgefallen sein muss. Später wird sie sagen, dass ihr Bekannter Carsten B. sie vergewaltigt hat.

Vor dem Hanauer Landgericht, wo ihm deshalb der Prozess gemacht wird, bestreitet B. die Tat, spricht von einvernehmlichen Sex. Jetzt sagten der Bruder und ein Bekannter des mutmaßlichen Opfers aus. Neben einigen Antworten bleiben am Ende dieses dritten Prozesstages viele Fragen offen.

Schwere Verletzungen wie nach einer Geburt

Dass Simone K. das, was an einem Dezembertag 2017 mit ihr passiert ist, freiwillig über sich ergehen ließ, scheint angesichts ihres Verletzungsbildes kaum vorstellbar. Eine Schwester in der Gynäkologischen Klinik, in der sie stationär aufgenommen wird, äußert im Hinblick auf die Verletzungen der Patientin, jene legten nahe, dass diese gerade ein Kind bekommen habe.

Nun war die Ursache für Simone K.’s schwerwiegende Verletzungen aber mitnichten eine Geburt, sondern vielmehr eine offenbar extrem brutale Penetration, die zu starken Blutungen und einem Dammriss führte. Während sie zunächst verneint, Opfer eines sexuellen Übergriffs gewesen zu sein, revidiert sie jene Aussage später und gibt bei der Polizei zu Protokoll, dass Carsten B., den sie über eine Kontaktanzeige kennengelernt hat, sie vergewaltigt habe.

Opfer erfasst Situation zunächst nicht

Ein Knackpunkt ist hierbei der Umstand, dass bei Simone K. eine Intelligenzminderung vorliegt, und nicht für jede Situation ersichtlich ist, inwieweit ihre kognitiven Fähigkeiten ihr erlauben, diese richtig einzuschätzen. So beschreibt ihr Bruder, dass sie mit dem Begriff der Vergewaltigung zunächst gar nichts habe anfangen können. Erst als er ihr erklärt habe, dass ein Mann aufhören müsse, wenn eine Frau „Stop“ sage, habe sie ihre eigene Situation erfasst.

„Je öfter ich gesagt habe, dass er aufhören soll, desto heftiger hat er weitergemacht“, schildert Volker F. die Aussage seiner Schwester ihm gegenüber. Insgesamt beschreibt er sie als leichtgläubigen, gutmütigen und sehr unsicheren Menschen. „Sie hat sehr wenig Selbstbewusstsein und meint immer, sich anderen gegenüber rechtfertigen oder für irgendetwas schämen zu müssen“, schildert er.

Tod der Mutter ändert alles

Nach dem Tod ihres Vaters lebt Simone K. mehr als 20 Jahre lang mit ihrer Mutter unter einem Dach – in einer „beinahe symbiotischen Beziehung“, beschreibt Volker F. vor Gericht eine Art Blase, in der sich die beiden Frauen einrichteten. Gemeinsame Urlaube, Ausflüge und ein intensives Miteinander im Alltag bestimmen diese Zeit.

Als die Mutter pflegebedürftig wird, kümmert sich die Tochter aufopferungsvoll um sie, nimmt ihr alles ab, was sie kann, und stürzt nach dem Tod der Mutter im Frühjahr 2017 in ein tiefes Loch. So lange, bis sie erkennt, welche Freiheiten ihr die neue Situation ermöglicht. „Sie war ein bisschen wie ein Teenager, dessen Kontrollinstanz weggefallen ist“, sagt ihr Bruder.

Zeitungsanzeigen stellen Kontakt her

Es ist eine schlichte Lust auf das Leben, die Simone K. nun antreibt: Nach all den Jahren, in denen die Mutter beinahe ihr einziger Bezugspunkt war, will sie andere Menschen kennenlernen, Freundschaften knüpfen, wünscht sich Zuneigung und körperliche Liebe. Auf die Frage, welche Menschen einen Platz in ihrem Leben bekommen sollen, findet sie eine Antwort: Kontaktanzeigen in der Zeitung.

Neben dem Angeklagten lernt sie auf diesem Wege im 2017 Klaus M. kennen. Es kommt auch zu sexuellen Annäherungen, die Klaus M. vor Gericht als Petting und Oralverkehr beschreibt. Den Geschlechtsakt hätten beide nicht vollzogen.

Aussagen widersprechen sich

Die Aussagen M.s, der nach eigenen Angaben unter einer schizo-affektiven Störung leidet, die sein Erinnerungsvermögen negativ beeinflusst, decken sich in weiten Teilen mit den Angaben, die Simone K. gemacht hat.

In einem Detail widerspricht M. So will er vier bis sechs Wochen vor der mutmaßlichen Vergewaltigung zuletzt bei Simone K. zu Hause gewesen sein. Sie hat ausgesagt, M. sei an jenem Tag bei ihr gewesen, und hatte dies im Verlauf eines Telefongesprächs mit ihrer Schwägerin am Tattag geäußert.

Weitere DNA-Spuren in Wohnung gefunden

Im Raum steht unter anderem die Frage, ob die 53-Jährige mehrere Geschehnisse miteinander verknüpft oder Personen und ihre Handlungen falsch zuordnet. Auch, ob es weitere Männerbekanntschaften gab, die in Simone K’.s Wohnung verkehrten, und über die sie schweigt, ist unklar. Die Spurensicherung hat dort DNA festgestellt, die nicht vom Angeklagten stammt.

Der Prozess wird am Dienstag, 25. Februar, fortgesetzt. Von großem Interesse dürfte das psychologische Gutachten der Sachverständigen Sonja Parr sein. Jene wird das Verfahren in dieser Funktion künftig begleiten, da die Kammer für die von der Verteidigung in Rede gestellte Befangenheit Parrs keinerlei Anknüpfungspunkte sah. / nic

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