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Bluttat in Steinauer Café: Inhaberin versucht, Mord an ihrer Mitarbeiterin zu verarbeiten

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Von: Walter Kreuzer

Im rückwärtigen Teil eines Cafés in der Steinauer Brüder-Grimm-Straße befand sich der Tatort der jetzt aufgeklärten Tötung einer 52-Jährigen.
Im rückwärtigen Teil eines Cafés in der Steinauer Brüder-Grimm-Straße befand sich der Tatort der jetzt aufgeklärten Tötung einer 52-Jährigen. © Walter Kreuzer

Der 8. Juli 2021 geht in die Kriminalgeschichte der Brüder-Grimm-Stadt ein: An jenem Donnerstagmorgen wird in der Backstube des Literaturcafés Alte Apotheke die Leiche einer 52-jährigen Frau aus Seidenroth gefunden. Die Gedanken von Inhaberin Kirsten Ranft drehen sich heute noch um ihre ermordete Mitarbeiterin.

Steinau - In der Kriminalstatistik wird der Fall bürokratisch nüchtern als „Straftat gegen das Leben“ geführt – die erste seit Jahren in Steinau (Main-Kinzig-Kreis). Was sich in den frühen Morgenstunden jenes Sommertages in der Backstube des in der Brüder-Grimm-Straße gelegenen Cafés ereignet, haben Polizei und Staatsanwaltschaft längst rekonstruiert – und den Täter überführt.

Demnach betritt der 68 Jahre alte Ehemann des Opfers durch den rückwärtigen Zugang von der Märzgasse aus die Backstube und erschießt seine von ihm getrennt lebende Frau mit einem Revolver. Anschließend fährt er in ein Waldstück bei Bad Orb und richtet sich selbst. Woher die Waffe stammt – als Sportschütze hatte er eine Waffenbesitzkarte – bleibt ungeklärt.

Klar ist dagegen, dass Anfang April 2021 ein Sondereinsatzkommando zu dem damals noch gemeinsam bewohnten Haus gerufen worden war. Der 68-Jährige soll seine Frau gewürgt haben. Damals wurden „mehrere scharfe Schusswaffen aus dem Haus entfernt und einbehalten“, wie Staatsanwältin Lisa Pohlmann im Januar 2022 bestätigte.

Bluttat in Steinau: Café-Inhaberin versucht, Mord an Mitarbeiterin zu verarbeiten

Kirsten Ranft, die Inhaberin des Cafés, möchte über jenen Tag nicht sprechen – zu schrecklich ist das Erlebte. Nur so viel: Sie und ihr Mann erhalten einen Anruf mit der Information, dass etwas mit ihrer Mitarbeiterin A. sei. Daraufhin macht sie sich von ihrem Wohnort Bad Orb aus auf den Weg. Sie denkt an ein gesundheitliches Problem. Als sie ankommt, wird ihr schnell klar, dass etwas furchtbares passiert sein musste. Ranft: „Ein Blick in das Gesicht des Polizisten hat genügt, um zu erahnen, dass etwas Schlimmes passiert ist.“

An eine Öffnung des Cafés ist vorerst nicht zu denken. Den ganzen Tag über sind Ermittler und die Spurensicherung vor Ort. Der Leichnam wird erst gegen 17.30 Uhr abtransportiert – zur Gerichtsmedizin in Frankfurt, wo eine Obduktion vorgenommen wird.

Für Kirsten Ranft ist im Literaturcafé Alte Apotheke der Alltag eingekehrt, die Gedanken an ihre in der Backstube ermordete Mitarbeiterin bleiben jedoch.
Für Kirsten Ranft ist im Literaturcafé Alte Apotheke der Alltag eingekehrt, die Gedanken an ihre in der Backstube ermordete Mitarbeiterin bleiben jedoch. © Walter Kreuzer

Ranft sagt sofort das für den Samstag geplante Konzert mit Uta Desch ab. Wie es mit ihrem im August 2018 eröffneten Literaturcafé weitergehen wird, ist zu diesem Zeitpunkt alles andere als klar. Die Geschäftsfrau hatte das 1680 als Apotheke erbaute – und bis fast zuletzt als solche genutzte – Haus 2013 erworben und renoviert.

Die Seidenrotherin habe „von Anfang an für uns gebacken und alles vorbereitet, was wir im Angebot haben“. Gemeint sind neben den Kuchen auch Suppen. Auf Letztere verzichtet Ranft seither. Ihre Mitarbeiterin charakterisiert sie so: „Wir waren grundverschieden und haben uns dadurch perfekt ergänzt. Sie mochte eher Buttercreme und die schwereren Sachen backen, während mir eher die leichten französischen Kuchen liegen. Wenn ich ihr ein Rezept zum Probebacken hingelegt habe, stand der Kuchen am nächsten Tag auf dem Tisch.“

Kirsten Ranft: „Die Bilder gehen einfach nicht weg“

Diese enge Zusammenarbeit ist einer der Gründe, weshalb Kirsten Ranft die Arbeit in Küche und Backstube seither alleine stemmt: „Daher habe ich niemand Neues eingestellt. Jeder andere wäre im Vergleich zu ihr hinten runtergefallen. Ich hätte vorausgesetzt, dass jemand so selbstständig arbeitet und mitdenkt, wie sie es getan hat.“

Um die Arbeit bewältigen zu können, hat sie die Öffnungszeiten reduziert. Vergessen hat Kirsten Ranft weder jenen Schicksalstag im Juli 2021 noch ihre ehemalige Mitarbeiterin: „Die Bilder gehen einfach nicht weg. Es gibt Momente, wenn ich in der Küche stehe. Dann habe ich Bilder im Kopf, wie sie vorbeiläuft. Ich sehe dann die ganze gute Laune, die sie immer verbreitet hat.“

Neun Monate nach der Tat ist jedoch auch weitgehend der Alltag wieder eingekehrt im Literaturcafé Alte Apotheke: „Es geht uns gut. Wir freuen uns über jeden Gast, der kommt, und haben viele Veranstaltungen. Die Künstler sind nach den Einschränkungen durch Corona froh über Auftrittsmöglichkeiten und fragen bei Ranft an. „Die Künstler sind sehr dran interessiert“, sagt sie.

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