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Keine Chance: Dieses Rehkitz ist bei Schwarzenfels in ein Mähwerk gekommen.

„Schutz der Kitze ist Pflicht für Landwirte“

Vermähte Rehkitze: Appell von Naturschützerin Merx und Jagdpächter Röll

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Was liegt zwischen Leben und Tod? Manchmal ist es nur ein Anruf, weiß Barbara Merx, Vorsitzende der NABU-Ortsgruppe Sinntal und Jägerin. Immer wieder werden sie und Jagdpächter wie Daniel Röll aus Schwarzenfels gerufen, um Kitze, die während der Mahd ins Mähwerk geraten sind, von ihrem Leid zu erlösen. Doch langsam aber sicher verändert sich etwas.

  • Vermähte Rehkitze und andere Kleintiere sind kein Einzelfall.
  • Um das zu verhindern vermittelt die NABU-Ortsgruppe zum Beispiel Drohneneinsätze für 70 Euro pro Stunde.
  • Die Rechtfertigungen der Landwirte sind „teils haaresträubend".

Sinntal - Die Bilder sind kein schöner Anblick: Das Rehkitz liegt im Gras, seine Vorderläufe sind zerfetzt. Überall ist Blut. Ein Autofahrer hatte in der vergangenen Woche bei Schwarzenfels auf einer frisch gemähten Wiese eine aufgeregte Ricke beobachtet und Jagdpächter Daniel Röll informiert. Dieser schickte einen Kollegen, weil er selbst nicht vor Ort sein konnte. Jener fand das schwerverletzte Kitz und erlöste das Tier mittels Fangschuss von seinem Leid. Es war bei der Mahd in das Mähwerk geraten.

„Das Kitz hat voraussichtlich schon einen halben Tag so dagelegen. Es hätte sicher nochmal solange gedauert, bis es gestorben wäre“, ärgert sich Röll. Vermähte Rehkitze und andere Kleintiere sind kein Einzelfall, berichtet der Sinntaler. Röll geht von einer wesentlich höheren Dunkelziffer aus, denn nicht immer werden die Jagdpächter von den Landwirten alarmiert. Oft werden die Tiere in Hecken entsorgt.

Solche Rehkitzretter können bei der Tierrettung helfen.

Nichts davon müsste sein, da ist sich Barbara Merx, Vorsitzende der NABU-Ortsgruppe Sinntal und Jägerin, mit Röll einig. „Die Ortsgruppe hat im vergangenen Jahr zwei Rehkitzretter KR 01 angeschafft“, berichtet sie. Diese senden Laser- und Akustiksignale aus, die der Ricke Gefahr signalisieren. Sie legt daraufhin ihren Nachwuchs gar nicht erst in der betreffenden Wiese ab. Das ist gut, denn die nur wenige Tage alten Tiere haben noch keinen Fluchtinstinkt und würden liegenbleiben, wenn das Mähwerk sich nähert.

Ins Mähwerk geratene Kitze: Drohneneinsätze für 70 Euro pro Stunde

Damit die Wiese für Kitze nicht zur Todesfalle wird, vermittelt die NABU-Ortsgruppe zum Beispiel Drohneneinsätze für 70 Euro pro Stunde – ein effektives Mittel, um die Kitze aufzuspüren. Außerdem haben die Ehrenamtlichen mit Landwirten für Landwirte ein Papier erstellt, das auf die Sorgfaltspflicht vor der Mahd hinweist und Tipps gibt, wie man Hilfe bekommt. Die Resonanz ist geteilt: „Es besteht vonseiten mancher Landwirte zu wenig Interesse. Andere kümmern sich wirklich engagiert darum, dass die Kitze nicht vermäht werden“, erzählt Merx

Letzteres berichtet auch Röll. Er möchte besonders die engagierten Landwirte hervorheben, die mit den Jagdpächtern in dieser Frage eng zusammenarbeiten. Trotz allem Ärger brechen Merx und Röll eine Lanze für die Landwirte. Diese stünden in der heutigen Zeit enorm unter Druck. Eine gute Zusammenarbeit sei das Ziel. „Wir wollen die Landwirte nicht drangsalieren, sondern ihnen ehrenamtlich helfen und sie entlasten“, so Merx. 

Viele nehmen Tod billigend in Kauf

Landbesitzer und Landpächter seien gesetzlich dazu verpflichtet, für den Schutz der Tiere zu sorgen und etwa Wildscheuchen aufzustellen, erklärt Röll. „Ein Tier zu vermähen, ohne für dessen Schutz im Vorfeld gesorgt zu haben, ist eine Straftat. Verletzte und tote Tiere müssen gemeldet werden, doch viele tun es nicht“, macht er deutlich.

Immer wieder ist die Kitzrettung Thema in den Versammlungen der Jagdgenossen, doch es ändert sich zu langsam etwas, findet Röll. „Die Ricke reagiert, wie sie es von Natur aus soll, aber der Mensch dringt immer weiter in ihren Lebensraum ein. Also muss er für den Schutz der Kitze sorgen“, sagt er. Wie effektiv die Drohnenaktionen sind, zeigt ein Ergebnis von 2019: „Wir haben innerhalb von 15 Minuten drei Kitze auf einer Fläche von 1000 Quadratmetern gefunden.“

Die Aktionen sind nicht billig, aber es gibt eine kostenfreie Alternative, die unkompliziert ist und jedem offensteht. „Einfach den heimischen Jagdpächter anrufen und um Hilfe bitten. Am besten 24 Stunden vor der Mahd. Wir sind da und wollen helfen. Ich bin mir sicher, dass auch andere Revierpächter gerne Ansprechpartner für die Landwirte sind“, sagt Röll. Ziel sei es, in der gesamten Region durch Aufklärung die Bereitschaft zu steigern. Hierbei sei man auf einem guten Weg.

„Wir werden notfalls auch Strafanzeige stellen“

Trotzdem führen Merx und Röll häufig Diskussionen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Als Anschauungsmaterial nimmt der Jagdpächter dann das tote Tier mit zu den Landwirten. Deren Rechtfertigungen seien teils haarsträubend: Von „Ihr schießt sie doch nächstes Jahr eh tot“ bis „Was interessieren mich eure Scheiß-Viecher“ sei alles dabei. Davon erzählt auch Merx. „Ich sage in so einem Fall provokativ: Gut, dann gehen wir mal in Ihren Kuhstall und sägen den Kühen die Beine ab, die werden ja sowieso geschlachtet.“ Bei unbelehrbaren Wiederholungstätern stelle sie notfalls auch Strafanzeige, so die NABU-Ortsvorsitzende. 

„Das Leben des Tieres ist das höchste Gut“, darauf pocht Röll. Manchmal läuft er deshalb vor der Mahd stundenlang allein durch eine Wiese. „Zumindest habe ich dann alles versucht“, sagt er. Dass Landwirte ihre Pflicht an die Jagdpächter delegieren, hält er für zu einfach. Röll möchte die Barrikaden zwischen Landwirten und Naturschützern abbauen. Ziel es sei, gemeinsam zum Wohle der Tiere zu agieren. Positiv stimmt ihn, dass bei den Landwirten trotz mancher Differenzen das Bewusstsein und die Bereitschaft für die Kitzrettung steigt. „Da müssen wir weitermachen“, sagt er.

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