Der Schlüchterner Benedikt Bogner bei seiner Passion: Wandern in Hokkaido (Japan).
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Der Schlüchterner Benedikt Bogner bei seiner Passion: Wandern in Hokkaido (Japan).

32-Jähriger hat Buch geschrieben

Das „wandernde Schreinerlein“: Benedikt Bogner aus Schlüchtern verdiente im Ausland sein Geld, um zu pilgern

  • Tim Bachmann
    vonTim Bachmann
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Nicht „sieben auf einen Streich“, wie das tapfere Schneiderlein, aber annähernd: Denn so viele Länder hat Benedikt Bogner (32) seit dem Ende seiner Schreinerlehre erwandert. Ein besonderer Höhepunkt: Japan und der Pilgerweg Henro. Dies hat ihn so sehr geprägt, dass er nicht nur ein Buch darüber geschrieben hat, sondern auch seine Zukunft im viertgrößten Inselstaat der Welt sieht.

Schlüchtern und die Welt - Benedikt Bogner hat die Welt bereist. Nicht als Rucksack-Tourist, sondern als Arbeiter mit der Passion fürs Wandern. Als der ehemalige Huttengymnasiast aus Schlüchtern im Jahr 2014 seine Schreinerlehre abgeschlossen hatte, packte ihn das Fernweh. Und so ist er als 26-Jähriger losgezogen in die Welt: „Work and travel. Ich war der alte Opa“, erzählt Bogner und lächelt. Zuerst hat er ein Jahr in Neuseeland gelebt, Kiwis gepflückt, die Sprache gelernt. „Nachdem ich zwei Wochen Party gemacht habe, war mir klar, das wird zu teuer.“

Denn für das „Arbeitsvisum“ in Neuseeland muss man erst einmal 5000 NZ-Dollar (umgerechnet gut 2800 Euro) zurücklegen. Und vom Kiwipflücken wird man nicht reich. „Als ich mich sicher genug gefühlt habe, um Vorstellungsgespräche zu führen, war ich in Christchurch als Schreiner sehr gefragt.“ Kein Wunder, wurden dort nach dem verheerenden Erdbeben doch händeringend Handwerker gesucht. „Und wir Deutschen genießen einen hervorragenden Ruf im Ausland“, weiß Bogner.

Benedikt Bogner aus Schlüchtern verdiente in als Handwerker in Down Under „extrem gut“

Also hat er gearbeitet. Geld gespart. Und ist schließlich nach Australien gegangen, um dort 21 Monate als Schreiner tätig zu sein. Zuerst bis Weihnachten an der Ostküste, dann mit einem Kumpel in Pearth (Westküste). In der Schreinerei ist er geblieben, bis diese pleite gemacht hat. „Mein Visum war an die Schreinerei gebunden“, berichtet Bogner aus Schlüchtern rückblickend. Als er nach der Firmenpleite auf sein Bankkonto geguckt hatte, staunte er nicht schlecht. „Das Handwerk hat goldenen Boden. Vor allem in Down Under. In Australien verdienen Handwerker extrem gut. Ich habe in einer Woche so viel verdient wie hier in einem Monat.“ So musste Bogner das kommende halbe Jahr „einfach mal nix schaffen“, wie er grinsend berichtet. Stattdessen frönte er seiner Leidenschaft: Sport in der freien Natur. Wandern.

Abermals in Neuseeland hat er seine Eltern getroffen. Und eine Freundin gefunden. Eine Amerikanerin, der er nach Las Vegas gefolgt ist. „Es war eine Urlaubsliebe. Das funktioniert im Alltag nicht so gut“, erzählt der junge Mann, der zehn Wochen in den USA verbrachte, nach der Trennung Chicago und New York besuchte, ehe es erstmals zurück nach Deutschland ging.

Kurzer Zwischenstopp in Deutschland: Benedikt Bogner musste Visum für Japan beantragen

„Aber nur als Zwischenstopp, um das Visum für Japan zu beantragen“, erzählt Bogner. Das war im Oktober 2017, sechs Wochen vor seinem 30. Geburtstag. Ein entscheidender Termin, denn Japan vergibt nur bis zu diesem Alter noch „Work-and-Travel-Visa“.

Buch

„Einmal Henro – Abenteuer auf dem japanischen Pilgerweg“, von Benedikt Bogner und Agnes Tandler ist als Taschenbuch und E-Book erschienen. 220 Seiten, ISBN: 9798675909759.

nomadjoiner@gmail.com

Mit dem Stempel im Reisepass ging es für Bogner aus Schlüchtern über Reykjavík (Island) – „zum Nordlichter gucken, wunderschön“ –, zurück in die USA, mit dem Zug nach Fairbanks (Alaska) – „wieder Nordlichter gucken, auch dort ist das wunderschön“ – und nach Hawaii. „Dort wollte ich Weihnachten feiern, aber es war viel zu teuer.“ Also machte sich Bogner auf nach Japan. „Ganz ehrlich, ich wusste nicht, wie dort Weihnachten und Silvester gefeiert wird. Jetzt weiß ich es. Gar nicht.“

Ohne Sprachkenntnisse in Japan: Benedikt Bogner aus Schlüchtern machte Putzdienste im Motel

Ohne Sprachkenntnisse war es für Bogner aus Schlüchtern nicht einfach, Anschluss zu finden. Er hatte Glück, dass ihm eine Bekannte einen Job vermitteln konnte. „Putzdienste in einem Motel“, erzählt der junge Mann. „Dafür brauchte ich kein Japanisch sprechen.“ Allerdings lernte er in den kommenden sieben Monaten die Sprache so weit, dass er von sich sagen kann: „Ich habe mir Grundkenntnisse angeeignet. Es reicht zum Überleben.“

Der Schlüchterner Benedikt Bogner bei einer Lava-Wanderung auf Hawaii.

Mit einem Bekannten aus Frankreich hat er sich dann ein Auto gemietet und sechs Wochen lang Hokkaido erkundet, ehe er im Jahr 2018 zum Urlaubmachen nach Vietnam geflogen ist. Die Küste entlang, dann mit dem Motorrad in die Berge – und wandern.

Benedikt Bogner aus Schlüchtern ging als Pilgerer auf dem japanischen Jakobsweg

Frisch aus dem Urlaub zurück, am 17. Oktober 2018, ging es für den Schlüchterner dann auf den Shikoku Henro: 50 Tage, 88 Tempel, 1200 Kilometer. Der Henro ist in Japan so etwas wie der Jakobsweg in Europa. Nicht einfach eine Wanderung, sondern eine echte Pilgerreise. Die Pilger durchlaufen vier Präfekturen: „Erwachen, Disziplin, Erleuchtung, Nirvana“, erklärt Bogner, der sich selbst als Schönwetter-Wanderer bezeichnet und damit einige Situationen des „Erwachens“ erleben musste: „Bei Regen ist das echt nicht cool.“

Der Henro hat es Bogner dennoch angetan. Er schwärmt: „Die erste Woche läufst du nur durch kleine Dörfer, siehst Tempel. Das ist ein wenig wie in einem Anime.“ Allerdings ermüde man während des Wanderns auch mal: „Irgendwann sehen die Tempel alle gleich aus“, sagt Bogner und lacht.

Der japanische Jakobsweg hat ihn geprägt: Benedikt Bogner hat ein Buch geschrieben

Der Henro habe ihn geprägt, sagt Bogner, konnte er sich doch selbst besser kennenlernen. Und: „Japaner sind eher zurückhaltend. Aber wenn du als Pilger auf dem Henro unterwegs bist, dann bist du einer von ihnen.“ Seine Erlebnisse hat er in Instagram-Posts und Video-Tagebüchern festgehalten und dann mit einer Bekannten aus Japan zu einem Buch verarbeitet.

Für Bogner, der seit geraumer Zeit wieder in Schlüchtern ist, soll dies nicht der letzte Aufenthalt in „Nippon“ gewesen sein. „Mein nächstes Visum ist beantragt. Ich habe mich an der Universität in Sapporo eingeschrieben, um die Sprache zu studieren.“ Mit dem Ziel, einzuwandern. Denn der Fachkräftemangel ist ein weltweites Problem. Und als deutscher Schreiner stehen ihm alle Türen offen. Auch in Japan.

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