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Ukraine-Flüchtlinge im „Nau“ leben sich ein - So sieht der Alltag in der Herolzer Unterkunft aus

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Von: Marah Naumann

Rudolf Falk (rechts) beantwortet die Fragen der geflüchteten Frauen im „Nau“ in Herolz, Dolmetscherin Inna Kirchner (Dritte von links) hilft bei der Vermittlung der Informationen.
Rudolf Falk (rechts) beantwortet die Fragen der geflüchteten Frauen im „Nau“ in Herolz, Dolmetscherin Inna Kirchner (Dritte von links) hilft bei der Vermittlung der Informationen. © Marah Naumann

Seit gut zwei Monaten beherbergt die ehemalige Gaststätte „Nau“ in Herolz Flüchtlinge aus der Ukraine. Trotz des großen Engagements der Herolzerinnen und Herolzer gibt es einige Probleme, die es zu lösen gilt.

Schlüchtern - Montagmorgen, 9 Uhr. Nicht nur Kinder sind um diese Uhrzeit bereits am büffeln, sondern auch eine Gruppe von ukrainischen Flüchtlingen im „Nau“. Einige sind seit Mitte März in Herolz, einem Ortsteil von Schlüchtern im Main-Kinzig-Kreis untergebracht, haben den Weg der Flucht aus ihrer Heimat rechtzeitig angetreten. Als wichtigen Schritt Richtung Integration lernen die Menschen nun die deutsche Sprache.

Ukraine-Flüchtlinge in ehemaliger Gaststätte in Schlüchtern untergebracht

Dieser großen Aufgabe stellen sich die Frauen und Männer äußerst engagiert. Das Organisationsteam der Unterkunft bietet nun viermal pro Woche einen Deutschkurs mit ehrenamtlichen Lehrkräften direkt im „Nau“ an. Acht Frauen haben Plätze in einem Integrationskurs in Schlüchtern ergattert. (Lesen Sie hier: Ukraine-Flüchtlinge: Deshalb sollen zwei Erst- und Notunterkünfte im Main-Kinzig-Kreis schließen)

„Eigentlich wollen mehr Frauen einen Kurs belegen, die sind aber leider überall sehr voll“, berichtet Rudolf Falk. Er ist nicht nur Mitglied des Ortsbeirats, der die Flüchtlingsunterkunft gemeinsam mit dem Heimat- und Förderverein Herolz organisiert. Er ist auch die „gute Seele“ des Hauses.

50 Flüchtlinge haben im ehemaligen Gasthof Zuflucht gefunden

Besitzer des ehemaligen Gasthauses sind Holger Krieg und Tobias Fink, Geschäftsführer der Firma Tyroo aus Neuhof. Über Kontakte in die Ukraine holten sie Mitte März die ersten „Nau“-Bewohner aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine heraus. Mittlerweile haben 50 Menschen in dem ehemaligen Gasthof Zuflucht gefunden.

Schlüchtern-Herolz: Überall hängen Aufkleber mit der Bezeichnung der jeweiligen deutschen Vokabel – und Kunstwerke der jungen Bewohner.
Schlüchtern-Herolz: Überall hängen Aufkleber mit der Bezeichnung der jeweiligen deutschen Vokabel – und Kunstwerke der jungen Bewohner. © Marah Naumann

Zurück in Herolz: Während die Frauen mit ihrer Lehrerin Vokabeln lernen, sitzt Falk an seinem Laptop und kümmert sich um Verwaltungsaufgaben: Anmeldung der Flüchtlinge bei Stadt und Kreis, Zimmerverteilung für die rund 50 Bewohner, Kostenaufstellungen sowie Abrechnungen von Tierarztbesuchen für die Hunde und Katzen, die mit ihren Familien ebenfalls im „Nau“ Zuflucht gefunden haben.

Großer bürokratischer Aufwand

Plötzlich klingelt Rudolf Falks Handy: Er soll eine junge Geflüchtete an der Apotheke abholen. Sie ist hochschwanger und wird ihr zweites Kind wohl Ende Mai im Krankenhaus Gelnhausen zur Welt bringen. Ihr Mann ist bei der Luftwaffe und musste, wie die meisten Ukrainer, zurückbleiben. „Ich vermeide, groß nachzuhaken, was mit ihren Männern ist. Ich will den Schmerz nicht verstärken“, meint Rudolf Falk.

Wie sehr er von den Flüchtlingen geschätzt und gebraucht wird, zeigt sich am Ende des Deutschkurses. Die Frauen treten zu ihm an den provisorischen Schreibtisch und stellen Fragen, die er geduldig beantwortet: Wo kann ich ein Bankkonto eröffnen? Wie komme ich zum Arzttermin? Wann kommt mein beantragter Aufenthaltstitel? „Es ist viel Bürokratie. Allein für die Anmeldung eines Kindes in der Grundschule muss man zehn Seiten Formulare ausfüllen – und das handschriftlich“, beklagt Falk.

Integration läuft gut an: Neue Jobs und Einschulungen

Abgesehen davon laufe es aber relativ gut. Einige Flüchtlinge hätten schon Jobs gefunden, viele Kinder seien bereits in Schulen und Kindergärten untergebracht. Zwei „Problemfälle“ stellten hingegen die beiden über 16-jährigen Flüchtlinge dar, deren Unterbringung in weiterführenden Schulen sich als schwierig erweise. „Einer von ihnen soll in Hasselroth zur Schule gehen. Das ist ganz schön weit weg“, findet Falk, zumal die Klassen dort „zum Platzen voll sind“.

In ihrer Freizeit wissen sich die Bewohner des „Nau“ aber auch zu beschäftigen. Zehn Kinder spielten in Herolz aktiv Fußball, eine Anmeldung in einer Schlüchterner Tanzschule für Kinder ist bereits in Planung. „Die Frauen sind auch viel mit Kochen und Waschen beschäftigt, es sind hier ja komplette Selbstversorger“, weiß Falk. Zudem gingen die Menschen spazieren, besuchten die Spielplätze und unternehmen Ausflüge.

Video: Unterwegs mit dem Hilfskonvoi an die polnisch-ukrainische Grenze

Die Geflüchteten planen laut Falk zudem, ein Fest auszurichten, „um den Herolzern etwas zurückzugeben“. Künftig will der Ortsbeirat die Menschen in ortsansässigen Vereinen integrieren. Doch neben all der Hilfsbereitschaft im Dorf sind Falk nun schon mehrfach auch negative Stimmen zu Ohren gekommen, „wenn auch meist unterschwellig“.

Zwei Russinnen hätten kürzlich die Frauen an der Unterkunft angefeindet, was sie hier überhaupt wollten und dass es ihnen viel zu gut gehe. Solche Aussagen seien zwar die absolute Ausnahme, aber sie kämen eben vor, bedauert Falk. Davon lassen sich die Helfer rund um den „Nau“ und seine Bewohner aber nicht einschüchtern. Im Gegenteil, wie Rudolf Falk dankbar betont: „Wir haben unheimlich viele helfende Hände. Ohne sie wären wir lange nicht da, wo wir jetzt sind.“

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