Katholischer Pfarrer Innocent Oyibo in Schlüchtern.
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Den katholischen Pfarrer Innocent Oyibo schmerzt jeder einzelne Kirchenaustritt.

Pfarrer suchen Gespräch

Steigende Austrittszahlen: Christliche Kirchen in Schlüchtern lassen Federn

Deutlich mehr als eine halbe Million Menschen sind im Jahr 2019 aus der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland insgesamt ausgetreten. Ein Rekordstand – und das ganz ohne großen Skandal.

Schlüchtern - Dieser Trend hat auch vor dem Bergwinkel nicht Halt gemacht. Von der evangelischen Kirchengemeinde St. Michael Schlüchtern wandten sich im vergangenen Jahr 46 Mitglieder ab. Das entspricht 0,8 Prozent (in Relation zu 5789 Gläubigen zum Stichtag 31.12.2018). Bei der katholischen St. Bonifatius-Gemeinde war es ein Minus von 1,2 Prozent (25 Gläubige bei 2118 zum Stichtag). In beiden Gemeinden bedeutete dies einen klaren Anstieg der Austritte in 2019 gegenüber dem Vorjahr.

Von den in der evangelischen Kirchengemeinde insgesamt 46 Ausgetretenen waren 18 weiblich und 28 männlich. 13 waren unter 25 Jahren, 31 zwischen 26 und 60 Jahren sowie zwei älter.

Kirchengemeinden in Schlüchtern: Anstieg der Austritte

Die Gründe für einen Kirchenaustritt sind nach Ansicht von Pfarrerin Annalena Failing vielfältig: Neben dem oft vermuteten – und manchmal bestimmt auch zutreffenden – Grund der Kirchensteuer spiele auch die fehlende Bindung an die Gemeinde und die seltene Teilnahme am kirchlichen Leben eine Rolle. Ein Aufwachsen mit kirchlichen Traditionen ist ihrer Beobachtung nach seltener geworden. Religiöse Sozialisation finde oft erst in kirchlichen Kindergärten oder im Religionsunterricht in der Schule statt.

Pfarrerin Annalena Failing sucht das Gespräch mit unzufriedenen Mitchristen.

Über die Beweggründe der Einzelnen, aus der Kirche auszutreten, lässt sich nur spekulieren. Manchmal kann die Unzufriedenheit mit der Kirche, wie man sie in der Öffentlichkeit wahrnimmt, oder die Verärgerung über einen einzelnen Kirchenvertreter eine Rolle spielen. In den wenigsten Fällen sind ihr die Gründe persönlich bekannt, bekennt Failing.

Pfarrer suchen Gespräch mit Menschen, die über Kirchenaustritt nachdenken

Kirche sei eben nicht nur Sonntagsgottesdienst, sondern eine Gemeinschaft von ganz unterschiedlichen Menschen. „Um für diese relevant zu sein und zu bleiben, ist es wichtig für uns, dass wir erfahren, was diese brauchen, was sie sich von uns wünschen und wie wir ihnen helfen können.“ Als Pfarrerin sei es ihr daher wichtig zu sagen, dass sie und ihre Kollegen durchaus interessiert sind am Gespräch mit Menschen, die über einen Kirchenaustritt nachdenken.

Zahlen

Die evangelische Kirchengemeinde St. Michael Schlüchtern (Innenstadt, Herolz, Klosterhöfe, Niederzell, Elm, Gundhelm, Hutten): Mitglieder aktuell: 5599; 2019: 46 Austritte; 2018: 39 Austritte; Ein Anstieg von 17,9 Prozent.

Katholische Kirchengemeinde St. Bonifatius Schlüchtern (Innenstadt, Wallroth, Breitenbach, Kressenbach, Klosterhöfe, Niederzell, Hohenzell, Elm): Mitglieder aktuell: 2093; 2019: 25 Austritte; 2018: 22 Austritte; Ein Anstieg von 13,6 Prozent.

„Jeder Austritt aus unserer Kirchengemeinde tut mir weh“, betont der katholische Pfarrer Dr. Innocent Oyibo. Auch er kennt die Gründe der Abgewandten nicht, würde sie aber sehr gern erfahren. Er lädt daher jeden, der sich mit dem Gedanken eines Austritts trägt, sowie jene, die bereits gegangen sind, zu einem Gespräch ein, um mehr darüber zu wissen.

In Afrika gilt die Kirche als Instution, Familie und Gemeinschaft

Von seinem Heimatkontinent Afrika kenne er ein solches Abwenden von der Kirche überhaupt nicht. Dort gelte die Institution als Familie und Gemeinschaft, der man ein Leben lang angehört. Alle Menschen hätten das Bestreben nach einem Bewusstsein auf das Leben nach dem Tod. Die Kirche vermittle diese Zuversicht. Deswegen sei es so wichtig, weiter in dieser Institution dabei zu sein.

Oyibo kann verstehen, dass Menschen sich beispielsweise über die Missbrauch-Skandale sehr aufregten. Dennoch sollte man nicht wegen dieser Menschen, die er als Judas bezeichnet, die Kirche verlassen. Gerade in Sachen Missbrauch habe die katholische Kirche gut reagiert und Reformen eingeleitet, um diese Vorfälle künftig zu verhindern.

Oyibo mahnt, Kirche nicht zu negativ zu sehen. Sie leiste auch viel Gutes für die Gesellschaft. Und die gelebte Gemeinschaft sei für jeden wichtig. Er selbst fühle sich beispielsweise hier in St. Bonifatius und in Schlüchtern, wo er mittlerweile seit knapp eineinhalb Jahren wirkt, sehr wohl. Die Menschen hätten ihn gut aufgenommen und ins Herz geschlossen. Ausländerfeindlichkeit habe er bislang in keiner Weise erfahren müssen. Diese Freundlichkeit gibt er gern zurück. Seine Kirche stehe allen, auch Ausgetretenen, jederzeit offen gegenüber. (usd)

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