Soheila Eskandar Kamali aus dem Iran ist inzwischen Erzieherin.
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Soheila Eskandar Kamali aus dem Iran ist inzwischen Erzieherin.

„Stadt ist meine Heimat geworden“

Seit sechs Jahren in Schlüchtern: Soheila Eskandar Kamali flüchtete aus dem Iran und ist jetzt Erzieherin

Vor sechs Jahren flüchtete Soheila Eskandar Kamali aus dem Iran und kam in die Bergwinkelstadt. Sehr schnell lernte sie Deutsch, freundete sich mit vielen Einwohnern an und arbeitete in den vergangenen zwei Jahren in der städtischen Kindertagesstätte Weitzelstraße.

  • Soheila Eskandar Kamali vor sechs Jahren aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet.
  • Seit zwei Jahren arbeitet die 36-Jährige in einer Kita in Schlüchtern.
  • Weil sie dort allerdings nur als Praktikantin arbeiten kann, wird sie bald in einer Frankfurter Kita arbeiten.

Schlüchtern - Engagiert berichtet die 36-jährige Soheila Eskandar Kamali von ihrer Kita-Arbeit in der Corona-Zeit: „Es war einmal ein Virus, das überall hinkam ...“ Zum Corona-Erreger erzählte sie den Kindern erfundene Geschichten, die dazu Bilder malten, aus denen ein Buch entstand. Um die nötigen Hygienemaßnahmen zu verdeutlichen, sollten sich die Kinder ihre Hände mit Glitzerstaub einreiben.

„Jedes Glitzerkörnchen wäre mal ein Virus gewesen“ – und die Kleinen wuschen sich solange, bis kein Gran mehr zu sehen war. Gemeinsam wurde auch lustige Seife hergestellt, die ja in diesen Zeiten so wichtig ist. Über die Kinder erreichte sie ausländische Eltern, die sie mit verschiedensprachigen Infobroschüren über Corona versorgte.

Aus dem Iran geflüchtet: Für Soheila Eskandar Kamali ist Schlüchtern zur Heimat geworden

Im Gespräch vor einiger Zeit betonte Soheila Eskandar Kamali, wie wohl sie sich hier in Schlüchtern fühle: „Die Stadt ist meine Heimat geworden.“ Doch einige Wochen später überraschte sie mit der Mitteilung, dass sie den Bergwinkel verlässt, um künftig in einer Frankfurter Kita zu arbeiten und dort zu wohnen. Zwei Jahre lang besuchte die 36-Jährige bisher die duale Erzieherinnenschule in Hünfeld und arbeitete gleichzeitig in der Schlüchterner Kita. Sie wurde lediglich als Praktikantin angestellt – mit entsprechend niedriger Bezahlung und ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. In dieser Zeit gelang es ihr nicht, den durch die Schule geforderten Arbeitsvertrag von der Stadt als „Erzieherin in Ausbildung“ zu bekommen. Diesen besser dotierten Kontrakt erhielten jedoch viele ihrer Kommilitoninnen in anderen Gemeinden.

Nun verlässt die engagierte und intelligente Frau Schlüchtern. Im nächsten Jahr wird sie wohl Deutsche werden. Aus ihrem Heimatland musste sie seinerzeit fliehen, weil die Vorstellungen der religiösen Führung dort ein Leben für sie als „rebellische“ Frau lebensgefährlich machten. Die Religionspolizei, zu der auch ihr Bruder gehört, bestimmt das ganze öffentliche Leben im Iran: „Gerade als Frau lebst du immer in großer Unsicherheit und Angst gegen die Vorschriften zu verstoßen.“ Die Verstöße werden nach islamischem „Recht“ mit Peitschenhieben, Misshandlungen und Folter geahndet. Eine ihrer Freundinnen verschwand vor Soheilas Flucht spurlos.

Engagierte Erzieherin verlässt Schlüchtern: Weg führt in Frankfurter Kita

Die Migrantin studierte in Teheran Informatik, konnte aber in der patriarchalischen Berufswelt nur als Friseurin arbeiten. In Deutschland bekam sie schnell ihre Anerkennung als Verfolgte, alle ihre schulischen und beruflichen Abschlüsse wurden anerkannt und sie konnte ihr Studium hier fortsetzen. „Mit Mathe und Physik hatte ich natürlich keine Probleme“, meint sie selbstbewusst, „aber ich kam im Studium finanziell nicht zurecht“. Deshalb begann sie die Erzieherinnenausbildung, auch weil die Arbeit mit Kindern ihr großen Spaß macht.

Ihr iranischer Freund Bardia (35) kam vor einiger Zeit als Migrant hierher, um in der Gastronomie und als Informatiker zu arbeiten. Auch er lernte schnell Deutsch, bekam die Anerkennung als Bachelor. Aber das ist eine andere Geschichte. Nun zieht er nach Frankfurt mit seiner „eingetragenen Lebenspartnerin“, wie Soheila Eskandar Kamali lachend betont. (hwk)

Lesen Sie hier: Dagmar Marburger von der Wollstube in Schlüchtern sucht Nachfolger. Und: Hürden bei Abstandsregeln in Kitas.

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