Herrliche Rosen umrahmen derzeit die Synagoge in der Grabenstraße in Schlüchtern.
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Herrliche Rosen umrahmen derzeit die Synagoge in der Grabenstraße in Schlüchtern.

Stadt will Synagoge erwerben

Schlüchtern: Neue Heimat für das Stadtarchiv

  • Alexander Gies
    vonAlexander Gies
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Sofern auch die Stadtverordneten am Montag zustimmen, ist der Kaufvertrag der Stadt für die Synagoge und das benachbarte Rabbinerhaus in Schlüchtern perfekt. Dieser soll spätestens am 31. August notariell beurkundet werden. Geplant ist, das Gebäude als „Haus der Stadtgeschichte“ zur neuen Heimat des Stadtarchivs zu machen.

Schlüchtern - Daniel Neumann, Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, spricht auf Nachfrage unserer Zeitung von einer „erfreulichen Nachricht“. Diese lasse hoffen, dass „die künftige Nutzung der Gebäude unter einem guten und würdigen Stern steht“. Dies gelte vor allem dann, „wenn sich in der Nutzung auch künftig die schmerzhafte Geschichte des Gebäudes und der einstigen Jüdischen Gemeinde von Schlüchtern widerspiegeln und die Gebäude zu Orten der Auseinandersetzung mit der Geschichte, des Lernens und der Begegnung werden“.

Sollten sich die Erwartungen erfüllen, so Neumann, so „wäre dies ein gelungenes Beispiel politischen Handelns im Lichte der Geschichte und ein Zeichen gegen den wiedererstarkenden Antisemitismus“.

Symbolischer Betrag: Erbin verkauft Synagoge für einen Euro an die Stadt

Am Donnerstag hatte der Haupt- und Finanzausschuss in nichtöffentlicher Sitzung über den Ankauf beraten und einstimmig empfohlen, den Vertrag abzuschließen.

Wie ein Blick in die Vorlage des Magistrats an die Stadtverordneten verrät, hat die Erbin des denkmalgeschützten Gebäudes bei den Verhandlungen nicht den von einem Kölner Sachverständigenbüro ermittelten Marktwert der Synagoge in Höhe von 143000 Euro erzielt, sondern übergibt diese für den symbolischen Betrag von 1 Euro. Allerdings zahlt die Stadt für Einrichtungsgegenstände und Exponate, insbesondere Küche und Konzertflügel, einen Betrag von 30.000 Euro. Das benachbarte Rabbinerhaus, in dem der Unternehmer Heinrich Heil bis zu seinem Tod gelebt hatte, geht für 245.000 Euro – was genau dem Schätzwert entspricht – in den Besitz der Stadt über.

Insgesamt beträgt der Kaufpreis also 275.001 Euro. Hinzu kommen Vertragsnebenkosten in Höhe von etwa 27.500 Euro. Finanziert werden soll der Ankauf mit Mitteln aus dem Programm „Aktive Kernbereiche“, das seit geraumer Zeit unter dem Namen „Lebendige Zentren“ firmiert. Die Förderquote für den Ankauf beträgt 70 Prozent, so dass rund 170.000 Euro zu erwarten sind.

Synagoge in Schlüchtern: Umfassende Sanierungsarbeiten sollen später folgen

Wie es in der Vorlage heißt, könnte die Synagoge als „Haus der Stadtgeschichte“ neue Heimat des Stadtarchivs werden. Dieses ist derzeit im Keller der Stadthalle untergebracht. Dort herrsche allerdings Platzmangel, außerdem belaste die hohe Luftfeuchtigkeit die Qualität der alten Schriften. Dieses Archiv könnte den vorläufigen Überlegungen zufolge ins Erdgeschoss der Synagoge umziehen. Im oberen Raum könnten Ausstellungen lokaler Künstler gezeigt werden. Das ehemalige Rabbinerhaus soll hingegen vermietet werden.

Zunächst soll mit „lediglich geringem finanziellen Aufwand“ das Gebäude vor weiteren Schäden bewahrt werden, um später ein in mehrere Schritte gegliedertes Sanierungskonzept zu erstellen. Auch dafür sollen Fördergelder beantragt werden. Ziel sei es, den städtischen Haushalt damit „nachrangig“ zu belasten. In einer Vorlage des Magistrats werden die Kosten für eine „reine Bestandserhaltung“ auf 330.000 Euro geschätzt. Die Ertüchtigung „für allgemeine, öffentliche Zwecke“ wird auf rund 2,22 Millionen Euro beziffert.

Fraktion der Grünen begrüßt den Ankauf der Schlüchterner Synagoge

Die Mitglieder des Ausschusses erklären, dass sich die Stadt ihrer Verantwortung bewusst sei, die einerseits aus der Historie resultiere, andererseits aber auch aus der „Aufgabenstellung einer kontinuierlich voranzutreibenden Stadtentwicklung“.

Die Fraktion der Grünen hat sich bereits zu Wort gemeldet und den Ankauf begrüßt. Ihr Fraktionsvorsitzender Gerd Neumann erklärt, die Synagoge sei „ein Kulturdenkmal und eine wichtige Zeitzeugin unserer Stadtgeschichte“. Sie erinnere daran, „dass in Schlüchtern über Jahrhunderte eine große jüdische Gemeinde gelebt hat. Sie erinnert uns, dass es mutige Schlüchterner Feuerwehrleute waren, die massiven Drohungen zum Trotz ihr Leben riskierten, um zu verhindern, dass die Synagoge mit seinem Rabbinerhaus in der Reichspogromnacht ebenfalls ein Opfer des Rassenwahns wurde“.

Die Synagoge sei vielleicht „der wertvollste ideelle Schatz der Stadt“, meint Neumann. Diesen einer ungewissen Zukunft oder dem Verfall preiszugeben, würde einen unermesslichen Verlust bedeuten. Auch ein Verlust von nationaler Tragweite, den man als Stadt schon im eigenen Interesse nicht riskieren dürfe. „Die Synagoge ist ein stadtbildprägender, ideeller Schatz, mit höchster Symbolkraft. Unsere Aufgabe als Verantwortliche in der Stadtpolitik ist es, diese Werte in den Mittelpunkt zu rücken und sie für unsere Nachkommen zu bewahren“, so Gerd Neumann. Er betont die Bedeutung einer bürgerschaftlichen Beteiligung. Erste Bekundungen dazu gebe es schon.

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