In Schlüchtern wurden weitere Stolpersteine verlegt.
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In die Weitzelstraße 1 wird auch die Erinnerung an Ursula Schwarz, geborene Neuhof (auf den Fotos) zurückgebracht, die 1938 nach Palästina flüchtete. Ihre Eltern Leo und Rosel Neuhof wurden deportiert und ermordet.

Erinnerung an Familie Neuhof

Eine Verneigung vor den Verfolgten - Weitere Stolpersteine in Schlüchtern verlegt

Abermals wurden für jüdische Mitmenschen, die während der Naziherrschaft vertrieben und ermordet wurden, Stolpersteine verlegt. Damit wurde in drei Schlüchterner Häusern die Erinnerung an die Familie Neuhof symbolisch zurückgebracht.

Schlüchtern - Es waren drei kleine, aber bewegende Zeremonien vor den Häusern Unter den Linden 14, Weitzelstraße 1 und Grabengasse 11, als Kerstin Baier-Hildebrand die spärlichen Informationen über die ehemaligen Bewohner und Bewohnerinnen verlas. Die Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins sprach gleichzeitig im Namen des Schlüchterner Magistrats: „Die Menschen, deren Familien unter der Herrschaft der Nazis oft auseinandergerissen und zu Nummern degradiert wurden, werden so an ihren letzten frei gewählten Wohnsitz zusammengeführt und bekommen ihre Namen zurück.“

Kinder der Bergwinkel-Förderschule, die es während des Nationalsozialismus sicherlich nicht einfach gehabt hätten, trugen berührende Gedichte vor und stellten Kerzen auf. In den Reimen „Wir sind ja trotz allem Menschen“ wurden die plötzlichen Veränderungen, Verfolgungen und Ausgrenzungen jüdischer Menschen beschrieben – und es wurde gerufen: „Es kann doch nicht sein/es darf doch nicht sein!“ Aber es war so.

Erinnerung an die Familie Neuhof in Schlüchtern

Das wissen die wenigen Verwandten der Neuhofs zu Genüge, die aus Berlin und Israel nach Schlüchtern gekommen waren. Sie berichteten eindringlich von den überlieferten Erlebnissen ihrer Vorfahren, legten Blumen auf die Steine und umarmten einander behutsam. Ein israelischer Verwandter, Doron Schachram, sprach mehrfach ein hebräisches Gebet.

Zum Abschluss spielte, unweit der Synagoge, ein Klezmer-Duo melancholische und doch verhalten fröhliche Töne. Diese Stimmung prägte auch die Atmosphäre bei der Verlegung der Steine: einerseits Glücksgefühle über die Anteilnahme und Würdigung, andererseits aber Trauer über das Vergangene.

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Kerstin Baier-Hildebrand betont Notwendigkeit des Gedenkens

Am Ende ihrer Rede betonte Baier-Hildebrand die Notwendigkeit des Gedenkens und die Mahnung, so etwas nie mehr geschehen zu lassen. Das sei eine Verpflichtung für alle, denn es sei kein Zeitabschnitt entfernter Geschichte: „Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass es auch ein Zeitabschnitt unserer Stadtgeschichte ist (...). Das Erinnern darf nicht aussterben. Wir müssen die Erinnerung lebendig halten; die Erinnerung an den Mut der Helfenden und die Tatenlosigkeit so vieler.“

Inga Heß und Clas Röhl hatten ein Jahr lang die Verlegung der Stolpersteine für die Familie Neuhof intensiv organisiert, dafür viel recherchiert und Kontakte nach Israel und in die USA geknüpft. Sie waren sehr bewegt, das Ergebnis ihrer Arbeit zu erleben, auch wenn es, bedingt durch Corona, fast keine Publikumsteilnahme gab. Ganz im Sinne Baier-Hildebrands sehen sie die Notwendigkeit, noch viele weitere Stolpersteine im Bergwinkel zu verlegen. (hwk)

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