+
Vincent Kretz sitzt auf seinem original Schweizer Sessellift im Garten.

Heimlich aus der Schweiz bestellt und umfunktioniert

Ein Sessellift wird zur Gartenbank: Zwölfjähriger aus Bieber erfüllt sich Traum

Wer die Geschichte für einen verspäteten Aprilscherz hält, der weiß nicht, welche Leidenschaft und Energie in einem zwölfjährigen Jungen stecken können. Vincent Kretz aus Bieber hat seit Kurzem seinen eigenen Sessellift im Garten.

  • Der Junge aus Biebergemünd (Main-Kinzig-Kreis) bestellt einen Sessel eines Lifts bestellte per Telefon aus der Schweiz.
  • Von seiner Bestellung erzählt der Zwölfjährige seinen Eltern erzählte erst er erst einmal nichts.
  • Für ein ordentliches Fundament mussten zwei große Löcher in die Erde gebuddelt werden.

Biebergemünd - Mancher meinte schon angesichts der Bauarbeiten, dass dort eine ganze Seilbahn auf den Burgberg gebaut wird. So weit ist es aber doch nicht gekommen. Der Sessellift stammt aus dem Lieblingsskiort des jungen Bieberers – dort wurden diese verkauft, um Platz zu machen für eine neue Bahn und Lifte.

Schon als Baby haben ihn seine Eltern zum Skifahren nach Graubünden in den Ort Savognin mitgenommen, erklärt Mutter Simone Kretz. Seitdem ging es jedes Jahr in die Schweiz. „Da bin ich dann sehr oft mitgefahren“, erzählt Vincent. „Er hat schon immer großes Interesse an Liften und Lifttechnik, und wir mussten an jedem Lift stehen bleiben“, erklärt seine Mutter.

Sessellift aus der Schweiz: Vincent kennt jedes Detail

Vincent stellt das gleich unter Beweis, denn von seinem Sessellift kennt er jedes Detail: „Die Bahn wurde 1987 als erste Bahn im Ort Savognin gebaut und führte auf den 1600 Meter hohen Tigingnas, eine hochleistungskuppelbare 4er-Sesselbahn. Für die Zeit damals war es eine der leistungsstärksten Sesselbahnen im Alpenraum.“

Vincent weiß auch, dass die Bahn anfangs mit 60 Sesseln bestückt war, die stetig auf zum Schluss 160 Sessel erweitert wurden und dass am 31. März 2019 der letzte Betriebstag seiner Lieblingsbahn war. So war die Familie auch 2019, wie jedes Jahr, in ihrem Lieblingsskiort.

„Auf der Webseite habe ich schon gesehen, dass eine neue Gondelbahn gebaut werden soll“, erklärt Vincent. Das weckte das Interesse des Jungen. Beim Skifahren entdeckte er ein Schild: „Ich bin zur Seite gegangen und habe gesehen, da stand ,Sessellifte zu verkaufen’ drauf. Ich hab es mir genau durchgelesen und die Telefonnummer gemerkt“, erzählt Vincent.

Sessellift aus der Schweiz wiegt 230 Kilogramm

Zu Hause angekommen ließ ihm die Sache keine Ruhe. „Es war so um den Rosenmontag herum, da hab ich angerufen und mir einen Sessel reserviert. Die Nummer durfte ich mir aussuchen.“ Von seinem Plan erzählte er seinen Eltern erst einmal nichts und zur Beichte kam es auch nicht rechtzeitig.

Am Aschermittwoch klingelte das Telefon und seine Mutter hob ab. „Da rief ein Mann aus der Schweiz an und wollte eine E-Mail-Adresse wissen, zwecks Zusendung der Rechnung“, erklärt die Mutter. Anfangs seien sie geschockt gewesen, hätten sich dann aber gefreut, denn: „Wir waren ja auch so richtige Fans der Bahn.“

Von der Schweiz nach Biebergemünd: 700 Kilometer weite Strecke

Bald darauf kam für Vincent die erlösende Nachricht – am 8. April war der Lift abholbereit. Zwei Teile mit einem Gewicht von 230 Kilogramm waren zu befördern. Schnell war klar, dass das nur mit einem großen Hänger zu machen ist. Der wurde von einem Bekannten geliehen.

„Das war ein ganz großer Zweiachser, der durfte 100 Kilometer die Stunde fahren“, erinnert sich Vincent. Los ging es mit dem Turbohänger an einem Freitagnachmittag Ende April auf die 700 Kilometer weite Strecke. Vorher mussten noch ein paar Zollformalitäten erledigt werden. Mit 200 Schweizer Franken hatte der Liftsessel keinen großen Wert mehr und konnte unverzollt über die Grenze gebracht werden.

Zuhause wartete das Empfangskomitee auf den Sesselift

Bei Bregenz wurde auf der Hinfahrt übernachtet, und am frühen Samstagmorgen ging es Richtung Schweiz. „Da lagen dann auf der neuen Baustelle die ganzen Liftsessel. Von den 160 wurden so um die 70 verkauft“, weiß Vincent noch. „Papa hat den Lift auf den Hänger geschafft, fest verspannt, und dann sind wir heimgefahren.“

Zu Hause war einiges los, denn da wartete schon das Empfangskomitee: Freunde und Nachbarn halfen, die ungewöhnliche Sitzgelegenheit abzuladen. Blieb die Frage, wie sie aufgestellt werden sollte. „Es gab viele visionäre Projekte“, erklärt der Vater. „Angefangen von einer Seilbahn bis zum Galgenberg, bis hin zu einem großen Galgen, an dem wir den Sessel aufhängen sollten, war alles dabei.“

Vincent ist „sehr zufrieden mit der Konstruktion“ des Sessellifts

Die rettende Idee kam im vergangenen Skiurlaub. „Dort haben viele Einheimische Liftsessel, und die haben ein Gestell eingegraben, wo sie den Lift draufgestellt haben“, hat Vincent entdeckt. Die Konstruktion wurde vom Familienrat akzeptiert und Papa musste zwei große Löcher für ein ordentliches Fundament in die Erde buddeln.

Dort wurden dann zwei starke Metallstützen einbetoniert und Vincents Sessellift fest verschraubt. „Ich bin sehr zufrieden mit der Konstruktion“, sagt der stolze Sesselliftbesitzer. „In Bieber mag das ja etwas Besonderes sein, aber in dem Skigebiet stehen ganz viele Gondeln in den Gärten.“ Wegen des Coronavirus muss die Einweihungsparty nun ausfallen, aber sie wird nachgeholt.

  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren