Sommerzeit ist auch Motorradzeit. Aber ein kleiner Teil der Kradfahrer hält sich nicht an die Regeln.
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Sommerzeit ist auch Motorradzeit. Aber ein kleiner Teil der Kradfahrer hält sich nicht an die Regeln. (Archivfoto)

KN-Leser mit Vorschlag

Motorradfahrer schießen über Landesstraße in Sinntal: Anwohner verzweifeln am Raser-Lärm

  • Lena Quandt
    vonLena Quandt
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Das erste heiße Augustwochenende ist vorbei – und damit ein weiteres Raser-Wochenende auf der Landesstraße zwischen Sterbfritz und Oberzell. Wer dort am Sonntag im Garten saß, der konnte hören, wie ein Motorradraser nach dem anderen über die Strecke bretterte. Sind Rüttelstreifen die Lösung? Eine klare Auskunft erhält unsere Zeitung von den Verantwortlichen in dieser Frage nicht.

  • Die Landesstraße 2304 zwischen Sterbfritz und Oberzell bleibt weiter heiß diskutiert.
  • Motorradfahrer lassen sich von der kurvenreichen Strecke zum Rasen verleiten.
  • Helfen Rüttelstreifen gegen die Raser? Wir haben uns bei der Polizei erkundigt.

Sinntal - Es ist Sommer, es ist heiß, und die Motoren heulen auf. So war es für die Anwohner nahe der Landesstraße 2304 am vorigen Wochenende erneut, denn die kurvenreiche Strecke ist nach wie vor bei Motorradrasern beliebt. Sie testen dort, was aus ihren Maschinen herauszukitzeln ist – zum Leidwesen aller anderen. Und sie machen aus der Landesstraße einen Gefahrenschwerpunkt (wir berichteten).

Verantwortliche äußern sich zu Rüttelstreifen wegen Motorradrasern zwischen Sterbfritz und Oberzell

Kürzlich hat ein KN-Leser von einem ähnlichen Problem in Brandenburg berichtet. Er schreibt, wie in dem Bundesland versucht wird, der Sache Herr zu werden: „Rund um den Werbellinsee befindet sich eine beliebte kurvige Motorradstrecke. Hier hat man Rüttelstreifen auf den Geraden und vor Kurven angebracht. Motorradfahrer müssen somit ständig stark abbremsen. Das wäre eindeutig eine Lösung für das Problem in Sinntal.“ Aber ist das so einfach? Wir haben nachgefragt.

„Die Problematik auf diesem Streckenabschnitt ist uns natürlich bekannt. Aber wir als Polizei können zu baulichen Maßnahmen nichts sagen, denn diese sind Sache der Verkehrsbehörde“, sagt Stefan Enders, stellvertretender Leiter der Polizeistation Schlüchtern. Untätig sind die Beamten trotzdem nicht: Regelmäßige Kontrollen werden auf der Landesstraße vorgenommen und ausgewertet. Eine Unfallkommission kann darauf zurückgreifen.

KN-Leser macht Vorschlag: Rüttelstreifen die Lösung?

Ob die Rüttelstreifen eine gute Lösung sind, darüber möchte der Polizist kein Urteil abgeben. Enders ist sich bewusst, dass die Raser den Verkehr gefährden, aber er gibt auch zu bedenken: „Wir müssen jedem Verkehrsteilnehmer gerecht werden. Und die Frage ist doch, ob die Allgemeinheit, also andere Verkehrsteilnehmer wie etwa Motorradfahrer oder Autofahrer, die sich an die Regeln halten, wegen den Verfehlungen einzelner unter etwaigen Maßnahmen leiden müssen.“

Stichwort

Wo Tempolimits nicht mehr weiterhelfen, werden mancherorts Rüttelstreifen auf den Straßenbelag aufgebracht. Sie sollen dazu dienen, den Fahrzeugführer auf Gefahrenstellen aufmerksam zu machen. Beim Überfahren mit dem Fahrzeugreifen werden Vibrationen oder Geräusche erzeugt. Je nach Ausführung der Streifen müssen Motorradfahrer stark abbremsen, bevor sie diese überfahren können.

Daniela Czirjak von der Straßenverwaltung Hessen Mobil antwortet auf eine schriftliche Anfrage unserer Zeitung: „Im Rahmen zweier Pilotprojekte sind im September 2012 auf der L 3004 zwischen Oberursel und Schmitten sowie im November 2016 auf der B 276 zwischen Laubach und Schotten [...] Rüttelstreifen quer zur Fahrbahn eingebracht worden. Hierdurch sollte eine unfallmindernde Geschwindigkeitsreduzierung vor besonders unfallauffälligen Streckenabschnitten bewirkt werden. Nach der Auswertung konnte [...] keine positive Wirkung auf das Unfallgeschehen oder die Unfallschwere festgestellt werden. Daher ist zum heutigen Zeitpunkt kein weiterer Einbau [...] geplant.“

Verantwortliche geben keine klare Antwort

Seit 2009 gebe es in Hessen eine Unfallkommission, die sich aus Straßenverkehrsbehörde, Polizei und Hessen Mobil zusammensetzt, erklärt Czirjak. „Neben der bisherigen Einjahresbetrachtung aller Unfälle, werden nun schwere Unfälle mit Personenschäden zusätzlich einer Dreijahresbetrachtung unterzogen“, sagt sie. Ziel sei es, die Unfallhäufigkeit zu verringern. Konkret funktioniere das so: Die Polizei erfasst die Unfälle und stellt Berichte, Skizzen und ähnliches zur Verfügung. Auf diese Weise können Stellen, an denen sich Unfälle häufen, erkannt und in den Kommissionssitzungen behandelt werden.

Für Risikopunkte werden „geeignete Gegenmaßnahmen baulicher, verkehrstechnischer oder rechtlicher Art, wie zum Beispiel ein Tempolimit“ beschlossen. „Den Vorsitz der Kommission hat die Straßenverkehrsbehörde des jeweiligen Landkreises inne. Mögliche Entscheidungen werden daher federführend von dort getroffen“, ergänzt Czirjak. Nur die Behörde könne den Verkehr begrenzen. Die Umsetzung vor Ort erfolge dann durch Hessen Mobil.

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Was kann gegen Motorradraser helfen?

Beim Main-Kinzig-Kreis nachgefragt, erfahren wir: „Rüttelstreifen sind in besonderen Ausnahmefällen [...] an Unfallhäufungspunkten möglich. Der Streckenabschnitt zwischen Sterbfritz und Oberzell fällt nicht darunter, sondern erfordert andere Mittel, um die Verkehrsteilnehmer dazu zu bringen, sich an die Vorschriften zu halten. Momentan ist hier die verstärkte Überwachung des Verkehrs durch die Polizei das angezeigte Mittel. Die Polizei hat diese Strecke auch auf dem Schirm“, so Kreispressesprecher Frank Walzer.

Die Anfrage an Sinntals Gemeindeverwaltung beantwortet Carsten Sperzel als Leiter des Ordnungsamtes. Die Gemeinde verweist auf Hessen Mobil und die Stellungnahme der Verkehrsbehörde. Bauliche Veränderungen an der Strecke oblägen dem Straßenbaulastträger, sagt der Amtsleiter. Und: „Sollte Hessen Mobil im Zusammenhang mit der Installation von Rüttelstreifen positive Effekte auf die Unfallschwere und -häufigkeit erkennen, wäre eine Installation an Standorten in Sinntal sicherlich auch im Sinne der Gemeinde.“ Die Entscheidung darüber liege jedoch bei Hessen Mobil.

Lesen Sie hier: Das Tempolimit bei Nässe wurde auf der Problemautobahn A 66 zwischen Flieden und Schlüchtern ausgeweitet.

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