Mit der Herde von Ort zu Ort ziehen, das ist die Leidenschaft von Kurt Hartmann. Der Hüteschäfer ist ab Ende Mai mit seinen Tieren bei Wind und Wetter unterwegs.
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Mit der Herde von Ort zu Ort ziehen, das ist die Leidenschaft von Kurt Hartmann. Der Hüteschäfer ist ab Ende Mai mit seinen Tieren bei Wind und Wetter unterwegs.

Mit Schafen auf Wanderschaft

Sinntals letzter Hüteschäfer kennt seine 140 Lämmer alle mit Namen

Wenn er mit seinen Schafen unterwegs ist, von Wiese zu Wiese zieht, dann ist für Kurt Hartmann die Welt in Ordnung. Er ist Sinntals letzter Hüteschäfer. Wir haben ihn bei seiner Arbeit begleitet, denn stets im Mai bricht er mit seinen Tieren zur Wanderschaft auf.

Sinntal - Aktuell besitzt der Sterbfritzer 150 Mutterschafe und 140 Lämmer. Unter den Lämmern waren diesmal eine Drillings- und 30 Zwillingsgeburten. Fünf Lämmer musste Kurt Hartmann per Hand aufziehen. Wenn er die Jungtiere ruft, antworten sie ihm und sind blitzschnell in seiner Nähe. Alle Lämmer bekommen bei der Geburt Namen, und Hartmann schafft es, ein jedes beim Namen zu rufen.

Vor der Wanderschaft: Gesundheitscheck und Schafschur

Aufgrund der warmen Witterung ist der Schäfer von seiner letzten Wanderschaft erst im Februar mit den Tieren in den Stall zurückgekehrt. Von dort geht es ab Ende Mai, je nach Vegetationszeit der geschützten Pflanzen und in Absprache mit dem Forstamt Schlüchtern, über die ausgewiesenen Flächen.

Die Tage vor dem Aufbruch sind arbeitsintensiv. Neben dem visuellen Gesundheits-Check, stehen auch Klauenpflege und Schafschur auf dem Programm. Hartmann führt die Arbeiten mit Sohn Michael aus. Weil dieser tagsüber einem anderen Beruf nachgeht, ist die Arbeit mit den Schafen auf den Feierabend gelegt. „Die Schafschur muss vor dem Austrieb sein, denn ich komme ja erst wieder zum Winterquartier heim. Bis ich mit den Tieren losziehe, ist schon wieder etwas Wolle nachgewachsen. So frieren sie nicht und bekommen auch keinen Sonnenbrand“, erläutert Hartmann.

Der Mai ist für Kurt Hartmann (vorn) und Sohn Michael stets arbeitsintensiv. Es stehen Schafschur, Klauenpflege und ein Gesundheitscheck für die Tiere auf dem Programm.

Übrigens: Am Mittwoch wurde Kurt Hartmann 75 Jahre alt. Der Sinntaler ist am 27. Mai 1945 in Sterbfritz zur Welt gekommen. „Per Hausgeburt!“, fügt er stolz an. Mit drei Brüdern und zwei Schwestern wuchs er im landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern, Heinrich und Maria, auf. Nach der Schule wollte er den Beruf des Weißbinders erlernen, doch da sein älterer Bruder schwer verunglückt war, wurde er auf dem Hof der Eltern zum landwirtschaftlichen Gehilfen ausgebildet. Nach der Genesung des Bruders übernahm dieser den Hof und Hartmann musste 1966 seinen Wehrdienst ableisten. In dieser Zeit reifte sein Entschluss: „Wenn ich heimkomme, halte ich Schafe“.

Liebe zu den Tieren von Kindesbeinen an

Die Liebe zu den Tieren begleitete ihn von Kindesbeinen an: Auf dem Hof der Eltern, in der Dorfschäferei Reusing in Sterbfritz und bei Dorfschäfer Ferdinand Kraft in Breunings. Mit der Aufgabe dieser Betriebe endete die Ära der Dorfschäfereien im Sterbfritzer Raum. Nach dem Wehrdienst kaufte Hartmann sich seine ersten beiden Schafe. Das nötige Land zur Haltung hatte er von seinen Eltern bekommen. 1967 wurde Hochzeit gefeiert: Seit 52 Jahren gehen Doris und Kurt Hartmann gemeinsam durchs Leben. Ihre Töchter Anja und Margarete sowie Sohn Michael haben bereits eigene Familien. Hartmann zählt neun Enkel, acht Mädchen und einen Jungen, sowie drei Urenkel. In seinem Arbeitsleben ist er verschiedenen Tätigkeiten nachgegangen, unter anderem als Baumaschinenführer bei der Firma Jökel in Schlüchtern. Aber seine wahre Leidenschaft waren und blieben die Schafe.

„Ich sehe mich als Hüter,Mister und Melker“

Die Herde wuchs im Lauf der Jahre auf 45 Mutterschafe an. Reichtümer habe er damit nicht verdienen können, doch die Liebe zu den genügsamen Tieren habe ihn daran festhalten lassen, sagt Hartmann. Als gesundheitliche Probleme ihn vorzeitig zum Rentner werden ließen, übergab er den Betrieb an seinen Sohn. Augenzwinkernd sagt er heute: „Mein Sohn Michael bestimmt, was gemacht wird, und ich sehe mich vor allem als Hüter, Mister und Melker.“

Gerne erinnert sich Hartmann an die 1990er Jahre. Damals erhielt er die Anfrage vom Forstamt Sinntal, ob er bereit sei, mit seinen Schafen für die Landschaftspflege im Naturschutz zu arbeiten. Ein Probehüten brachte Gewissheit. Und so erfüllte sich für Hartmann ein langgehegter Traum. Wenn er loszieht, kommen zur Herde noch eine große Schar Ziegen hinzu, denn nach den Vorgaben des Naturschutzes sind zehn Ziegen pro 100 Schafe mitzuführen. Während die Schafe mit dem oft kargen Gras zufrieden sind, sorgen die Ziegen für den Gehölzverbiss.

"Bis ich nicht mehr kann", will er die Schafe hüten

Von seinen fünf Hütehunden – Benno, Asta, Bella, Sammy und Fly – nimmt der Schäfer stets drei mit. Sie helfen ihm, die Herde zusammenzuhalten. Die Route der Wanderschaft verläuft von der Stephanskuppe nach Breunings, Neuengronau und Hohenzell bis Bellings. Im darauffolgenden Jahr verläuft sie in umgekehrter Reihenfolge. Während Schäfer und Hunde abends nach Hause zurückkehren, bleiben die Schafe im Nachtpferch.

Auf die Frage, wie lange er mit den Schafen noch unterwegs sein will, antwortet der Sinntaler: „Bis ich nicht mehr kann oder der oben im Himmel mir ein Ende macht.“ Und dann – wünscht er sich – soll der Trauerrede unbedingt Psalm 23 zugrunde liegen: „Der Herr ist mein Hirte.“

brb

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