Der jahrelange Leerstand nagt sichtbar an der Substanz der Domänengebäude.
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Der jahrelange Leerstand nagt sichtbar an der Substanz der Domänengebäude.

Einst stolzer Hof

Staatsdomäne Hundsrück in Steinau steht seit acht Jahren leer - Darum lehnte das Land Hessen alle Angebote ab

  • Walter Kreuzer
    vonWalter Kreuzer
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„Es tut mir weh, wenn ich sehe, dass die Domäne seit Jahren leer steht“, sagt Steinaus Erster Stadtrat Arnold Lifka (BGM). Der Kommune sind die Hände gebunden: Hundsrück ist eine Staatsdomäne des Landes. Dieses sucht seit Jahren nach einem Käufer oder Pächter – lehnt aber alle Angebote als „nicht angemessen“ ab.

Steinau - Die Geschichte der einst stolzen Domäne Hundsrück reicht weiter zurück als jene mancher Dörfer. Auch die vor einem Jahr veröffentlichte Ausschreibung der Hessischen Landgesellschaft (HLG) – das Staatsunternehmen verwaltet das Anwesen – sieht auf den ersten Blick sehr interessant aus: Gesucht wird ein Pächter oder Käufer für die Hofstelle, umgeben von sieben Hektar Land sowie zwölf Hektar Grünland. Genannt werden das Pächterwohnhaus, drei (vermietete) Häuser zwischen Hof und der Landesstraße nach Uerzell sowie zehn Wirtschaftsgebäude. Einige sind um die 20 Jahre alt. 129 Hektar Ackerland, Grünland sowie Waldflächen können ebenfalls gepachtet werden.

Derart angepriesen müssten die Interessenten eigentlich Schlange stehen. Eigentlich. Seit 2013 steht der Hof jedoch leer. Wer über das Gehöft spaziert, sieht Gräser und Büsche zwischen den Gebäuden wuchern, manche Tür hängt schief an nur einer Angel und bewegt sich quietschend im Wind; am stattlichen Pächterwohnhaus aus dem Jahr 1907 nagt der Zahn der Zeit. Acht Jahre Leerstand fordern ihren Tribut – regen aber auch die Fantasie von Landwirten und Pferdeliebhabern an. Aus dem zum Teil unter Denkmalschutz stehenden Anwesen ließe sich etwas machen.

Steinau: Einst stolzer Hof steht seit acht Jahren leer - Land Hessen sucht Käufer

Dennoch versucht das Land seit fünf Jahren vergeblich, einen Pächter oder Käufer zu finden. Aus dem Landwirtschaftsministerium wird bestätigt, dass es bei den etwa einem halben Dutzend Verfahren Interessenten gegeben habe. Allerdings: „Es gingen zwar Gebote ein, sie waren jedoch nicht angemessen, sodass kein Zuschlag erfolgen konnte und erneut ausgeschrieben wurde“, schreibt die Pressestelle auf eine Anfrage unserer Zeitung. Ein im April 2020 abgeschlossenes Verfahren sei „im September 2020 für weitere Gebote eröffnet worden. Dafür gibt es Interessenten.“ Während dieser Ausschreibungen sei der „Bestand gesichert. Investitionen werden im erforderlichen Umfang vorgesehen und umgesetzt, die Acker- und Grünlandflächen werden aktuell durch Landwirte bewirtschaftet.“

Das Pächterwohnhaus der Domäne aus dem Jahr 1907 steht seit acht Jahren leer.

Apropos: Die Antwort auf die Frage, ob der Betrieb wirtschaftlich zu führen ist, hängt von den Rahmenbedingungen ab – und diese werden offensichtlich vom Land Hessen und potenziellen Erwerbern unterschiedlich eingeschätzt. Das ist in Bezug auf die Domäne Hundsrück kein neues Phänomen. Es reicht mindestens bis Anfang der 1990er Jahre zurück und mündet in zahlreichen Gerichtsverfahren zwischen Hessen und der ehemaligen Pächterfamilie Zimmermann, die das Anwesen 2013 räumen muss. (Lesen Sie hier: Erlebnispark in Steinau wird zum „Test-Zentrum“: Zusammenarbeit mit Jungunternehmen aus Breidenbach).

Staatsdomäne Hundsrück in Steinau in 1990er Jahren in Hand von Familie Zimmermann

Hermine Zimmermann pachtet mit ihrem Mann Christian 1991 die Domäne und bewirtschaftet sie, zeitweise gemeinsam mit den Söhnen Christian und Veit. Sie spricht voller Wut und Bitterkeit über jene Zeit sowie das zerrüttete Verhältnis zum Land und ihrem Schwager, der auf dessen Seite stehe: „Wir haben die ganzen Jahre nur geschuftet und gekämpft. Sie haben uns wie Schwerverbrecher behandelt.“ Über Schuldfragen und Ansprüche muss nun – wieder einmal – das Oberlandesgericht Frankfurt entscheiden.

Das Pächterwohnhaus der Domäne aus dem Jahr 1907 steht seit acht Jahren leer.

Unbestritten, da offensichtlich und für die Wirtschaftlichkeit von grundlegender Bedeutung, ist ein Punkt: Die für die Landwirtschaft nutzbare Fläche der Domäne schrumpft seit den 90er Jahren. 170 Hektar, so Zimmermann, hätten in ihrem Vertrag gestanden. Dann wurde die Autobahn gebaut, „die besten Flächen aufgeforstet“ – als Ausgleichsfläche für die Landebahn des Flughafens – , die Stadt erhielt Fläche für ein Industriegebiet und schließlich wurde der Parkplatz an der A66 gebaut. Die Folge: „Es gibt nur noch sechs Hektar besseres Ackerland direkt am Hof. Den Rest können Sie vergessen.“ Interesse an der Domäne, so Hermine Zimmermann, habe ihre Familie dennoch – zumindest an den teils von ihr erbauten Gebäuden.

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