Mitten in Sterbfritz steht der Gedenkstein.
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Mitten im Ort steht der Gedenkstein.

Vor 30 Jahren enthüllt

Sterbfritz: Gedenkstein für Zwangsarbeiter des „Lager Kinzig“ erinnert an dunkles Kapitel

Ein Gedenkstein erinnert in Sterbfritz an eine schlimme Zeit. Enthüllt hatte den Stein vor 30 Jahren der damalige Landrat Karl Eyerkaufer.

Sterbfritz - „Zu den dunkelsten Kapiteln unserer jüngsten Geschichte gehört das der verschleppten, entrechteten und ausgebeuteten Zwangsarbeiter, der durch nationalsozialistische Zwangsmaßnahmen zur Sklavenarbeit gezwungenen deutschen und ausländischen Staatsangehörigen. (...) Eine Wiedergutmachung der ungeheuren Leiden und Schäden der Zwangsarbeiter ist das Mindeste, was (...) gewährt werden muss“. Das sagte der damalige Landrat des Main-Kinzig-Kreises, Karl Eyerkaufer, 1990 vor belgischen, französischen und holländischen Mitgliedern des Freundeskreises „Lager Kinzig“ bei deren fünftem Treffen in Sterbfritz.

Zum Gedenken an die Lagerzeit: Stein als Mahnung für künftige Generationen

Zum Gedenken an die Lagerzeit von Juni 1943 bis April 1945 enthüllte die Gemeinde Sinntal damals einen Stein. Bürgermeister Hans Eberhard Priemer hieß die ehemaligen Zwangsarbeiter an der Stätte willkommen, wo sie viele Monate im Zweiten Weltkrieg hatten arbeiten müssen. Trotz der schwierigen Zeit seien freundschaftliche Beziehungen entstanden, so Priemer. Die Lagerzeit sei ein Teil der Geschichte der Gemeinde, und so solle der Stein eine Mahnung für künftige Generationen sein, so Eyerkaufer.

Der Gedenkstein stamme aus dem Gebiet der ehemaligen Bahnunterführung und stelle so einen Bezug zu der damaligen Tätigkeit her, sagte Priemer. 1942 sei jeder vierte Arbeiter in Deutschland Ausländer gewesen. 1944 beschäftigte die deutsche Kriegswirtschaft fast acht Millionen Zwangsarbeiter, Deportierte und Kriegsgefangene. Der „Einsatz“ ausländischer Arbeiter sei ein riesiger Modellversuch für eine nach rassistischen Kriterien hierarchische Gesellschaft des Endsieges gewesen. „Dass sie hungerten, keinen Lohn bekamen, keinen Arbeitsschutz genossen, aus den Luftschutzbunkern ausgesperrt blieben, öffentlich und halböffentlich hingerichtet wurden, war nicht geheim,“ so der Landrat.

Zwangsarbeit stieß auf Zustimmung der deutschen Bevölkerung

Die mit brutaler Gewalt abgesicherte Zwangsarbeit sei auf Zustimmung bei der deutschen Bevölkerung gestoßen, die ihre Rolle als „Vorarbeiter Europas“ angenommen habe, nicht ohnmächtig oder unbeteiligt, sondern als aktiver Nutznießer der rassistischen Sozialordnung. So international wie damals habe sich die Arbeiterklasse nie zuvor zusammengesetzt, und nie zuvor habe sie sich so weit von den Idealen der Gleichheit und Solidarität entfernt. Eyerkaufer sagte, es sei lobenswert, dass der Vorsitzende des Freundeskreises „Lager Kinzig“, Aart Pontier, im Bergwinkel-Boten und in einem 1990 erscheinenden Buch ein Stück historische Wahrheit festhält, indem er über das Lager berichtet. Mit dem Mahnzeichen werde auf die elementarsten Grundrechte, die Menschenwürde, aufmerksam gemacht.

Eyerkaufer bewunderte die Mitglieder des Freundeskreises, dass sie durch die Errichtung eines Gedenksteines nach den Jahren der Knechtschaft und Sklavenarbeit die innere Größe aufbringen und getreu den Worten handeln, die deutsche Heimkehrer 1967 an der Friedland-Gedächtnisstätte als Inschrift anbrachten: „Völker entsaget dem Hass, versöhnt euch, dienet dem Frieden, baut Brücken zueinander.“

Niederländischer Generalkonsul Simonsz hielt Ansprache

Pontier überreichte Eyerkaufer das erste Exemplar der „Historischen Grundlagen für die Dokumentation zum Schicksal der Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen, Flüchtlinge und Vertriebenen: Leitfaden zur Aufarbeitung der Lokal- und Regionalgeschichte im Main-Kinzig-Kreis“.

Der niederländische Generalkonsul A. D. H. Simonsz hielt ebenfalls eine Ansprache. Neben der historischen Vergangenheit sah er Hoffnung für künftige Generationen. Pontier erinnerte sich an viele Erlebnisse aus der Zeit von 1943 bis 1945. Seine Generation gehe zu Ende und eine neue komme, die Fragen stelle. Der Freundeskreis baue Brücken. Mit dem Gedenkstein, sei ein starker Pfeiler gesetzt worden. Er sei ein Zeichen der Versöhnung. (d)

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