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Ukraine-Flüchtlinge im Main-Kinzig-Kreis: So verliefen die ersten Tage für eine Familie in Meerholz

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Violetta Schuba (Zweite von rechts) hat Alona, Maxim, Sviat und Liana (v.l.), in ihrem Haus aufgenommen und unterstützt die vier aus der Ukraine Geflüchteten nach Kräften.
Violetta Schuba (Zweite von rechts) hat Alona, Maxim, Sviat und Liana (v.l.), in ihrem Haus aufgenommen und unterstützt die vier aus der Ukraine Geflüchteten nach Kräften. © Pressestelle des Main-Kinzig-Kreises

Violetta Schuba aus Meerholz hat Menschen bei sich aufgenommen, die vor dem Ukraine-Krieg geflüchtet ist. Wie die ersten Tage in Deutschland verlaufen sind, hat nun der Main-Kinzig-Kreis berichtet.

Gelnhausen - An der Haustür hängt ein geflochtener Kranz, darin ein kleines Laubsägeherz. „Frieden“ ist darauf zu lesen. Violetta Schuba hat es für ihre Gäste angebracht. „Sie sollten gleich bei ihrer Ankunft wissen, dass sie in ein friedliches Haus kommen“, sagt sie. Ihre Gäste, das sind Alona, ihre Söhne Maxim und Sviat, und Liana, die Großmutter der beiden.

Alle vier sind vor dem Krieg in der Ukraine nach Deutschland geflohen. Zwei Tage waren sie von Kiew aus mit dem Zug unterwegs, bis sie in Maintal bei Bekannten unterkamen. Vor gut einer Woche haben sie ihr neues Heim in Gelnhausen bezogen, das von Eigentümerin Violetta Schuba für Geflüchtete aus der Ukraine zur Verfügung gestellt und vom Main-Kinzig-Kreis vermittelt wurde.

„Es ist alles gut hier“, sagt Alona auf Ukrainisch und wirkt bei aller Dankbarkeit sehr ernst. „Die Nachbarn kommen, bringen Kleider, Socken und Schuhe. Sogar Fahrräder und Fußbälle für Max und Sviat“, übersetzt Violetta Schuba, die in der Schule russisch gelernt hat, Lianas Worte. Die Familie freut sich über den herzlichen Empfang und die Hilfe, die ihr zuteilwird.

Ukraine-Flüchtlinge im Main-Kinzig-Kreis: Erste Schritte für vierköpfige Familie

Schuba hat sehr persönliche Gründe, die sie dazu bewegen, Vertriebene aus der Ukraine zu unterstützen: „Meine Eltern sind 1981 mit mir und meinem Bruder aus Niederschlesien in Polen nach Deutschland gekommen. Wir waren ebenfalls Flüchtlinge, Spätaussiedler, und sind hier im Main-Kinzig-Kreis wunderbar aufgenommen worden.“

Schuba war eine der Ersten, die sich auf den Aufruf des Kreises Wohnraum für Geflüchtete zur Verfügung zu stellen, gemeldet haben. Nach wie vor können Angebote online gemeldet werden. Auf der Internetseite des Kreises (www.mkk.de) steht unter „Ukrainehilfe MKK“ ein Meldeformular bereit. Mehr als 200 Ukraine-Flüchtlinge sind im Main-Kinzig-Kreis zudem in Turnhallen untergekommen.

„Es kommen derzeit sehr viele Menschen aus der Ukraine zu uns und brauchen Schutz und Hilfe, wahrscheinlich für eine sehr lange Zeit“, unterstreicht Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler. „Die meisten Menschen werden zunächst in den großen Aufnahmeeinrichtungen wie in Birstein, Bad Orb oder in Hanau untergebracht. Doch diese Unterkünfte sind nur die erste Anlaufstation auf dem Weg in ein Zuhause, das für Stabilität sorgt und den vertriebenen Menschen ein Stück Geborgenheit bietet.“

„Überwältigende Hilfsbereitschaft“ - WhatsApp-Gruppe organisiert Möbel und Kleidung

Silvio Franke-Kißner, Leiter des Amtes für Sicherheit, Ordnung, Migration und Integration, hat sich in einem Telefongespräch bei Violetta Schuba persönlich für ihr Engagement bedankt. „Außerdem fragte er mich, ob der Kreis sich um Möblierung und Ausstattung der Unterkunft kümmern solle“, berichtet die diplomierte Sportwissenschaftlerin. „Nein“, hat Schuba geantwortet und umgehend eine WhatsApp-Gruppe gegründet, in der sie Freunde und Bekannte fragte, ob und was diese an Möbeln und Ausstattung beitragen könnten.

„Die Bereitschaft zu helfen war schlichtweg überwältigend. Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut“, sagt sie bewegt. „Ich habe die Gruppe am Freitag gegründet und nach dem Wochenende war das Haus für Geflüchtete eingerichtet: Küche, Stockbetten, Schlafzimmermöbel, Fernseher, Couch, Bettwäsche, Geschirr – und alle haben ohne Zögern angepackt.“ Nun bietet das Haus nicht nur Raum für Alona, Liana, Max und Sviat. In einem weiteren großen Zimmer werden bald zwei weitere Personen unterkommen können.

Erste Schritte im Meerholzer Fußballverein - Maxim kann wieder lachen

Alona und ihre Familie sind an einem Dienstag im März in Meerholz angekommen. Mit gesenkten Köpfen seien sie aus dem Bus gestiegen, mit einem kleinen Reisekoffer und vier oder fünf Plastiktüten in den Händen, erinnert sich ihre Gastgeberin. „Mein Mann und ich haben sie umarmt, sie warm und herzlich willkommen geheißen“, erinnert sich Schuba.

Zunächst sei der 14-jährige Maxim noch unruhig und nervös gewesen, der 12-jährige Sviat zurückhaltend. „Mittlerweile lacht Max wieder“, sagt die tatkräftige Helferin. Auch deshalb, weil Sviat zwei Tage nach der Ankunft zum ersten Mal am Jugendtraining im Meerholzer Fußballverein teilgenommen, von den anderen die Wörter „Schuss“ und „Fußball“ gelernt hat und auf Deutsch schon bis zehn zählen kann.

„Ankommen ist der erste Schritt, und dafür braucht es Menschen vor Ort, die mithelfen. Familie Schuba gebührt mein Dank, stellvertretend für die vielen Familien und Vermieter, die ebenfalls Räume zur Verfügung stellen“, so Susanne Simmler. Für Schuba wiederum ist Helfen eine Herzensangelegenheit: „Mein Mann und ich möchten unseren beiden Söhnen etwas vorleben, eine Lebenseinstellung weitertragen.“

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Dabei ist sie sich darüber im Klaren, dass Hilfe für Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind und die kaum Englisch und kein Deutsch sprechen, mehr ist als Wohnraum und ein Bett zum Schlafen. Ob Behördengänge, Kontakt mit Banken oder Beantragen von finanziellen Hilfen: Auch dabei brauchen die neu Angekommenen Unterstützung. Schuba macht das gern. „Es ist großartig und gibt mir viel Kraft“, sagt sie.

Alona, ihre Mutter und die beiden Söhne jedenfalls sind angekommen und können in Meerholz in den nächsten Wochen die ersten Schritte in die Selbständigkeit gehen, oft in Gedanken beim Krieg in der Ukraine. Das ist zu spüren, als Liana noch einmal das Wort ergreift. „Wir wünschen uns Frieden“, sagt sie und wischt sich mit der Hand über die nassen Augen.

Auch wenn sie mit einem Teil ihrer Familie in Meerholz in Sicherheit ist und viel Unterstützung erfährt: Um die, die zurückgeblieben sind, macht sie sich große Sorgen, vor allem um ihren Sohn. Mit seinen 28 Jahren gehört er zu jenen, die in der Ukraine Heimat und Freiheit verteidigen.

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