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„Was wird von der Ukraine übrig bleiben?“ Musiklehrerin bangt um Heimat

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Spenden aus Main-Kinzig-Kreis.
Die Kinder Arina (12), Matthias und Maxim (6) sowie Yuri (10) bedanken sich mit gemalten Wörtern für die erhaltene Hilfe, hinten von links Ulrike Müller, Herbert Freund und Nadja Korobieinikova. © Barbara Kruse

Nadja Korobieinikova floh am Tag, als Präsident Wladimir Putin die Ukraine mit seinen Truppen überfiel. Noch tags zuvor habe sie nicht geglaubt, dass der russische Nachbar ihr Land angreifen würde.

Bad Soden-Salmünster - Sie hatte Hilfe. Ihr geschiedener Mann brachte sie und die vier gemeinsamen Kinder mit dem Pkw bis an die Grenze, bevor er selbst zurückkehrte, um für das Heimatland zu kämpfen. In Chmelnitzki übernachtete die Familie mit anderen Flüchtlingen in einer Turnhalle. Die war schwer zu erreichen, denn inzwischen herrscht ab 22 Uhr Ausgangssperre.

Aus ihrem Heimatort Kropiwnizkij waren sie drei Tage lang unterwegs. Nun sind sie im Haus von Herbert Freund in Salmünster untergekommen, der die Familie mit seinem Pkw von der polnischen Grenze abholte: „Ich war noch nie in meinem Leben so müde, wie nach diesen 35 Stunden und 3500 gefahrenen Kilometern.“ (Lesen Sie hier: Ukraine-Konflikt: Feuerwehr Bad Soden-Salmünster unterstützt Hilfstransport zur Grenze)

Ukraine-Konflikt: Musiklehrerin bangt um Heimat - Zuflucht in Salmünster

Weil kilometerlange Staus die polnischen Grenzübergänge blockierten, suchte Freund über Google einen weniger frequentierten Übergang. Im polnischen Beregsuràny seien sie sehr warmherzig empfangen und versorgt worden, berichtet die 39-jährige Mutter der vier Kinder.

Nadja Korobieinikova spricht gut Deutsch. Sie studierte drei Jahre lang in Tübingen Musikwissenschaft und Kunstgeschichte. In der Ukraine arbeitete sie als Klavierlehrerin. „Wenn der Krieg vorbei ist, wird Musik dann überhaupt wichtig sein? Was bleibt übrig von der Ukraine? Kann man überhaupt zurück“, fragt sie sich bang.

„Bewegen mit Herz“ hilft ukrainischen Flüchtlingen

Korobieinikova wollte bereits in der Zeit der Krimkrise als Musiklehrerin nach Deutschland kommen. Damals entstand der Kontakt zu Herbert Freund und seiner Musikschule. Jeden Morgen nach dem Frühstück übt der studierte Deutschlehrer Herbert Freund, Deutsch mit den Kindern, denn sie wollen bald in Salmünster im Main-Kinzig-Kreis in die Schule gehen. Deutschunterricht bietet er auch den weiteren Kindern an, die aus der Ukraine in Bad Soden-Salmünster ankommen.

Freund ist Mitglied der bundesweit organisierten Kraftfahrerinitiative „Bewegen mit Herz“, deren Vorsitzende Ulrike Müller auch in Salmünster lebt. Aktuell hilft der Verein ukrainischen Flüchtlingen. Er spendete Geld für die Flucht von Nadja Korobieinikovas Familie aus dem Kriegsgebiet. Zum Dank möchte Korobieinikowa Klavierunterricht geben, um dieses Geld zurückzugeben.

Service

Konto für Spenden

Kraftfahrerinitiative: Deutsche Bank, IBAN: DE39 5067 0024 0055 48320 oder per PayPal: bewegen.mit.herz @gmail.com

Unterricht

Deutsch von Herbert Freund oder Klavier von Nadja Korobieinikova unter Telefon (0 60 56) 3541 oder per E-Mail an musik-freund@t-online.de

Ulrike Müller fährt beruflich einen Lkw und sammelt bei den Leerfahrten Sachspenden ein. Aktuell werde neben Geldspenden vor allem Lebensmittel, Kinderkleidung und Hygieneartikel gebraucht. Spenden können bei Herbert Freund, Am Galgenbach 1 oder bei Ulrike Müller in der Spessartstraße 3 in Salmünster abgegeben werden.

Mitglieder der Kraftfahrerinitiative sind bereits unterwegs, unter anderem ein Lkw der CM Logistik aus Stuhr, der mit Hilfsgütern im polnischen Nagyvarsàny ankam. Auch in dieser Woche fährt ein Vereinsmitglied einen Lkw voller Hilfsgüter für die Ukraine.

Die Kraftfahrerinitiative plant weitere Hilfstransporte und hofft auf Spenden.
Die Kraftfahrerinitiative plant weitere Hilfstransporte und hofft auf Spenden. © Barbara Kruse

Die gespendeten Hilfsgüter werden umgeladen und von dort in die Ukraine gebracht. Hier werden sie dringend gebraucht. Denn es sind Zehntausende an Binnenflüchtlingen aus den östlichen Landesteilen in westliche Richtung, aber nicht außer Landes geflohen. (Von Barbara Kruse)

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