Teilnehmer der Mahnwache gestern Abend auf dem Bahnhofsvorlatz in Wächtersbach.
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Teilnehmer der Mahnwache am Mittwochabend auf dem Bahnhofsvorplatz in Wächtersbach.

Mahnwache auf Bahnhofsvorplatz

Ein Jahr nach rassistisch motivierten Schüssen auf Eritreer: 100 Menschen erinnern an die Tat

Ein Jahr nach den rassistisch motivierten Schüssen auf einen Mann aus Eritrea ist am Mittwochabend in Wächtersbach mit einer Mahnwache an die Tat erinnert und gegen Rassismus demonstriert worden. Wie die Polizei nun mitteilte, wurde ein Mann vorläufig festgenommen, weil er den Hitler-Gruß gezeigt haben soll.

  • Nach den rassistisch motivierten Schüssen auf einen Mann aus Eritrea vor einem Jahr fand in Wächtersbach eine Mahnwache statt.
  • Der 55 Jahre alte Deutsche, der vor einem Jahr auf den Eritreer geschossen hatte, tötete sich nach der Tat selbst.
  • Der Stadtverband der Grünen kritisierte die Stadt Wächtersbach, keine eigene Mahnwache gegen Rassismus abgehalten zu haben.
  • Ein Mann soll während der Kundgebung den Hitler-Gruß gezeigt haben, teilte die Polizei am Donnerstag mit.

Update vom 23. Juli, 16.19 Uhr: Am Mittwochabend nahmen Polizeibeamte einen Mann vorläufig fest, der anlässlich der Kundgebung den Hitler-Gruß gezeigt haben soll. Laut der Polizisten stand der 47-jährige Anwohner auf seinem Balkon und hob in eindeutiger Geste seinen Arm, gab das Polizeipräsidium Südosthessen am Donnerstag mit.

Darüber hinaus soll er laute Ausrufe in Richtung der Veranstaltung getätigt haben. Der offensichtlich alkoholisierte Beschuldigte kam schließlich zwecks Ausnüchterung ins Gewahrsam. Er muss sich nun einem Strafverfahren wegen Verdachts des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen stellen. Zeugen werden gebeten, sich bei der Polizeistation Gelnhausen unter der Rufnummer (06051) 8270 zu melden. (sec)

Wächtersbach - Montagmittag 22. Juli 2019: Der damals 26-jährige Familienvater Bilal M. läuft von seinem Ausbildungszentrum nach Hause. Aus seinem Auto heraus eröffnet der 55-jährige Roland K. aus Biebergemünd mehrere Schüsse auf den Eritreer. Später richtet sich der Schütze selbst. Eine der Kugeln verletzt Bilal M. schwer. Nur eine Notoperation rettet dem Familienvater das Leben.

Mahnwache in Wächtersbach: 100 Menschen erinnern an Schüsse auf Eritreer

Mittwochabend, 22. Juli 2020: Rund 100 Menschen gedenken auf dem Wächtersbacher Bahnhofsvorplatz des rassistisch motivierten Anschlags, der sich in der benachbarten Industriestraße ereignet hat.

Kurz vor der Kundgebung hat der Stadtverband der Grünen kritisiert, dass die Stadt keine eigene Mahnwache gegen Rassismus veranstalte und sich für eine nicht-öffentliche Schweigeminute am Vortag des Jahrestags entschieden habe. Kritik übt die Umweltpartei auch an den Veranstaltern der Kundgebung, dem Bündnis gegen rechten Terror.

So gehört das „Antifaschistische Kollektiv 069“ dazu, auf dessen Facebook-Seite ein polizeifeindliches Sponti-Kürzel verwendet wird. Doch trotz aller Befürchtungen verläuft die Kundgebung völlig ruhig. Die einzige Störaktion kommt von einem Mann, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite rechte Parolen grölt.

Die Stadt hatte sich auf die Ankunft der Demonstranten gut vorbereitet. Schon anderthalb Stunden vor Beginn hat die Polizei die Zufahrtstraßen am Bahnhof abgesperrt. Gegen 18.30 Uhr betritt Nils Zumkley den Schauplatz. Das Mitglied des Allgemeinen Studenten-Ausschusses der Uni Frankfurt gehört zu den Initiatoren der Mahnwache.

Zu anfänglicher Verwirrung um Flugblätter, die zu einer „Demo“ ohne Hinweis auf den Veranstalter aufgerufen hatten, meint er: „Wir haben die Kundgebung erst vor eineinhalb Wochen geplant und sind vielleicht etwas schlampig vorgegangen.“ Zu den kritikwürdigen Statements des „Kollektivs 069“ sagt Zumkley: „Angesichts der Skandals um den NSU 2.0 muss man vielleicht etwas Verständnis für den Unmut aufbringen.“

Marion Beyer von der „Initiative 19. Februar“ aus Hanau trat ans Mikrofon und überbringt Grüße von Bilal M., mit dem die Initiative in Kontakt stehe. In ihrer Rede fordert sie die lückenlose Aufklärung der Taten in Wächtersbach und in Hanau im Februar dieses Jahres. In beiden Fällen, so betont Beyer, hätten die Täter ganz legal eine Schusswaffe besessen.

Clara Latour vom Bündnis gegen rechten Terror stellt die Tat von Wächtersbach in einen Zusammenhang mit den Anschlägen des NSU, dem Attentat in Halle, dem Mord an Walter Lübcke und der aktuellen Serie von Drohbriefen. Auch zwei weitere Redner fordern, rechte Täter nicht als vereinzelte Spinner darzustellen, sondern Netzwerke und Zusammenhänge zu erkennen.

Bereits nach der Tat wurde im letzten Jahr zu einer Mahnwache am Tatort aufgerufen. Mehr als 400 Menschen demonstrierten damals gegen Rassismus. Bei einer weiteren Demonstration gingen 200 Menschen damals auf die Straße.

Die Ermittler gingen in dem Fall später von einem „frustrierten, isolierten Einzeltäter“ aus, der aus fremdenfeindlichen Motiven habe morden wollen, so damals ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. In seiner Stammkneipe soll der Mann die Tat angekündigt haben. Der 26-jährige Mann aus Eritrea wollte nach der Tat mit seiner Familie Wächtersbach verlassen, weil die Angst sein Leben dominiere.

Die Tat von Wächtersbach reiht sich ein in eine Folge von mutmaßlich rechtsextrem oder rassistisch motivierten Taten in Hessen: Nur wenige Wochen zuvor, Anfang Juni 2019, war der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke getötet worden. Im Februar 2020 wurden beim Anschlag von Hanau neun Menschen mit Migrationshintergrund getötet. (mab, dpa)

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