Weiße Weihnachten in Deutschland sind leider eher die Seltenheit. In Wahrheit ist um die Feiertage rum eher mit mit mildem Wetter zu rechnen
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Wie soll Weihnachten in der Corona-Pandemie aussehen? Zwei Geistliche im Interview.

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Weihnachten in der Corona-Pandemie: Geistliche über Youtube-Christmetten und „Stille Nacht“ auf dem Balkon

  • Lena Quandt
    VonLena Quandt
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In wenigen Wochen ist Weihnachten. Doch wie soll es werden, dieses Fest der Liebe auf Abstand? Unsere Zeitung hat Dekan Wilhelm Hammann vom evangelischen Dekanat Kinzigtal und Dechant Markus Günther vom katholischen Dekanat Kinzigtal gefragt.

Region - Dekan Wilhelm Hammann vom evangelischen Dekanat Kinzigtal und Dechant Markus Günther vom katholischen Dekanat Kinzigtal sprechen im Interview darüber, wie Weihnachten in der Corona-Pandemie aussehen kann.

Planen Sie angesichts des zweiten Lockdowns noch mit Gottesdiensten an Weihnachten?
Hammann: Selbstverständlich. Alle Kirchengemeinden tun dies verantwortungsvoll unter Beachtung aller Regeln, auch wenn diese die Gottesdienste deutlich einschränken. Dadurch ist es in der evangelischen Kirche in Deutschland gelungen, keinen einzigen Ausbruch gehabt zu haben. Wie die Gottesdienste ablaufen, hängt von den Örtlichkeiten ab. Grundsätzlich geht es darum, die Menschen zu verteilen, räumlich und zeitlich. Dazu gehört das Angebot offener Kirchen an den Weihnachtstagen. Pfarrer entwickeln Formate, wie man Weihnachten zuhause in der Familie so feiern kann, dass es schön wird. Digitale Angebote spielen eine Rolle. Vieles wird draußen sein.
Günther: Die aktuelle Lage erfüllt mich mit großer Sorge, dennoch bin ich dankbar, dass laut Beschluss der Bundesregierung Gottesdienste möglich sind. So laufen die Planungen für Weihnachten weiter; alles selbstverständlich unter Beachtung der aktuellen Bestimmungen zum Infektionsschutz. Es werden in allen fünf Kirchen des Pastoralverbunds St. Raphael Gottesdienste stattfinden, zu Heiligabend jeweils eine Christmette zu unterschiedlichen Zeiten und Eucharistiefeiern zu den Feiertagen. Dazu eine Vesper am Abend des ersten Feiertages. Die Christmette in Höchst St. Wendelin um 18 Uhr wird live über Youtube übertragen, auch in das Pfarrzentrum in Gelnhausen, wo Gläubige daran teilnehmen und die Heilige Kommunion empfangen können. Darüber hinaus gibt es Überlegungen zu einer Krippenfeier mit verschiedenen Stationen in Gelnhausen und eine digitale Form, Familien an Heiligabend zu erreichen. Also: viele Gottesdienste, drinnen und draußen, gemeinsam vor Ort und digital.
Falls Gottesdienste an Weihnachten stattfinden dürfen, denken Sie, die Gläubigen werden davon Gebrauch machen?
Hammann: Weihnachten spielte bei den Überlegungen der Bundes- und Landespolitik eine große Rolle. Ich gehe davon aus, dass viele Menschen von den vielfältigen Angeboten Gebrauch machen werden. Risikogruppen werden sich zurückhalten. Aber es gibt praktische Probleme: Unsere vier Kinder etwa studieren alle an verschiedenen Orten auswärts. Wir dürfen aber nur mit einem weiteren Hausstand zusammenkommen. Das heißt, dass wir jeweils nur mit einem Kind gleichzeitig feiern können. Gemeinsamer Gottesdienstbesuch ist also schwierig.
Günther: Ich rechne damit, dass vermehrt Menschen zu den Gottesdiensten kommen, zu denen sie sich vorab in den Pfarrbüros anmelden müssen, was ab 3. Dezember möglich ist. Es wird aber auch viele Gläubige geben, die aus Sorge um die Gesundheit oder aus anderen Gründen lieber zu Hause feiern. Dafür wird es Angebote geben. Die Kirchen sind tagsüber geöffnet und die aufgestellten Krippen, die etwas von der Weihnachtsfreude ausstrahlen, laden zum Verweilen und Beten ein.
Dekan Wilhelm Hammann (links) und Dechant Markus Günther (rechts) waren im Interview mit den Kinzigtal Nachrichten.
Wie könnte so ein Gottesdienst aussehen?
Hammann: Geplant sind Stationen-Gottesdienste. Die Besucher feiern an verschiedenen Stationen in der Stadt oder im Dorf. Es werden öffentliche Plätze genutzt. In Schlüchtern denkt man über die Nutzung des Klosterhofes nach – ein sehr schöner Ort. In Bad Soden-Salmünster gab es bereits Gottesdienste im Kurpark. In Steinau ist der Schlosshof angedacht. In Sinntal sind ebenfalls Dinge in Vorbereitung: analog, unter Einhaltung aller Hygienebestimmungen, und digital für daheim. Die Kirchenvorstände sind sehr findig. Die Bereitschaft zur Kooperation seitens der Kommunen und von Privatleuten ist groß.
Günther: Die katholischen Gottesdienste im Raum Gelnhausen werden größtenteils in den jeweiligen Kirchen stattfinden. Es ist zwar kein Gesang der Gemeinde erlaubt, was an Weihnachten nur schwer vorzustellen ist. Dennoch versuchen wir das Beste aus der Sache zu machen. Eine Initiative plant an Heiligabend, überall gleichzeitig die Glocken läuten zu lassen. Im Anschluss sind alle dazu eingeladen, „Stille Nacht, heilige Nacht“ von den Fenstern und Balkonen zu singen. Auch die anderen christlichen Kirchen in Gelnhausen sind dazu eingeladen.

Weihnachten in der Corona-Pandemie: „Weihnachtsbotschaft wichtiger als je zuvor“

Verträgt die Weihnachtsbotschaft so viel Abstand?
Hammann: Weihnachten ist das Fest der Liebe. So seltsam es klingt: In diesem Jahr ist es ein Liebesbeweis, Gottes Nähe durch den Abstand zueinander auszudrücken. Nächstenliebe kann so viele Formen haben, auch wenn sie nicht in den Arm nimmt. Ein lieber Gruß, Spenden für Bedürftige, guter telefonischer Kontakt, Schutz der Schwachen, Treffen mit Abstand. Gerade jetzt ist die Weihnachtsbotschaft wichtiger als zuvor.
Günther: Das Corona-Virus lässt sich nicht von der Weihnachtsbotschaft beeindrucken, aber ein rücksichtsvolles Verhalten aus der Liebe zum Nächsten wird dem Virus die Ausbreitung erschweren. Die Botschaft von Weihnachten hängt umgekehrt nicht von der Aggression eines Virus ab und sucht sich ihre eigenen Formen, durch die Jahrhunderte hindurch den Menschen Mut zu machen. Das hat sie immer getan und wird sie auch in Zukunft tun, über jede zeitliche und räumliche Distanz hinweg. Weil sie die Kraft hat, die Herzen der Menschen zu erwärmen.
Aus der Position des Seelsorgers, was glauben Sie macht es mit den Menschen, wenn sie mit Verzicht und Alleinsein rund um Weihnachten rechnen müssen?
Hammann: Jesus wurde in keine heile Welt geboren. Für viele Menschen ist Weihnachten ein schwieriges Fest. Ihre Welt ist nicht heil. Spannungen in Familien treten deutlicher hervor als sonst. Ich selbst hatte in meiner Verwandtschaft dieses Jahr drei Todesfälle. Diese Menschen fehlen uns an Weihnachten besonders. Von Bethlehem her gesehen überfordert das Christfest niemanden mit Harmonie, Wohlsein und guter Laune. Ich finde es tröstlich, dass gleich am Anfang von Jesu Leben deutlich wird: Gott geht in die Welt, wie sie ist. Der christliche Glaube erschafft keine Traumwelt, sondern einen Raum, in dem sich alle einfinden können, auch mit Trauer, Bruch und Not. In der Advents- und Weihnachtszeit kümmern sich viele Kirchengemeinden besonders um einsame Menschen. Die Telefonseelsorge ist immer bereit, auch an Heiligabend. Spezielle Angebote werden es dieses Jahr schwer haben, wie etwa Essenseinladungen für Obdachlose.
Günther: Bereits unter normalen Bedingungen leiden Menschen zu Weihnachten besonders an ihrer Einsamkeit; dies wird wohl durch die aktuelle Situation nun erschwert. Darum wollen wir mit dem Stream der Christmette ein Zeichen der Verbundenheit setzen. Mir ist es wichtig, nicht ständig über Corona zu sprechen, besonders in den Gottesdiensten. Es gibt noch andere Themen, die uns beschäftigen. Schließlich hat die Kirche eine frohe Botschaft, die sie den vielen negativen Botschaften der aktuellen Nachrichtenlage als Gegenentwurf entgegenzustellen hat.

Video: Der Gedanke an Weihnachte im Teil-Lockdown bedrückt viele

Menschen brauchen andere Menschen – und das nicht nur online. Wie stellen Sie sich das Leben in der Kirchengemeinde in den nächsten Wochen vor?
Hammann: Ich teile Ihre Beschreibung. Das Machbare ist durch die Corona-Bestimmungen für viele Bereiche des Lebens eingeschränkt. Manche Dinge können wir zur Zeit nicht im direkten Miteinander tun. Anderes geht weiter. Neues hat sich entwickelt. Ich finde online immer noch besser als komplett offline. Bis wir uns wieder in den Arm nehmen können, wird es noch dauern. Bis dahin übernehmen wir in den Kirchengemeinden die Verantwortung vor Gott für die Menschen, denen wir begegnen. Alle, die das auch tun, helfen, Schaden von anderen abzuwenden. Vielen wird der Wert unseres menschlichen Miteinanders wieder deutlicher. Das sollten wir uns für danach merken.
Günther: Das hängt von den aktuellen Bestimmungen ab. Viele geplante Treffen müssen wohl entfallen, die Adventsfeiern und Weihnachtsmärkte sind vielerorts abgesagt. Das werden viele Menschen schmerzlich vermissen. Vielleicht wird andererseits der Advent 2020 dann wirklich einmal die „stillste Zeit im Jahr“, wie Heinrich Waggerl einmal geschrieben hat. Und damit zu einer Möglichkeit, innerlicher zu werden. Weihnachten gilt aber nach wie vor als Fest der Familie. Warum also nicht im häuslichen Bereich Advent und Weihnachten diesmal bewusst anders begehen? Etwa am Abend um den entzündeten Adventskranz sitzen oder am Heiligabend die Weihnachtsbotschaft aus der Bibel lesen. Wenn das weder aufgesetzt noch aus Zwang, sondern aus echter Entdeckerfreude heraus geschieht, kann dies eine Gemeinde und eine ganze Gesellschaft von innen heraus erneuern. Nicht nur der Bischof, der Pfarrer oder die Gemeindereferentin sind Kirche. Alle sind gefordert, mit Fantasie und Gottvertrauen das ihnen Mögliche zu tun, um die Weihnachtsbotschaft spürbar werden zu lassen.

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