Ry Cooder 2004 bei der Grammy-Verleihung für das beste Instrumental-Album.
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Ry Cooder 2004 bei der Grammy-Verleihung für das beste Instrumental-Album.

Musik

Dieser Staub wird sich niemals legen

Ry Cooder erinnert auf seinem neuen Album an die Tradition des sozialkritischen Kommentars in der Folkmusik. „Pull Up Some Dust and Sit Down“ spielt mit volkstümlichen Elementen aus Country, Blues, Texmex und Gospel.

Von Markus Schneider

Viele werden die Vorstellung etwas befremdlich finden, dass es eine Freude sein kann, wenn man sich nach dem Hören eines Albums erstmal den Staub vom Leib klopfen muss. Allerdings gibt es wohl auch kaum jemanden, der seine Hörer auf so lustvolle Weise einstauben könnte wie Ry Cooder. Auch auf „Pull Up Some Dust and Sit Down“, seinem mittlerweile 15. Album unter Alleinregie, führt er uns wieder sehr weit in die patinösen Archive der taditionellen US-amerikanischen Musik.

Kein anderer Musiker erforscht und rekonstruiert mit gleicher Hingabe und Kennerschaft das volkstümliche Liedgut zwischen Country, Blues, Textmex und Gospel. Als gleichsam ein Einmann-Institut zum Reenactment der musikologischen Feldforschung von Alan Lomax und Harry Smith coverte er schon auf seinem Solo-Debüt 1970 vor allem Blues- und Folksongs von Leuten wie Blind Willie Johnson, Woody Guthrie und Sleepy John Estes. Zum Teil hatte er sie beiläufig in einen damals zeitgenössischen Retrofolkrock verpackt, oft belebte er sie jedoch durch originell arrangierte Varianten des Originalsounds von Depressionszeit bis in die Fünfzigerjahre.

Historisch und stilistisch versiert

22 war er, als er debütierte, aber schon als Studiomusiker in L.A. etabliert, gesucht vor allem wegen seiner Slidetechnik, nicht zuletzt aber auch wegen seiner historischen und stilistischen Versiertheit. Seine natürlichen Verbündeten fand er in gleichermaßen historisch interessierten Künstlern wie Randy Newman, Van Dyke Parks und Taj Mahal, mit dem er schon als 17-Jähriger zusammenspielte. Aber man hört Cooder auch in Captain Beefhearts Magic Band und auf einigen der besten Aufnahmen der Rolling Stones, deren Keith Richards – so dieser in seinen Memoiren – er die für etliche Stones-Klassiker emblematische Gitarrenstimmung beibrachte.

Die Stones hätten ihn gerne festangestellt, aber Cooder zog die mindestens musikalisch aufregendere Karriere als Stil-Reisender vor, die ihn durch zahlreiche Soundtracks und Gemeinschaftsarbeiten mit Musikern aus Mexiko und Mali, Hawaii und, wohl am populärsten, dem kubanischen Buena Vista Social Club führte – so befriedigend offenbar, dass er ab 1987 fast zwanzig Jahre lang kein Solo-Album mehr veröffentlichte.

Wenn man Cooder als Virtuosen bezeichnet, zielt das nicht auf die zu Zeiten hochgehandelte sportliche Beherrschung des Instruments, sondern darauf, sich Ausdruck und Gestalt verschiedener Stile bis in die stimmliche Verwitterung anzueignen und munter zu verschmelzen. Auf seinen besten Alben, etwa dem grandiosen „Chicken Skin Music“, belebt er elegant und mit schrägen, erfindungsreichen Arrangements hawaiianische Stücke, Countryblues und jammernde mexikanische Walzer.

Alles ist wohlgeraten

So vielfältig präsentiert er sich nun auch auf seinem neuen Album. Es zählt auf jeden Fall zu den besten seiner Karriere, obwohl sich an der grundsätzlich kuratorischen Orientierung nichts geändert hat. Zwar besteht „Pull Up Some Dust“ aus wesentlich eigenen Kompositionen, aber diese basieren natürlich gründlich auf den mittlerweile in seine DNS geflochtene Americana. Wie schon auf den letzten Veröffentlichungen, die zur Trilogie zusammengefasst eine Art Geschichte der kalifornischen Arbeiter- und Immigrantenkultur erzählten, gibt es ein Thema. Cooder erinnert an die Tradition des sozialkritischen Kommentars in der Folkmusik, aus dem schönen und offenbar sehr inspirierenden Anlass politischer Genervtheit. Das ist selbstverständlich noch kein künstlerischer Ausweis. Aber seine Songs über Bänker, soziale Ungerechtigkeit und dumme Politiker überzeugen durchweg mit lässigem Abwechslungsreichtum und bezaubernder musikalischer Erfindungskraft.

Zum Eingang rasselt, von Tambourwirbeln unterlegt, fröhlich wie selten ein Banjo- und Mandolinenländler daher, der sich über die räuberische Bänkerszene belustigt, über deren Boni im folgenden schunkelnden Norteno-Walzer der Geist von Jesse James begehrlich nachdenken darf.

Angetrunkene mexikanische Rumba

In einem ähnlich fidelen, offenbar etwas zu lang bebrüteten, Weihnachtscountry empfehlen Kriegsveteranen dem Präsidenten, sich seinen „Krieg in den texanischen Provinzarsch zu schieben“, und für eine Blues-Fantasie über eine ordentliche Präsidentschaft lässt Cooder bis zum tappenden Fuß, dem dröhnenden Tonfall und der quietschenden Gitarre John Lee Hooker wiederauferstehen. Dazu gibt es melancholisch angetrunkene mexikanische Rumba, seltsam zerzausten Reggae und, eines der Highlights, einen ganz wundervoll daherrumpelnden Gospeltitel, der von einer dumpf-sumpfigen Funklinie begleitet und von einer nur ganz fern hallenden, Slidegitarre grundiert wird.

Wundersamerweise klingt alles trotzdem immer nach Ry Cooder. Das liegt einerseits an seinem prägnanten knorrigen Gesang. Aber vor allem zeigt sich überall Cooders hohe musikalische Intelligenz, die in den jeweiligen Folk-Idiomen so sicher das Verbindende erkennt, dass sie sich genug Freiheit für den eigenen Stil leisten kann und dabei doch liebevoll den Retro-Vorlagen treu bleibt. Alles ist so wohlgeraten, dass man sich wirklich zusammenreißen muss, um hier nicht kulinarisch zu werden. Am besten lässt man erstmal den Staub sich legen und hockt sich hin.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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