Drake ist ein Mann voller Mitgefühl. Allerdings gilt sein gesamtes Mitgefühl sich selbst.
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Drake ist ein Mann voller Mitgefühl. Allerdings gilt sein gesamtes Mitgefühl sich selbst.

Drake, Frank Ocean und The Weeknd

Doofe Jammerlappen, tolle Musik

Am Bartresen wären sie wohl alle unerfreuliche Gesprächspartner: Drake, Frank Ocean und The Weeknd. Aber wie sie sich in ihren neuen R'n'B-Alben durch ihre undurchsichtigen, betrübten Landschaften croonen und dabei vom wuchernden Gestrüpp des aktuellen Pop zerkratzt werden, das ist schon ausgesprochen anregend zu hören, findet unser Autor.

Von Markus Schneider

Man braucht Drake nicht wirklich sympathisch zu finden. Der Sänger und Rapper aus Toronto hat gerade sein zweites Album „Take Care“ veröffentlicht und besticht erneut durch das eigenartige, mitunter leicht penetrante Persönlichkeitsprofil eines zugleich hoch verletzlichen wie grundsätzlich überheblichen Mannes, der sich vor allem um sich selbst sorgt. Satte 410 „Ichs“ zählte der – am Ende begeisterte – Kritiker des Online-Portals Pitchfork auf Drakes letztjährigem Debüt „Thank Me Later“. Es stieg sogleich an die Spitze der US-Charts und in die Grammy-Zonen, obwohl Drake zuvor nur durch sogenannte Mixtapes aufgefallen war, also mit Songs, die sich vor allem an bereits bestehenden Stücken abarbeiten.

Bemerkenswert ist, dass Drake damit zum Stichwortgeber eines veritablen Trends wurde. Als Hipster-R&B führt man derzeit eine weit geöffnete, vage HipHop-orientierte Musik, die großzügig und intelligent Pop und europäischen Dancefloor beleiht und sich auf interessant großmäulige Art der bürgerlichen Introspektion widmet. Neben Drake sorgten hier im abgelaufenen Jahr vor allem die beiden Newcomer Frank Ocean und Abel Tesfaye alias The Weeknd für Furore. Ihr gemeinsames Vorbild ist Kanye West: Der hatte sich 2008 mit dem hoch elektronischen „808 & Heartbreaks“ von der reinen HipHop-Lehre verabschiedet und mit weinender Vocoder-Stimme und betrübten Elektrobeats von seinen Leiden als reichem, von der Welt und den Frauen missverstandenen Mann berichtet.

Mit dem Rhythm & Blues der Fünfziger hat dieser R&B sowenig zu tun wie etwa mit dem aktuellen Retrosoul zwischen Adele und Mayer Hawthorne. R&B ist vielmehr der arrivierte Cousin von HipHop, der die schlechten Manieren der Straße gegen Designer-Ellbogen getauscht hat und den kalten Materialismus der Gangsta gegen den demonstrativen Konsum sozialer Gewinner.

Selbstzweifel bis zur Peinlichkeit

Trotz dieser grundsätzlich uncoolen Ausgangslage gelang es zum Beispiel zur Jahrtausendwende futuristischen R&B-Designern wie Timbaland und den Neptunes, den gesamten Popmainstream aufzumischen. Meist waren die schluchzenden Aufreißerbeats jedoch nicht diskursfähig. Nicht umsonst gehört neben Phil Collins und Huey Lewis auch Proto-R&B-Frau Whitney Houston zu den Auserwählten, die vor 20 Jahren Bret Easton Ellis’ „American Psycho“ in einer seiner berühmten kritischen Einlassungen bejubelte: „Es geht um Selbsterhaltung und Würde,“ erklärt Patrick Bateman einem seiner weiblichen Opfer. „Man kann heutzutage nicht mehr mit anderen fühlen, aber wir können immerhin Empathie uns selbst gegenüber empfinden.“

Auch die im titelgebenden „Take Care“ angedeutete Fürsorglichkeit Drakes bezieht sich vor allem auf ihn selbst. Aber zwischen Erklärungen seiner Größe und der Klage über den Undank der Welt lässt er auch Selbstzweifel zu und gibt sich offen bis zur Peinlichkeit. Er versteht zwar zärtlich die Furcht seiner Freundin davor, dass die Nähte der neuen Brüste nicht schön heilen könnten– aber vor allem hofft er, dass sich diese Brüste gut anfühlen. Seine schmeichelnd melodiöse Stimme erzählt von Momenten ruhmbedingter Abstumpfung, und sie protokolliert ein betrunkenes Telefonat, in dem er seiner Ex-Freundin hinterherheult, dass sie einen Besseren als den Neuen verdiente.

Schönerweise zeigt sich Drake nicht nur in der verwirrten Gefühlslage, sondern auch in der Musik als Schüler Kanye Wests. Er setzt gewinnbringend etwa Wests Lieblingsmotiv der gestopft pochenden Bassdrum ein und spielt mit europäischen Einflüssen in Form hallender Bässe, rasselnder Rhythmen und sämiger Keyboardschlieren oder samplet gleich Popstepper Jamie XX’s Remix von Gil Scott-Heron.

Drake gehört zur Highgloss-Liga

Wo jedoch Drake allein schon mit Gästen zwischen Rihanna und Nicki Minaj, Rick Ross und Lil Wayne zeigt, dass er bei allem Modernismus zur Highgloss-Liga gehört, ist das Genre mit den beiden Newcomern The Weeknd – der auch einen Gastauftritt bei Drake absolviert – und Frank Ocean im Bastler-Segment angekommen.

Zwar singt auch der als Christopher Breaux in New Orleans geborene Ocean im üblichen Falsett der empfindsamen Genre-Männer seit Ginuwine und R. Kelly. Den Schritt vom Börsianer-Soul ins Hipsterland zeigt aber schon das Cover zum Debüt „Nostalgia, Ultra“, wo statt eines Angeber-Neuwagens ein orangefarbener, getunter Dreier-BMW von 1980 am Waldrand steht, bei dem man sofort an die fehlfarbenen Erinnerungsmusiken des aktuellen Hypnagogic- und Retropop denkt.

Tatsächlich klagt Oceans Autotunegesang auf dem Hit „Novacane“ mit dumpf hoppelnden Basstrommeln, zartem Synthieklingeln und schwebenden elektronischen Streichern vor sich hin, anderswo verbindet er Eurodisco mit Keyboardschleiern, schwerem Bassklopfen und eiligen Handclaps, und auf „American Wedding“ legt er unter sein melismierendes Echojammern das komplette „Hotel California“ der Eagles. Dazu singt er von sich, der enttäuschten Liebe im Allgemeinen und der enttäuschten Liebe zu studentischen Pornomodels im Besonderen. „Nostalgia, Ultra“ war übrigens als reguläres CD-Album gedacht. Als sich jedoch seine Majorfirma zierte, die hohen Samplekosten zu bezahlen, stellte es Ocean lässig auf seine Website.

Um Mixtapes handelt es sich auch bei The Weeknds „House of Balloons“ und „Thursday“ (auf dem übrigens Drake den Gastbesuch erwidert). Beinahe triphoppig dimmt Abel Tesfaye seine trüben R&B-Stimmungen herunter, arbeitet mit verlangsamten Siouxsie-and-the-Banshees-Stücken und den Indiepoppern Beach House. Weeknds entkörperlichend verzogene Soulstimmen winden sich in weit geöffneten, abstrakten Räumen aus sparsamen Keyboardakkorden und bedröhnten Gitarren, rhythmischem Atmen und anderen verschwimmenden Geräuschen. Dazu beschwört er undeutlich bedrohliche Atmosphären aus drogensatter Verführung und Sex.

Es sind keine freundlichen Welten, in denen sich diese zweifelnd und verwirrt nach ihrer Männlichkeit suchenden Figuren verlieren – der Hipster hat als Gattung offenbar viel Renommee eingebüßt. Am Bartresen wären sie wohl alle unerfreuliche Gesprächspartner. Aber wie sie sich durch ihre undurchsichtigen, betrübten Landschaften croonen und dabei vom wuchernden Gestrüpp des aktuellen Pop zerkratzt werden, das ist schon ausgesprochen anregend zu hören.

Drake: Take Care (Universal)

Frank Ocean: Nostalgia, Ultra (Download) The Weeknd: House of Balloons;

Thursday (Downloads; the-weeknd.com)

Quelle: Frankfurter Rundschau

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