Rasieren tut Not: Kerschbaumer und Meierhöfer.
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Rasieren tut Not: Kerschbaumer und Meierhöfer.

„Der Barbier von Bagdad“ in Gießen

Dringliche Bestäubungsvorgänge

Eine Graswurzel-Inszenierung von Peter Cornelius’ „Barbier von Bagdad“ in Gießen.

Von Hans-Jürgen Linke

Aus tausendundeiner Zwiebel sprießen während der Ouvertüre glatte, lange Gewächse in den Bühnenhimmel, einer breiten Rasiermesserklinge des orientalisierten Klingenherstellers El Wilkinson entgegen. An den Oberschenkeln des schwarzgelb gestreiften Nureddin hängen dicke Pollenpäckchen, Margiana trägt auf dem Kopf eine Krone aus Staubblättern und Stempel, die einladend und zart wippen und auf Bestäubung warten. Was ja Bienen mit Blüten bekanntlich tun.

Die Ausstattung zu Peter Cornelius’ „Der Barbier von Bagdad“ im Gießener Stadttheater ist verspielt und surreal. Cornelius’ opera buffa ist ein später Ausläufer der im 18. Jahrhundert populären „Türkenoper“. Das Abendland imaginierte darin einen Orient, der inspiriert war von dem mächtigen Osmanischen Reich im Süden und Osten. Allerdings unterschied die Türkenoper nicht genau zwischen Türken, Arabern und Persern. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts war es mit der politischen Redlichkeit dieser Operngattung längst vorbei, die Stoffe wurden märchenhaft oder satirisch. Peter Cornelius machte sich in seinem Libretto allenfalls über Richard Wagner lustig, den er zugleich bewunderte.

Heute allerdings sind Bärte und einige Kleidungsstücke längst wieder politisch markierte Phänomene. Roman Hovenbitzer hat in seiner Gießener Inszenierung das selten gespielte und zutiefst unpolitische Stück in diesen überpolitisierten Zeiten in eine Region verlegt, in der Politisches keine Rolle spielen kann: In eine Welt von Käfern, Maulwürfen, dicken Knospen und Keimlingen. Die simple Handlung – Nureddin ist rettungslos Margiana, Tochter des Kadi, verfallen und umgekehrt, ein gutwilliger, aber aufdringlicher und hinreißend dämlicher Barbier, der die Liebenden gern zusammenbringen will, schafft es beinahe, alles zu versemmeln – hat hier etwas ganz und gar Kreatürliches. Es geht vor allem um die gefühlte Dringlichkeit von Bestäubungsvorgängen und die zivilisatorische Leistung scharfer Klingen.

Duncan Haylers Ausstattung verleiht mit sehr englischem Humor der Geschichte einen Graswurzel-Appeal. Alles ist voller kriechender, krabbelnder Kreaturen, voll Blütenstaub, Mohnkapseln, dichter Haarwälder. Bostana (Marie Seidler), die Vertraute der Margiana, ist als Maulwurf, Margianas Vater als Darth-Vader-Hirschkäfer ausgestattet, im Barbier (Philipp Meierhöfer) mischen sich eine Schildkröte (mit praktisch abnehmbarem Rückenpanzer / Barbierbecken) und ein Druide. Alles wirkt ein bisschen kindisch und überdreht – aber so ist die Liebe nun mal, sie verändert, wie wir wissen, die ganze Welt und verleiht am Ende Margiana und Nureddin echte Flügel.

Die Inszenierung würde nicht funktionieren, wenn nicht die musikalische Seite von allerbester Qualität wäre. Das Philharmonische Orchester Gießen meistert unter der Leitung von Jan Hoffmann vom ersten Augenblick der Ouvertüre an Peter Cornelius’ klare, romantische Tonsprache, die voller melodischer Prägnanz, origineller Harmonik und frischer, kammermusikalisch feinsinniger Farbgebung steckt. Die komplexe Zusammenführung von Dynamik und agogischer Elastizität mit der bewegten Inszenierung steckt voller ausgezeichnet gelingender Feinarbeit. Karola Pavone als Margiana und Clemens Kerschbauer als Nureddin sind ein wunderbar lyrisches Paar voll mit zartem Überschwang und expressiver Leidensfähigkeit. Philipp Meierhöfer konterkariert den freundlichen Wahnwitz der Barbier-Figur mit seinem ausdrucksreichen Bass. Bagdad liegt weit entfernt von der so genannten Wirklichkeit.

Stadttheater Gießen: 10., 23. Februar, 11. März. 23. April.www.stadttheater-giessen.de

Quelle: Frankfurter Rundschau

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