Die Zertrennlichen beim Remmidemmi in der Box im Schauspiel Frankfurt. Foto: Jessica Schäfer
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Die Zertrennlichen beim Remmidemmi in der Box im Schauspiel Frankfurt. Foto: Jessica Schäfer

Schauspiel Frankfurt

Eine echte Liebe

  • vonAndrea Pollmeier
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"Die Zertrennlichen" von Fabrice Melquiot als überzeugendes Frankfurter "Klassenzimmerstück".

Was man sagt, das ist man selber.“ Der trotzige Satz, den Romain seiner Freundin Sabah entgegen schleudert, fällt mitten in einem Streitgespräch. Der Neunjährige ist in Sabah verliebt. Doch jetzt nennt er sie „dreckige Araberin“ und wiederholt Sätze, die er zuvor bei seinen Eltern gehört hat.

Fabrice Melquiots Theaterstück „Die Zertrennlichen“, das in der Regie von Andreas Mach als deutsche Erstaufführung (Übersetzung: Leyla-Claire Rabih und Frank Weigand) in der Box des Schauspiel Frankfurt gezeigt wird, ist ein „Klassenzimmerstück“ für Jugendliche ab neun Jahren, das sich ebenso an Erwachsene richtet. In prägnanten Dialogen spiegelt es den Prozess wider, in dem sich rassistische Denkmuster zwischen den Generationen und in der Nachbarschaft verbreiten.

Eingebettet ist diese Analyse in eine unschuldige erste Jugendliebe. Sabah, mit herausragender Präsenz von Kristin Alia Hunold gegeben, und Romain (ebenso überzeugend: Philippe Ledun) erzählen, auf zwei Schultischen nebeneinander stehend (Bühnenausstattung: Martin Holzhauer), wie sie sich erstmals vom Wohnungsfenster aus wahrnehmen. Romain, der von selbstverliebten Eltern ständig allein gelassen wird, reitet auf seinem Schaukelpferd. Sabah bringt ihm selbstgebackene Makrouts ihrer Mutter. Die freundliche Geste führt zum ersten Kontakt. Romains Eltern werfen das Gebäck zwar unter einem Vorwand in den Müll, doch zwischen den Kindern ist ein Funke aktiviert, der auf dem Schulweg an Dynamik zunimmt. Leise nähern sich die beiden an. Statt in die Schule zieht es sie vom Weg ab in den Wald, wo sie Dinge entdecken, die für andere unsichtbar bleiben. Ein toter Hirsch, ein weißer Büffel sind Projektionen ihrer kindlichen Liebe.

Dass sie auf ihrem Weg zueinander ein Tabu überschreiten, wird ihnen erst deutlich, als die Väter miteinander in einen gewalttätigen Streit geraten. Sabahs Familie verlässt daraufhin den Wohnort, die Kinder verlieren sich aus dem Blick. Die Suche nach der echten Liebe wird ihr Leben jedoch unbewusst weiter prägen. Im Zeitraffer zählen sie auf, was in den zehn Jahren, die dem Zertrennt-Werden folgen, weiter passiert. Romain wird mit 19 Jahren 17 Freundinnen haben und am Ende plötzlich allein dastehen.

Alles Geschehen ist über die Erzählung der Kinder vermittelt. Diese im Stück angelegte Erzählstruktur betont konsequent, wie sehr das Verhalten der Eltern die Denkweise ihrer Kinder bestimmt. Dies geschieht so lebendig und überzeugend, dass man im kargen Bühnenraum keine die Vorstellungskraft stützenden Elemente vermisst. In der einem Klassenzimmer vergleichbaren Nähe der Box werden Liebe, Trauer, Distanz und Verwirrung präzise spürbar. „Die Zertrennlichen“ von Fabrice Melquiot, der 2008 den Theaterpreis der Académie française für sein Gesamtwerk erhielt, ist am Schauspiel mit viel Geschick für das deutschsprachige Publikum entdeckt worden.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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