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Ausrine Stundyte ist Elektra.

Festspiele

„Elektra" in Salzburg: Nein, du sollst mich nicht umarmen

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Den Salzburger Festspielen gelingt eine große „Elektra“ für Theater- und Kinopublikum. Auf der Bühne sieht es von außen aus, als wäre alles fast wie vorher.

Musik. Großes Orchester. Bloßes Einstimmen, anschwellend“, heißt es am Schluss in Peter Handkes „Zdenek Adamec“. Der Autor konnte beim Niederschreiben dieses an für sich bescheidenen Einfalls nicht wissen, dass das vertraute Geräusch – ohne theatralisches Anschwellen – Mitte März für Monate so rigoros, so vollständig verschwinden und damit sogleich zum Sound für vergangene und hoffentlich wiederkehrende bessere Tage werden würde. Interessant, dass Handke eigens darauf hinweist, dass es ein großes Orchester sein soll.

Das Geräusch ist auch längst noch nicht zurück im normalen Leben, war jetzt aber doch zu hören: bei den modifizierten Salzburger Festspielen zum hundertjährigen Bestehen, die mit Richard Strauss’ „Elektra“ eröffneten. Anders als die zweite Opernpremiere, „Così fan tutte“, ist das ein monströses Werk, wenngleich ohne große Chorauftritte und ohne Pause, was sich gut traf. Das Zustandekommen muss ein Akt der Energie und Entschlossenheit sondergleichen gewesen sein, allerdings auch das Durchziehen der maximalen Ausnahme, erreicht nicht zuletzt durch „Quarantäne-artige Umstände“, wie der Dirigent Franz Welser-Möst im Gespräch mit dem Münchner „Merkur“ sagte. Regelmäßige Corona-Tests gehörten dazu, private Zurückhaltung in hohem Maße.

Man hat hier also wohl weniger ein realistisches Zukunftsmodell für eine „neue Normalität“ mit dem Virus vor sich, aber das beeindruckende Beispiel für die einzigen großen Festspiele weit und breit, die partout stattfinden wollten – wahrlich: warum sollte der Oper verwehrt sein, was der Fußball darf. Im Graben der Felsenreitschule die Wiener Philharmoniker in voller Besetzung und eng wie gewohnt, mitsamt dem für die „Elektra“ vorgesehenen Bläserheer. Gegenwärtig ein fast irritierender Anblick.

Die Aufführung selbst großartig, trotz einiger Umständlichkeiten, die bei der Live-Übertragung im Kino, einem unerwartet sinnlichen Erlebnis, vielleicht noch etwas mehr auffielen. Zugleich waren sie geeignet, Ironie des Regiehandwerks, hier von Krzysztof Warlikowski, das Augenmerk erst recht auf die perfekten Figuren und ihre ausgezeichnete Führung zu lenken. Dass das Werk der beiden Festspielmitgründer Strauss und Hugo von Hofmannsthal im fragmentierten (größtenteils auf 2021 verschobenen) Jubiläumsprogramm so ernst genommen und groß angelegt wird, hat schon für sich genommen Grandezza.

Der Hof von Mykene ist in Malgorzata Szczesniaks Ausstattung ein unwirtlicher Ort. Metallische Wände mit einigen kargen Duschen, eine umlaufende Bank, ein längliches Wasserbecken, das dem insgesamt ungesunden Licht noch weiter zusetzt. Gelegentlich watet jemand im Becken, Elektra dreht einige Duschen auf. Etwas untriftiger Bühnenzeitvertreib. Dass hier eingangs ein Menschenopfer vorbereitet wird, dessen Eingeweide nachher Klytämnestra wohl als Quelle der Information oder der Entspannung dienen sollen, ist ein finsterer Vorgang im Hintergrund, der gleichwohl angesichts der atemberaubenden Konzentration der Musik und Elektras geradezu läppisch wirkt.

Links ein großer gläserner Kasten, in dem stumme Szenen aus der grässlichen Vergangenheit zu sehen sind, der Vater gemeuchelt, das Kind nimmt die Axt beiseite: der Racheplan Elektras ist nicht ein wichtiger Teil ihres Lebens, er ist ihr Leben. Nachher ist der Kasten auch der Schauplatz der aktuellen Morde, wobei es im entscheidenden Moment jeweils stockdunkel wird. Auch entsprechende Videoprojektionen sowie drei immer wieder einmal nach hier und dort getragene Kinderankleidepuppen signalisieren, dass es eine Vorgeschichte gibt. Klytämnestra, der vor Ausdruckskraft geradezu bebenden Tanja Ariane Baumgartner, gehören diesmal zudem die ersten, gesprochenen Worte: Kaltblütig bekennt sie den Gattenmord.

Merkwürdig freilich, wie all diese Andeutungen und Hinweise dann im Grunde keine Rolle mehr spielen, Dekor bleiben, während sich nun die namenlose Anspannung Elektras und ihrer Umgebung durchaus im Hier und Jetzt, es gibt nichts anderes, Bahn bricht.

Ausrine Stundyte übernimmt den Abend. Sie hat Klytämnestra von der Seite aus zugehört und wird auch im Folgenden keinen Moment die Bühne verlassen. Eine vor Hass und Entschlossenheit schier wahnsinnige junge Frau, beweglich in Körper, Mimik und Stimme, die hochdramatisch ist, bei der nichts verschwimmt und verabsäumt wird. Jede Wendung wirkt musikalisch und inhaltlich ausgefeilt, die Spitzentöne sitzen, als wären sie gar keine Herausforderung. Eine Leistung, die Stundyte ganz leichthändig abliefert, alle sichtbare Strapaze kann sie in ihr Spiel investieren. Hass macht nicht steif, Hass macht raubtierhaft. Hass ist außerdem einfältig.

Allein weshalb sie sich für das duftige Sommerkleid (freilich irgendwie sinnig in Schneeweiß mit roten Blumen) mit Jäckchen und Handtäschchen – auch für die allgegenwärtigen Rauchutensilien – entschieden hat, bleibt ihr, nein, Szczesniaks Geheimnis. Elektras Schwester Chrysothemis zeigt sich im bauchfreien rosafarbenen Ensemble, allerdings nimmt man es ihr wenigstens ab, dass sie gefallen will / muss. Asmik Grigorian, die berühmte Salzburger Salome von 2018, die nun mit Stundyte ein litauisches Traumduo bildet, ist stimmlich das ideale Pendant. Alles Hochdramatische biegt sich hier in die Süße des Wohllauts bei nicht minderer Wucht und ebenso exzellenten Höhen. Dabei ist auch Chrysothemis kein angepasster Engel, auch sie eine unzufriedene, aggressive Frau, der man den konventionellen Kinderwunsch jedenfalls im braven, bürgerlichen Sinne kaum abnehmen kann.

Verstörung, aber vor allem Wut und Gefühl wohnen in diesem Haus, dem Baumgartner als auch stimmlich extrem expressive Königin vorsteht. Ihr spät und quasi nur rechtzeitig zu seiner Ermordung erscheinender zweiter Mann Ägisth, Michael Laurenz, ist ein blässlicher Lustmolch im mafiosen Anzug. Den Stieftöchtern schaut er gerne hinterher. Es ist ohnehin eine vage Sinnlichkeit im Raum, die kokett stolzierende Chrysothemis, die sich verquält rekelnde Elektra. Diese Sinnlichkeit geht gewissermaßen konsequent ins Leere, weil es eben keine ausgetüftelte Psychologie geben soll, nur die rasende Ablehnung, die Unbedingtheit und daneben den Unmut der jüngeren Schwester, ihre eher mürrisch transportierte Sehnsucht.

Kein Abend, der den Frauen auf die Spur kommen will. Warlikowskis Blick ist kalt, er hält sich raus, er stellt das Monströse zur Schau. Das sind wahrlich die treffenden Bilder zum von Welser-Möst ideal dosierten, in Zaum gehaltenen Irrsinn der Musik.

Von anderer Art ist Orest, Derek Welton im niedlichen Strickpulli, der mit seinem Inkognito-Auftritt immerhin zu erklären ist. Nicht nur singt dieser wirklich kindlich wirkende Orest mit religiösem Ernst und profundem, aus der Tiefe kommendem Bassbariton, er nimmt auch seine mörderische Aufgabe mit angemessenem Entsetzen und mit Tapferkeit auf sich. Warlikowski schenkt ihm einen schönen, heiligen Moment, wenn die Alten am Hof von Mykene den Königssohn erkennen und ihm still huldigen, bevor die Schwester begreift. Elektras „Nein, du sollst mich nicht umarmen. Tritt weg ...“ ist natürlich beziehungsreicher als je zuvor.

Der Beifall frenetisch, für das überwältigende Trio der Darstellerinnen, für Welser-Möst und das Orchester, für die Gesamtleistung, für die sensationelle Tatsache gewiss auch, dass es zu diesem Abend überhaupt gekommen war. An dem sich dann auch beim Verbeugen die Beteiligten herzten und an den Händen hielten. Natürlich kein Problem (die Tests, die Schutzvorkehrungen), aber doch eine Geste. An der sich Warlikowski nicht beteiligte und seine Hände diskret vor sich faltete. Während in „Elektra“ alles extrem direkt und unmetaphorisch ist, die Axt, der Plan, der Mord, wird hier draußen gegenwärtig verblüffend vieles zum Symbol.

Das Publikum durfte indes, wie bereits gewohnt, am Platz die Maske abnehmen, jedoch gab es die Empfehlung, sie während der Vorstellung aufzulassen.

Salzburger Festspiele: 6., 10., 16., 21., 24. August. Fernsehübertragung auf 3sat am 15. August, 20.15 Uhr.

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