In Schwester Monika keimt die Liebe: Gesa Geue mit Clemens Dönicke.
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In Schwester Monika keimt die Liebe: Gesa Geue mit Clemens Dönicke.

„Die Physiker“ in Mainz

Das ist das Ende, mein Freund

  • vonAndrea Pollmeier
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Wie ein Kommentar zum Zeitgeschehen: Dürrenmatts „Physiker“, inszeniert von K. D. Schmidt am Mainzer Staatstheater.

Klassiker des Theaterrepertoires gewinnen manchmal auf unerwartete Weise Aktualität. Das trifft jetzt zu auf Friedrich Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“, die von Regisseur K. D. Schmidt am Mainzer Staatstheater neu inszeniert worden ist. Das Stück entstand 1962 als Reaktion auf die Risiken des Kalten Krieges. Einer breiten Öffentlichkeit wurde in der Kuba-Krise zum ersten Mal bewusst, dass ein weltweiter Atomkrieg möglich ist. Dürrenmatt stellt in seiner bitterbösen Komödie die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers für seine Erfindung. Darf er ein Wissen der Welt verfügbar machen, das potentiell zu ihrer Zerstörung führt? Hat er überhaupt die Chance, Wissen, das einmal denkbar geworden ist, wieder auszuradieren?

Regisseur K. D. Schmidt folgt diesen von Dürrenmatt in den „Physikern“ gestellten Fragen, ohne sie jedoch in einen gegenwärtigen Kontext einzubinden. In seiner Inszenierung gewinnt die Magie mathematischer Formeln die Oberhand. Gleich zu Beginn steht ein Mann im weißen Kittel auf der Bühne und schreibt wie in einem Hörsaal Formeln auf eine imaginäre Tafel. Das leise Kratzen der Kreide ist zu hören, im Hintergrund erscheinen auf einer schwarzen Metallwand mathematische Formeln in weißer Schrift. Immer mehr Formeln kreisen wie kosmische Gestirne durch die Luft, während Liedpassagen von „The Doors“ eingespielt werden: „This is the end, my only friend, the end“. Bizarr sanft wird ein drohendes Ende angekündigt.

Der magisch aufgeladenen Stimmung folgt sogleich Ernüchterung. Die Bühne, konzipiert von Wolf Gutjahr, ist hell erleuchtet. Drei Räume, die auf menschenhohen Metallstäben nebeneinander stehen, dominieren die Szene. Ihre Wände sind aus durchscheinender, orangefarbener Folie gearbeitet, so dass man von außen beobachten kann, was sich im Innern abspielt. Drei Leitern führen jeweils nach oben zu den Zimmern. Zunächst herrscht dort jedoch Ruhe. Unten, vor den Hochzimmern, hat Kriminalinspektor Voß (Martin Herrmann), Ermittlungen aufgenommen. Wie Fernsehdetektiv „Columbo“ steht er in hellem Trenchcoat, mit Lupe und leicht vorgebeugter Haltung vor einer Toten, die am Boden liegt.

Die seltsame Szene mit den zwischen Himmel und Erde angelegten Räumen soll Teil eines Nervensanatoriums sein. Während unten die Tote abtransportiert wird, erklingt Geigenmusik. Im mittleren Raum schreibt jemand wie ein Besessener Formeln auf die orangefarbene Plastikfolie seiner Zimmerwand. Diese Formeln verkörpern Macht. Wer über sie verfügt, kann Weltherrschaft erlangen. Auf der Bühne vollzieht sich nun das Ringen darum, in wessen Hände diese Formeln gelangen. Der Versuch des Physikers Johann Wilhelm Möbius (Clemens Dönicke), sich als Irrer auszugeben und die „Weltformel“ hinter den Mauern des Sanatoriums vor der Welt geheim zu halten, scheitert. Denn, so die desillusionierende Logik Dürrenmatts, selbst derjenige, der grundlegende Gesetze der Welt kennt, ist nicht in der Lage, Zufall und Intrige zu kontrollieren.

Machtgier, überzeugend verkörpert in Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd (Monika Dortschy), Intrige, vertreten durch die verdeckt agierenden Geheimagenten Einstein (Denis Larisch) und Newton (Klaus Köhler) und Liebe, aufkeimend in Schwester Monika (Gesa Geue), wirken unberechenbar auf das Geschehen ein.

Nach den Präsidentschaftswahlen in den USA, die Unberechenbarkeit und rückhaltlose Machtpolitik gestärkt und die Sorgen der sechziger Jahre in Erinnerung gebracht haben, wirkt diese Analyse wie ein Kommentar zum Zeitgeschehen

Staatstheater Mainz: 6., 10., 12., 20. Febr., 4., 11., 15., 16., 21., 22. März.
www.staatstheater-mainz.de

Quelle: Frankfurter Rundschau

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