Weiß sie, wo sich ihr Avatar rumtreibt?
+
Weiß sie, wo sich ihr Avatar rumtreibt?

Frankfurter Positionen

Erst gesurft – dann ertrunken

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
    schließen

Die „Frankfurter Positionen“ im Mousonturm mit einer Computerspiel-Performance von Chris Kondek und Christiane Kühl.

Können wir uns im Netz neu erfinden? Oder erfindet uns das Netz neu – und übernimmt, sobald wir einmal nicht achtsam sind, unser digitales Leben und verändert unser reales gleich mit? „Ich reloaded – Das Subjekt im digitalen Netz“ lautet das Thema der „Frankfurter Positionen 2017“, es ist das mittlerweile achte des alle zwei Jahre stattfindenden „Festivals für neue Werke“.

In seinem Rahmen gibt es diesmal bis zum 12. Februar Theater- und Tanzaufführungen, diese vor allem im Mousonturm, außerdem Konzerte, Vorträge, eine „Lange Nacht der Sozialforschung“ und eine Ed-Atkins-Ausstellung im Museum für Moderne Kunst. Start der Frankfurter Positionen war am Freitagabend mit der Performance „You Are Out There“ von und mit Chris Kondek und Christiane Kühl.

Die gut einstündige Aufführung greift auf das ehrwürdige Doppelgänger-Motiv à la Dr. Jekyll und Mr. Hyde zurück, das aber mithilfe moderner Computer- und Videowandtechnik. Die beiden, die sich als Theatermacher-Duo doublelucky productions nennen, fragen also: Ist die Seele der erste Doppelgänger des Körpers – aber mittlerweile jedes Profil im world wide web ein weiterer? Bin ich mein Avatar und wenn ja, wie viele? Und wer klopft meinem digitalen Double auf die Finger, wenn es übergriffig wird, wenn es (s)einen eigenen Kopf durchsetzen will? Der Jubel war groß, heißt es in „You Are Out There“ zum Schluss, als wir „die Beschränkungen der steinalten Welt“ Schritt um Schritt hinter uns lassen konnten – aber dann sind wir „mehr ertrunken als gesurft“.

So wie die alten Doppelgänger-Geschichten ist auch diese eine Grusel-Story. Alma Beckmann (Christiane Kühl) findet plötzlich ein Filmchen vor, in dem sie älter aussieht, auf einer Party tanzt, ein Glitzerkleidchen trägt, wie sie es nie besessen hat. Dann ist das Filmchen verschwunden. Dann ist es wieder da. Ihr Avatar hört nicht auf zu tanzen, trotzt ihr. „The two of you is one too many“ lautet einer der Sätze Chris Kondeks, der als Erzähler-Conférencier auftritt. Und, zum Publikum: Die Maschine hat sie perfekt gelernt.

Das Publikum spielt mit

Aber was hat sie nun vor? Und wer und wo ist sie? Ein kleiner Hase mit ominös blinkenden Augen spielt mit: Rabbit is watching you. Computertricks spielen mit, etwa ein winkendes Figürchen, das auf einer Spielkarte übers Meer schippert, während diese Karte doch vor unseren Augen leer über eine Weltkarte geschoben wird.

Und das Publikum spielt mit. Man hat ihm vor Beginn Ausweisdokumente abgeluchst, plötzlich tauchen alle die Pass- und andere Fotos auf der Videowand auf. Ein Bild-Erkennungsprogramm hat errechnet, mit wieviel Prozent Wahrscheinlichkeit der oder die Betreffende ein Mensch ist. Die Rezensentin liest mit Interesse, dass ihr Ausweisbild mit 15-prozentiger Wahrscheinlichkeit den Spiegel eines Autos zeigt („car mirror“), zu elf Prozent eine Kerze, zu sieben Prozent ein Feuerzeug. Es macht die Rezensentin froh, dass sie einem Computerprogramm gegenüber immer noch so tun kann, als sei sie gar kein Mensch.

Als Start eines Festivals, das sich dem Subjekt im digitalen Netz widmet, zeigt diese pfiffige, gut einstündige Produktion doch auch, dass das Thema auf der Bühne nicht leicht zu verhandeln ist. Eine virtuelle Bedrohung der realen, analogen Identität lässt sich nur mittels Hilfskonstruktionen abbilden – und sei das eine Hasenfigur mit diabolisch blinkenden Augen.

Frankfurter Positionen: bis 12. Februar. www.frankfurterpositionen.de

Quelle: Frankfurter Rundschau

Das könnte Sie auch interessieren