Beim Elgar-Konzert: Mirga Grazinyte-Tyla und Vilde Frang in der Alten Oper.
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Beim Elgar-Konzert: Mirga Grazinyte-Tyla und Vilde Frang in der Alten Oper.

Alte Oper Frankfurt

Erwachen heiterer Gefühle

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Vilde Frang, Mirga Grazinyte-Tyla und die Sinfoniker aus Birmingham spielen Elgar, Mozart und Beethoven.

Zwischen vertrautem Terrain ein seltener betretenes Areal, Edward Elgars Violinkonzert in h-Moll von 1909/10. Das ist ein ausladendes, komplex, etwas pompös und ungemein ehrgeizig wirkendes Werk, in dem man sich unter Umständen gar nicht so gut zurechtfindet, Vilde Frang aber selbstverständlich schon. Die Solistin muss, darf verhältnismäßig lange zuhören, das Orchester bietet einen wuchtigen, jedenfalls sämigen Beginn, bevor sich die Violine endlich einmischt, das heißt hier: anschmiegt an den Gang der Dinge.

Glasklar und von unprätentiöser, reifer Virtuosität spielte die Norwegerin, ließ das nachdenkliche Vortasten hören und zeigte sich zugleich von jener Bestimmtheit, die ihren immer eigenwilligen und immer sicheren Umgang mit der von ihr gewählten Musik ausmacht. Der doch etwas verschwommen erscheinende zweite Satz war dadurch dringlich. Das für die Solistin sicher anstrengende Spektakel des dritten entwickelte sich ruhig und gefasst bei jedoch kontrastreichstem Programm zwischen Teufelsgeigertum, meditativen Phasen und Ausbrüchen hin zur schieren Üppigkeit. Dass Vilde Frang keine Zugabe spielte, entsprach zwar nicht dem rasenden Beifall, der ihr beim Sonntagabendkonzert der Alten Oper Frankfurt entgegenschlug, war aber verständlich.

Vilde Frangs Präsenz ist durchschlagend, auch ist der Geigenpart wahrlich der Fremdenführer durch das merkwürdige Werk. Überdurchschnittlich prägte die Solistin also den Mittelteil des Programms, obwohl das City of Birmingham Symphony Orchestra sich nicht versteckte und auch keinen Grund dazu hatte. Angereist war es mit seiner seit 2016 amtierenden Chefdirigentin, der 31-jährigen Litauerin Mirga Grazinyte-Tyla. Mit dem Orchester schien sie schon ungemein einig, ihr Dirigieren konzentrierte sich offenbar bereits auf die Vorgabe der großen Linien, dazu auf feine Erinnerungstupfer für zuvor in Ruhe erarbeitete Verabredungen. Der Gesamtklang sehr gepflegt, der Umgang mit der einleitenden Ouvertüre zu Mozarts „Zauberflöte“ zum Teil etwas atemlos, aber jedenfalls so, dass man anschließend gerne die Oper gehört hätte (Ouvertüren im Konzertsaal, klassisch, aber immer auch betrüblich).

Nach der Pause dirigierte Grazinyte-Tyla eine über weite Strecken äußerst organische Pastorale, Ludwig van Beethovens Bilder für die sechste Sinfonie wunderbar ausmalend. Makellos säuselte der Sommer im ersten Satz. Selten auch ist das „Lustige Zusammensein der Landleute“ so lustig ländlerisch, ohne derb zu werden.

Als Zugabe war die in diesem Falle völlig antikarnevalistische „Pizzicato-Polka“ eine unerhörte Übung im Pianissimo. Weil übrigens auch eine Konzertmeisterin den Musikern vorstand, erlebte man nebenbei eine unübliche Konstellation und dies, ohne dass die Welt deshalb untergegangen oder sonst etwas Schlimmes geschehen wäre.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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