Lori Nix, "Library", 2007.
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Lori Nix, "Library", 2007.

"Buchwelten"

Flieg, Buch, flieg!

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Damit lässt sich einiges machen, manchmal ist man seltsam berührt davon: Das Bad Homburger Sinclair-Haus zeigt Kunst aus vielen Bänden.

Was man Büchern alles antun kann – um sie zu ehren. Zerschneiden, zerreißen, zurechtfräsen, zum Pflanzennährboden machen oder in die Erde eingraben, mit allerlei Materialien übergießen, tränken, bemalen, durch die Luft schleudern, verbrennen sowieso. Eine Ausstellung, die jeden Bücherfreund zunächst seltsam berühren muss, die aber, erkennt er vermutlich bald, den Kulturträger Buch fantasievoll und tiefsinnig würdigt, zeigt das Bad Homburger Museum Sinclair-Haus zur Zeit unter dem Titel „Buchwelten“. Den von den Künstlern verwendeten Büchern ist vieles zugestoßen, aber auf grandiose Weise leben sie dadurch weiter. Fast will es scheinen, die Botschaft dieser Schau lautet: Bücher sind nicht totzukriegen. Denn mit einem blechern-harten Kindle zum Beispiel könnte man so erstaunliche und ja, auch schöne Sachen nicht machen.

Jonathan Callan baut aus Bücherfundamenten und Gips kleine beschneite Berge. Ein Geheimnis, welcher dicke Band das Fundament für „Offspring“ oder „Waltz“ bildet. Peter Wüthrich hängt unter dem Titel „Literarische Landschaft“ Bücher mit Leineneinbänden an die Wand, die Einbände hat er zum Beispiel mit grünen Hügeln bemalt. Sie erinnern in ihrem sanften Schwung an die Toskana. Terrarien, in denen Bücher in einem feuchten Habitat mit diversen Pflanzen leben – und sich vermutlich zersetzen, von den Pflanzen ganz langsam zu Erde umgewandelt werden – baut Thimo Franke auf. Eine faszinierende Versuchsanordnung.

Ein Bücher-Schnitzer ist Guy Laramée. In Bad Homburg ist, einem Grand-Canyon-Modell ähnlich, seine „Encyclopaedia Britannica“ zu sehen. Sandfarben, steil und schroff brechen die Papierwände ab. Einen Miniaturkrater hat Laramée zudem in einer Büchermitte entstehen lassen, „zerfallenes, abgetragenes Buch“ informiert die Beschreibung von „Untitled“. Das ist freilich beileibe nicht das einzige Werk, bei dem man rätselt, mit welchen Mitteln es entstand und wie lange das dauerte.

„10.000 Jahre Geschichte, I und II“ von Max Schmelcher besteht aus „Moor, getrocknet“ und „Moor, frisch“, aber frisch sehen die beide massiven, ein wenig einem schwarzen Blätterteig ähnelnden Blöcke gerade nicht aus. Dafür wirkt das „Brandbuch IV“ von Hubertus Gojowczyk von fern, als sei es noch kaum erkaltet, von nah erstaunlich stabil: Die wild gewellten, hauchdünnen Seiten sind aus Wachs. Gojowczyk hat außerdem ein Hölderlin-Gedicht mit Sonnenlicht und Lupe Zeile um Zeile ausgebrannt, die Wörter als Rauchzeichen in die Luft entlassen. Und auch bei Cornelia Konrads gibt es ein „Brandbuch“, dieses aus Kerzenstummeln. Dazu ein „Blindbuch“, das statt einer Brailleschrift Dornen trägt, dazu ein „Tränenbuch“, das drahtüberzogen ist. Am Draht hängen ganz feine Salzkristalle.

Wüthrich lässt Bücher auch fliegen wie papierweiße Vögel. Wo das überhaupt ist, spielt dabei keine Rolle. Die Menschen, die geworfen, diese seltsamen Wesen in die Freiheit geschickt haben müssen, sieht man nicht. Und nie stürzt eines ab.

Es sind ungeheure Bastler unter den Künstlern dieser Ausstellung. Bei Su Blackwells „White Flowers“ sprießen weiße Scherenschnitt-Blumen aus einem Bestimmungsbuch, dicht an dicht und doch hauchzart. Ein riesiges Buch wird umkränzt vom „Sertum Orchidaceum“: Prächtige Papierorchideen scheinen in den Seiten zu wurzeln, die Seiten zu umschlingen. Knöchelchen aus Papier liegen um ein Bäumchen aus Papier in der Arbeit „Aschenputtel“.

Ehe Lori Nix’ großformatige Fotografien entstehen können, sind die Vorarbeiten dieser Künstlerin immens. Spektakulär ist „Library“, eine auf den ersten Blick zerstörte, von der Natur schon besiedelte Bibliothek. Ungewiss bleibt auch auf den zweiten und dritten Blick, wie und aus was Nix ihre detaillierte Bücherpuppenstube gebaut hat, sie ist unter anderem gelernte Keramikerin.

Und schon vor dem Sinclair-Haus wird man diesmal eingestimmt. Alicia Martín hat unter dem Titel „Jardínes“ bunte Bücher zu etwa einem Drittel eingegraben. Wie der Jahreszeit trotzende Blüten ragen sie aus dem Rasen. Manche Besucherin, lässt sich beobachten, schlendert von Buchblüte zu Buchblüte, macht allerdings dann doch davor Halt, daran auch zu schnuppern.

Museum Sinclair-Haus, Bad Homburg: bis 4. Februar. www.museum-sinclair-haus.de

Quelle: Frankfurter Rundschau

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