Die Drähte glühen nicht.
+
Die Drähte glühen nicht.

Münchner Kammerspiele

Gnadenfreier Kapitalismus

Die Drähte zwischen den großartigen Schauspielern glühen nicht: „Der Kirschgarten“, inszeniert von Nicolas Stemann, und „Hamlet“ an den Münchner Kammerspielen.

Von K. Erik Franzen

Die Debatte über die Neuformatierung der Münchner Kammerspiele Ende letzten Jahres ist erst mal abgeklungen. Zufall oder nicht? Die beiden Hausregisseure der traditionsreichen Kultureinrichtung an der Maximilianstraße, Nicolas Stemann und Christopher Rüping, hatten sich schon vor längerem für den Januar 2017 zwei nicht ganz unbekannte Klassiker vorgenommen: „Hamlet“ und den „Kirschgarten“. Als Balsam für die entzündeten Theaterseelen derjenigen, die endlich wieder „Theater“ (und nicht „Performance“) sehen wollen? Nicht wirklich. Die Grenzen zwischen beiden Formen sind ohnehin durchlässig, dafür stehen die oft im besten Sinne verstörenden Aufführungen beider Regisseure.

Zwölf Schauspieler für zwölf Rollen? Was ist nur mit Nicolas Stemann los, mochte man denken, als klar wird, dass er den „Kirschgarten“ von Tschechow klassisch durchbesetzt. Er stellt jüngere Spieler (Mariann Yar, Christian Löber, Hassan Akkouch, Julia Riedler, Daniel Lommatzsch, Damian Rebgetz und Samouil Stoyanov) neben erfahrene (Annette Paulmann, Brigitte Hobmeier, Peter Brombacher und Gundars Abolin?). Und dazu in der Hauptrolle die nicht nur durch Thomas Bernhard geadelte Ilse Ritter. Verschiedene Schauspieler-Sprachen und -kulturen treffen aufeinander. Doch insbesondere im ersten Teil des mehr als zweistündigen Abends kommen all diese wunderbaren, vom Alter her oft gegen die Vorgaben eingesetzten Schauspieler vielleicht durch den letztlich ermüdenden „Ich distanziere mich vom Rollenstrich“-Gestus nur schwer in Bewegung.

Die Drähte zwischen den großartigen Schauspielern glühen nicht. Die Stemann-typische, freie Suchbewegung der Akteure (dieses Mal ohne den Regisseur auf der Bühne, ohne den Einsatz von Videos) schwingt im Downbeat-Tempo, selbst dann, als mit lautem Knall abgeholzte Kirschbaumstämme vom Bühnenhimmel stürzen.

Eins jedenfalls wird deutlich: Diese „Kirschgartler“ sind Menschen, die im Angesicht und im Bewusstsein einer dramatischen Umwälzung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse unfähig sind, die Initiative zu ergreifen. Sie empören sich nicht, bleiben zaudernd, auch angesichts der ihnen unmittelbar bevorstehenden Katastrophe: Der hochverschuldete Kirschgarten, Grundlage und Symbol ihres nicht konfliktfreien, aber gerade noch in den alten komfortablen Bahnen gehaltenen Lebens, muss ebenso wie das geliebte Haus verkauft, beziehungsweise zwangsversteigert werden. Ohne Gegenwehr. Alternativlos? Was für eine wunderbare Vorlage für eine vom gnadenfreien Kapitalismus verseuchte und vom Rechtspopulismus bedrohte Welt.

Ein Mon-Chéri-roter, goldbetresster Vorhang gerät außer Kontrolle. Er öffnet und schließt sich im Sekundentakt, bis er sich nahezu eigenständig hin und her bewegt und schließlich im letzten Akt ganz wörtlich zu Boden – fällt. Wie eine Kamera-Blende gewährt er Durchblicke, bannt Situationen, formatiert Binnenräume auf der tiefen, mit ein paar Stühlen, Mikrophonständern, einem Stehtisch karg möblierten Bühne. Ein Traditions-Vorhang als Star des Abends: ein treffendes ironisches Bild der Kammerspieldebatte, die als zweite Ebene der Aufführung aufscheint.

Wie den „Kirschgarten“ heute inszenieren? Wie ihn ernst nehmen? Ihn respektvoll zerlegen, ohne ihn komplett abzuholzen. Aber irgendwie will das nicht richtig gelingen. Auch wenn die Kostüme (Marysol del Castillo) kaum Bezüge zum 19. Jahrhundert aufweisen und betont zivil daherkommen – die Schalte in die Gegenwart stottert.

Nach der Pause wird der bis dahin sehr leise Abend intensiver – auch dank der elegisch-elektrischen Musikbegleitung von Thomas Kürstner und Sebastian Vogel. Und ganz am Ende plötzlich ein elektrisierender Kommentar: Der junge Stoyanov als alter Diener Firs mit Hoodie und Basketball-Hosen über Jeans strapaziert seine Stimmbänder, als er einen politisch nicht ganz korrekten Appell zum schwierigen Verhältnis von Freiheit und Knechtschaft herausbrüllt – während bei Tschechow Firs sang- und klanglos dem Tod entgegenröchelt. Endlich wird man aufgerüttelt.

Christopher Rüping war da ein paar Tage zuvor in seiner Premiere des „Hamlet“ anders vorgegangen. Zusammen mit den wunderbaren Darstellern Katja Bürkle, Walter Hess und Nils Kahnwald präsentierte er einen von Anfang an konsequenten, wilden, intelligenten, nur ganz leicht überdrehten Tanz mit der immer aktuellen Gewalt. In hunderten Litern Theaterblut fast komplett absaufend, ein einziger Schrei: Wie wollen wir leben?

Münchner Kammerspiele: Der Kirschgarten: 30. 1., 5., 9., 23. 2.
Hamlet: 30.1., 16., 17.2.
www.muenchner-kammerspiele.de

Quelle: Frankfurter Rundschau

Das könnte Sie auch interessieren