Julia Rothenburg.
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Julia Rothenburg.

Debütroman

„Er ist nur hier, bis man feststellt, dass er gesund ist“

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Julia Rothenburg erzählt in „Koslik ist krank“ kühl und mit Übersicht vom kafkaesken Lauf der Dinge.

Das Krankenhaus ist nicht nur ein Ort, der eigenen Verletzlich- sowie Sterblichkeit zu gedenken und sich über das Gesundheitssystem in Wut zu reden (all dies zu Recht). Es ist auch eine Welt, in der man binnen Tagen die Übersicht verlieren, ein anderer werden kann, mit anderen Dingen befasst als jemals zuvor. Ausgeliefert und behütet zugleich, allerdings doch mehr ausgeliefert als behütet. Ein Krankenhaus erscheint dadurch auch als ein geradezu aufdringlich kafkaesker Ort, an dem Selbstbehauptung erforderlich, aber mittelmäßig erfolgreich ist. „Das hat nichts mit ihm zu tun“, denkt Julia Rothenburgs K., der aber einen vollständigen Namen bekommt, Koslik, René Koslik: „Er ist nur hier, um die Ergebnisse abzuwarten, er ist nur hier, bis man feststellt, dass er gesund ist, dass alles ein Versehen war. Oder bis man etwas findet ... .“

Julia Rothenburg überlässt ihren Lesern die literarischen Spekulationen. Sie selbst, 1990 in Berlin geboren, hält in ihrem Debütroman „Koslik ist krank“ den Ball so geschickt flach, dass die Schreibübung noch durchscheint, aber es ist eine äußerst gelungene Schreibübung. Weglassung könnte dabei das oberste Gebot gewesen sein, zugleich gelingt es Rothenburg in kurzen, aber nicht penetrant kurzen Sätzen, in spärlichen, aber klug eingestreuten Auskünften die Geschichte eines möglichen Endpunktes zu erzählen. Es muss nicht der Endpunkt des Lebens sein, aber René Koslik selbst hat den Eindruck, sein Dasein in weiter Ferne entschwinden zu sehen. Binnen Stunden.

Nach einem unerklärlichen Aussetzer soll er zu seinem Unwillen gründlich untersucht werden. Kalt und einleuchtend erfasst Rothenburg, wie das System Krankenhaus ihn einsaugt und entmündigt. Dabei ist das Personal okay und die Station für die beweglichen Patienten, auf die er bald gebracht wird – keiner kann hier einfach unbewacht herumlaufen –, in einem ehemaligen Hotel untergebracht. Rothenburg ist offenbar klar, dass genau daraus der latente Alptraum entsteht: Es ist halb so wild, es zieht sich etwas, aber da kann man nichts machen. Vielleicht ist die Untersuchung nachher. Oder sonst morgen.

Koslik ist weniger aufmüpfig als K., aber er sieht das existenzielle Potenzial seiner Lage, gegen das er sich seinem gedimmten Naturell gemäß verwahrt. „Koslik ärgert sich sofort, weil seine eigene Geschichte sich so tragisch anhört.“ In der dritten Person in ihn hineinzuschlüpfen, war übrigens eine vernünftige Entscheidung. Fast alles dreht sich um Distanz und Beobachtung. Während Koslik sich in der fremden, schon nach einer Nacht nicht mehr so fremden Umgebung umschaut, ist er unser und Rothenburgs Laborkaninchen.

Spärliche Auskünfte: Koslik, nicht mehr jung, noch nicht alt, arbeitet als Volkshochschullehrer. Hat als Volkshochschullehrer gearbeitet, denkt man schon bald, er auch. Er hat zwei Schwestern, eine davon ist anstrengend (und wird ihn besuchen kommen, auch anstrengend). Er hat nicht besonders viel zu verlieren, scheint es. Verzweifelt wirkt er nicht. Seine Kontaktaufnahme mit der Außenwelt verläuft unengagiert. Er hat eine große Liebe gehabt, das ist schon länger her, nun aber taucht sie ausgerechnet hier auf, ebenso wie der damalige Rivale.

Das Laborkaninchen wird herausgefordert, die Leser werden es an sich auch – denn das sind schon seltsame Zufälle –, aber gerade hier zeigt sich, wie gut Rothenburg ihren Text durchgearbeitet hat. Man nimmt das Unwahrscheinliche nicht nur hin, sondern respektiert es als Teil eines Konstrukts. „Koslik ist krank“ ist wie ein Entwicklungsroman, dessen Held sich nicht von der Stelle rührt. Dazu passt übrigens auch, dass das Labor in Freiburg steht. Die Berlinerin Rothenburg hat hier studiert, die friedliche, etwas enge Umgebung steht ihrer kleinen unspektakulären, aber letzte Dinge nicht ignorierenden Geschichte gut. Ohne Grund stellt man sich das alles hell und reinlich vor.

Kommt es zu einem Showdown? Koslik ist nicht der Typ dafür. Seine große Liebe wirft ihm Arroganz vor, „und dabei hast du dich mit so wenig zufriedengegeben“. Ja, es ist auch ein Buch zum stillen Erschaudern.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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