Giant Sand

Immer auf der Kippe

  • vonTim Gorbauch
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Howe Gelb, der eigenwillige Trickser und Spieler, in der Frankfurter Brotfabrik.

Das Alter hinterlässt Spuren. Es sind nicht die grauen Haare und der graue Bart – das alles hatte Howe Gelb auch schon, als er vor knapp zwei Jahren in der Frankfurter Brotfabrik zu sehen war. Doch diesmal hat Gelb, eine Art Orpheus der amerikanischen Subkultur, keine Baseball-Cap mehr auf dem Kopf, sondern eine Schiebermütze. Die schwere, schwarze Lederjacke ist einem schmal geschnittenen Anzug gewichen. Gelb, man glaubt es kaum, ist inzwischen 61 Jahre alt. Giant Sand, diese famose, im Niemandsland zwischen Country, Folk, Jazz und Blues beheimatete Band, gründete er vor 32 Jahren.

Seitdem hat er immer wieder neue Rollen angenommen, Gelb ist ein Trickser und Spieler, der nichts so sehr hasst wie wohlig-routinierte Perfektion. Seit ein paar Jahren hat er seine Liebe zu alten Standards entdeckt, zum genauso end- wie zeitlosen Material des Great American Songbook. Natürlich definiert das einer mit der Biografie von Howe Gelb breiter, offener: „A Thousand Kisses Deep“ von Leonard Cohen – skelettiert, entschlackt – gehört genauso dazu wie „Everything Happens To Me“, ein Song, den einst Frank Sinatra mit Tommy Dorsey sang und der vor allem in Chet Bakers fragil-verhangener Lesart berühmt wurde.

Vor zwei Jahren saß Gelb noch ganz allein am Klavier in der Brotfabrik, jetzt hat er Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug um sich, was seine Musik auf eine völlig andere Ebene hebt. Man kann das als Barjazz hören, als Alterswerk meinetwegen auch, aber bei Gelb steht alles immer irgendwie auf der Kippe. Mal greift er ins Innere des kleinen Flügels, um den Fluss der Musik ins Stocken zu bringen, mal erzählt er abstruse Geschichten, mal reicht schon ein Blick, um das alteingesessene Pathos der Musik zu brechen.

Und irgendwann, nachdem er „The Shiver“, einen alten Giant-Sand-Song, als unendlich warme Kammermusik – tatsächlich als „Future Standard“, wie er im Titel seines letzten Album nennt – neu gedeutet hat, greift er nach seiner Gitarre. Und spielt frei und ausgelassen, springt durch die Jahrzehnte, freut sich genauso über eigene Fehler wie über die Fingerfertigkeit seiner Mitmusiker.

Und schließlich setzt er sich nochmal ans Klavier und singt ein ganz altes, schlichtes Lied: „Storyteller“. Rainer Ptacek hat es geschrieben, 1956 kam er als FünfJähriger von Ost-Berlin in die USA. Mit ihm gründete Gelb Giant Sand. Ptacek starb vor fast genau 20 Jahren an einem Hirntumor. Nichts, sagt Gelb, war danach noch so wie davor. Und wenn man ihn hört, das Mikrofon ganz nah am Mund, damit er nicht singen, sondern erzählen muss, weiß man, was er damit meint.

Quelle: Frankfurter Rundschau

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